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StartseiteInterviewBundesumweltministerin: "Wir wollen keinesfalls Fracking"31.03.2014

KlimaerwärmungBundesumweltministerin: "Wir wollen keinesfalls Fracking"

Ein Sofortprogramm der Bundesregierung werde in Kürze kommen, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) in Reaktion auf die Ergebnisse des Weltklimarates im DLF. Der befürchtet eine weitere Klimaerwärmung. Fracking zur Gasgewinnung lehnt sie derzeit ab.

Barbara Hendricks im Gespräch mit Bettina Klein

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (picture alliance / dpa)
Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (picture alliance / dpa)
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Bettina Klein: IPCC, das ist die Abkürzung für Intergovernmental Panel on Climate Change, ein zwischenstaatlicher Ausschuss über die Klimaveränderung also, gemeinhin auch Weltklimarat genannt. Er hat die neuesten Erkenntnisse zum Klimawandel auf der Erde vorgelegt.

Mitgehört hat die Bundesumweltministerin, Barbara Hendricks (SPD). Guten Morgen, Frau Hendricks.

Barbara Hendricks: Guten Morgen!

Klein: Es gibt Skeptiker, die bezweifeln diese Art der Statistiken, wie wir sie gerade gehört haben. Wie viel Glauben schenken Sie dem Bericht des IPCC?

Hendricks: Sehen Sie, der IPCC warnt ja davor, dass, wenn wir gar nichts weiteres unternehmen, als wir jetzt schon tun, es sogar dazu kommen kann, dass wir eine Erderwärmung von vier Grad haben, wobei wir uns ja eigentlich verständigt haben, maximal zwei Grad zulassen zu wollen. Mit anderen Worten aber auch: Der Weltklimarat sagt, wenn wir jetzt was unternehmen, dann wird es zu diesen schrecklichen Folgen nicht kommen. Dann werden wir immer noch Anpassungsmaßnahmen brauchen, weil auch eine Zwei-Grad-Erderwärmung ja schon doch noch Veränderungen in Natur und Umwelt mit sich bringt. Aber dann sind jedenfalls diese katastrophalen Folgen zu beherrschen.

Hendricks: Wir werden etwas anders leben müssen

Klein: Welche Konsequenzen kündigen Sie jetzt sofort an, nachdem Sie das jetzt zur Kenntnis genommen haben?

Hendricks: Wir haben natürlich schon in der Bundesrepublik Deutschland einen Aktionsplan gegen den Klimawandel und es ist nicht so, als hätten sich nicht auch schon zum Beispiel Unternehmen und die öffentliche Hand darauf eingestellt. Andererseits werden wir größere Herausforderungen noch haben, im Bereich Wohnungen zum Beispiel, weil wir sehr viel Energieverbrauch im Wohnungsbereich haben, aber auch im Bereich Verkehr, im Bereich Landwirtschaft. Das wird schon durchaus unsere Lebensverhältnisse ändern. Ich will nicht sagen beeinträchtigen, aber wir werden uns schon darauf einstellen müssen, dass wir etwas anders leben müssen.

Klein: Frau Hendricks, Deutschland ist dabei, sein Klimaziel, nämlich Minus 40 Prozent Ausstoß bis 2020, zu verfehlen. Sie hatten ein Sofortprogramm angekündigt, darauf warten wir immer noch.

Hendricks: Das stimmt. Das liegt noch nicht vor. Es ist aber kurz vor Verabschiedung und vor Beendigung. Und das sind in der Tat Maßnahmen, die ich schon angekündigt habe, im Bereich Gebäude, im Bereich Verkehr, im Bereich Landwirtschaft. Da werden wir auch kurzfristig etwas unternehmen müssen, um unsere, zugegebenermaßen ehrgeizigen Ziele in Deutschland zu erreichen, Minus 40 Prozent CO2-Ausstoß bis 2020. Das ist immerhin, ich sage mal, zehn Jahre ehrgeiziger als in der Europäischen Union, wo wir dieses Ziel 2030 erreichen wollen.

Klein: Woran liegt es denn, dass dieses Programm noch nicht vorliegt, Frau Hendricks?

Hendricks: Sie können sich vorstellen, dass es natürlich nicht so einfach ist, in vernünftige Abstimmungen einzutreten, weil wie schon gesagt: Es bedeutet schon auch Veränderung unserer Lebensweise.

Klein: Wer bremst da im Augenblick?

Hendricks: Nein! Ich kann nicht sagen, dass irgendjemand bremst. So ist es nicht.

Klein: Sondern? Sie wollten ausführen, woran es liegt, dass wir das Programm noch nicht haben.

Hendricks: Sehen Sie, es beeinträchtigt uns ja schon, oder es kann uns beeinträchtigen. Wenn wir zum Beispiel sagen, wir müssen jetzt bei den Gebäuden voranschreiten, dann kann es dazu führen, dass wir vielleicht uns darauf einstellen sollten, über die Maßnahmen hinaus, die wir kennen, auch unsere Lebensweise etwas zu ändern. Ich weiß, dass vor vielen Jahren da mal jemand ziemlich angefeindet worden ist, weil er gesagt hat, wir müssen vielleicht mal Pullover anziehen. Hört sich blöd an und ist auch bestimmt nicht das Einzige. Aber es kann schon sein, dass wir in Mitteleuropa doch ab und an wirklich auch vielleicht unsere Wohnungen nicht mehr auf 22, 23 Grad heizen, sondern vielleicht nur noch auf 20 oder 21.

Spürbare Klimaveränderungen auch in Deutschland

Klein: Muss man auf der anderen Seite vielleicht sagen, Frau Hendricks, dass diese Ziele wirklich nicht zu erreichen sind? Bei mehr als zwei Grad Erwärmung steigen viele Risiken an und diese zwei Grad sind auch schon bei dem derzeitigen Emissionstrend in weiter Ferne.

Hendricks: Ja, das ist richtig. Wir haben die Risiken, dass die ansteigen. Das wissen wir ja schon. Wir sehen das ja auch bei extremen Wetterverhältnissen, auch bei uns in Mitteleuropa, wie zum Beispiel voriges Jahr bei den Fluten an Elbe und Donau, die wegen extremen Regenfällen zustande gekommen sind, oder wir sehen es an den Überflutungen, die jetzt in Großbritannien im Winter zu sehen waren. Es gibt schon durchaus Veränderungen auch bei uns, nicht "nur" dort weit entfernt sozusagen in den Subtropen. Es sind ja immer Menschen betroffen. Aber auch bei uns sind solche Veränderungen durchaus spürbar, und deswegen glaube ich auch, dass die Bürgerinnen und Bürger merken, dass wir auch in unserem eigenen Interesse was tun müssen. Das bedeutet, dass wir tatsächlich auch investieren müssen an der richtigen Stelle, und das bedeutet, dass wir das eine oder andere zurückführen, an das wir uns bisher gewöhnt hatten.

Klein: Frau Hendricks, Sie haben Gebäudesanierung angesprochen, Emissionsminderung bei Gebäuden. Darüber hinaus sind der Bundesregierung aber die Hände gebunden?

Hendricks: Nein, der Bundesregierung sind die Hände nicht gebunden. Wir müssen natürlich nicht nur Vermeidungsstrategien machen, sondern wir müssen auch Anpassungsstrategien machen. Auch das sagt ja der IPCC. Es geht also gleichzeitig darum, dass wir einerseits sagen, zusätzliche Klimaerwärmung vermeiden, also bitte nicht über zwei Grad hinaus, zum anderen aber gleichzeitig Anpassungsmaßnahmen vornehmen. Zum Beispiel haben wir ja im vergangenen Jahr beschlossen, dass wir einen nationalen Hochwasserschutzplan brauchen. Den bin ich dabei, auszuarbeiten mit den Ländern, und dafür brauchen wir natürlich auch öffentliche Mittel, um den nationalen Hochwasserschutzplan voranzubringen. Ich denke, damit können wir mit den konkreten Maßnahmen im nächsten Jahr beginnen.

Klein: Hochwasserschutz, das verstehen Sie unter Anpassung?

Hendricks: Das ist eine Anpassungsmaßnahme, ja klar! Am wichtigsten ist natürlich Vermeidung, das ist völlig klar, Vermeidung von Klimawandel, von weiterer Erderwärmung. Das ist die erste Herausforderung. Aber zugleich müssen wir auch Anpassungsstrategien haben, um damit umzugehen, was wir schon jetzt sehen, und bei uns sind das zum Beispiel auch Hochwasser, die wir vorher in dem Umfang nicht kannten.

Hendricks: Vorerst kein Fracking in Deutschland

Klein: Wir sprechen mit Barbara Hendricks, der Bundesumweltministerin. – Frau Hendricks, ich würde gerne noch auf einen anderen Aspekt in der ganzen Energie- und Klimadebatte eingehen. Die Frage nach Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von Energielieferungen ist wieder einmal auf die Tagesordnung gerückt im Zuge des Ukraine-Konflikts und der Diskussionen, die wir mit Russland führen. Eine Methode ist auch gestern Abend wieder angesprochen worden, unter anderem von Sigmar Gabriel, dem Bundeswirtschaftsminister, Stichwort Fracking. Es gibt ein wenig Bewegung, hat man den Eindruck, auch wenn viele im Augenblick noch auf die Bremse treten, was die Entwicklung dieser neuen Technologie angeht. Wie stehen Sie dazu?

Hendricks: Wir haben das eigentlich völlig klargelegt, auch im Koalitionsvertrag, dass wir keinesfalls Fracking wollen, jedenfalls solange wie toxische Materialien, giftige Substanzen in die Erde verpresst werden müssen, um überhaupt Fracking möglich zu machen. Zu diesem Zweck bin ich gerade dabei, das Wasserhaushaltsgesetz zu ändern, das wird jetzt noch in wenigen Wochen vorgelegt werden, dass wir keinesfalls wollen, dass Chemikalien verpresst werden, und bis jetzt gibt es keine andere Methode, dieses Shell-Gas zu fördern, außer dass man giftige Chemikalien in die Erde verpresst, und das ist natürlich grundwassergefährdend.

Klein: Die Kanzlerin hat vergangene Woche angedeutet, dass die gesamte Energiepolitik möglicherweise überdacht werden müsse. Ist Ihnen klar geworden, was damit gemeint ist?

  (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld) (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)Über Barbara Hendricks:
Geboren 1952 in Kleve, Nordrhein-Westfalen. Die SPD-Politikerin studierte bis 1976 Geschichte und Sozialwissenschaften für das Lehramt in Bonn und schloss mit dem Staatsexamen ab. 1980 promovierte sie. Hendricks trat 1971 in die SPD ein, nach ihrer Promotion nahm sie verschiedene Tätigkeiten innerhalb der SPD ein, unter anderem als Pressesprecherin der Bundestagsfraktion oder als Ministerialrätin in Nordrhein-Westfalen. Seit 1994 ist sie Abgeordnete im Bundestag, seit 2013 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit.

Hendricks: Die Kanzlerin hat – darauf hat ja auch gestern Sigmar Gabriel noch mal hingewiesen – auf Europa hingewiesen. Wir haben in der Bundesrepublik Deutschland von unseren Gaslieferungen etwa 35 Prozent aus Russland und die übrigen Gaslieferungen kommen von anderen, zum Beispiel Niederlande, zum Beispiel Norwegen. Unsere Abhängigkeit von russischen Gasimporten ist sehr viel geringer als die anderer Länder, meinetwegen Slowakei oder Tschechien.

Klein: Also für Sie kein Handlungsbedarf in Deutschland?

Hendricks: Ich sehe keinen großen Handlungsbedarf, was das anbelangt, denn wir haben bisher immer sehr zuverlässige Lieferungen gehabt. Die Russen haben uns gegenüber immer die Verträge eingehalten. Und wir haben ja auch schon heute einen vernünftigen Energiemix und wir sind ja auch dabei, die erneuerbaren Energien weiter auszubauen. Das heißt, wir sind ja auf dem richtigen Weg, denn all die erneuerbaren Energien, die wir im eigenen Land produzieren, machen uns ja so oder so unabhängig von Importen von woanders, egal von wo.

Klein: ... , sagt die Bundesumweltministerin, Barbara Hendricks, heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk. Danke Ihnen für das Interview, Frau Hendricks.

Hendricks: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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