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StartseiteHintergrundKriegt die Welt doch noch die Kurve?30.11.2014

KlimagipfelKriegt die Welt doch noch die Kurve?

Vom 1. bis 12. Dezember findet in Lima die 20. Weltklimakonferenz statt. Nach dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen 2009 soll alles anders werden - doch viele Staaten tun sich immer noch schwer, von fossilen Brennstoffen Abschied zu nehmen.

Von Georg Ehring

Ein Flashmob mit selbst-gebauten und recycelten Floß- und Boot-Konstruktionen anlässlich des UN-Klimagipfels auf der Spree in Berlin statt. (dpa / picture-alliance / Jörg Carstensen)
Es gibt nur einen Planeten - In Lima soll das Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls verabschiedet werden. (dpa / picture-alliance / Jörg Carstensen)
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Kopenhagen, 2. November 2014 – es ist wohl der letzte große Auftritt von Rajendra Pachauri als Chef des Weltklimarats und seine Botschaft lautet: Die Welt hat die Wahl – sie kann weitermachen wie bisher, doch dann wird sie die katastrophalen Folgen des Klimawandels zu spüren bekommen. Oder sie hört auf die Stimme der Wissenschaft und handelt entsprechend – das heißt, sie verringert den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase. Der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC wird im Februar aus dem Amt scheiden. Der fünfte Sachstandsbericht ist sozusagen ein Abschiedswerk. Zur Präsentation ist eigens UN-Generalsekretär Ban Ki Moon nach Kopenhagen gereist:

"Erstens: Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist eindeutig und er wächst. Zweitens: Wir müssen schnell und entschieden handeln, wenn wir Schlimmeres verhindern wollen. Drittens: Wir haben die Mittel, den Klimawandel zu begrenzen und eine bessere Zukunft aufzubauen."

Wichtigste Ursache der Erderwärmung: Der Mensch

Der Weltklimarat ist ein Wissenschaftsgremium mit politischem Auftrag: Im Jahr 1988 wurde er gemeinsam vom UN-Umweltprogramm und der Meteorologischen Weltorganisation ins Leben gerufen und noch im selben Jahr von der UN-Vollversammlung bestätigt. In fünf umfangreichen Berichten hat er seitdem das Wissen der Welt zum Klimawandel zusammengetragen. Politikrelevant sollen seine Berichte sein, ohne der Politik Vorschriften zu machen. Doch die Botschaft gewann jedes Mal an Klarheit. Mit jedem Bericht wuchs die Sicherheit, dass der Mensch die wichtigste Ursache der Erwärmung der Erdatmosphäre ist, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts beobachtet wird. Und es wuchs die Sicherheit über die schwerwiegenden Folgen der Erwärmung: Hitzewellen werden häufiger, Klimazonen verschieben sich, fruchtbare Regionen trocknen aus. Ernten werden unsicherer, ganze Regionen verwüsten – oder werden immer häufiger überschwemmt. Die Erdatmosphäre ist im Schnitt seit Beginn der Industrialisierung um rund 0,85 Grad Celsius wärmer geworden, doch das ist nicht alles. Betroffen sind auch die Ozeane. Rund 90 Prozent der überschüssigen Wärme wird von ihnen aufgenommen, und auch das hat Folgen für den Menschen: Das Wasser dehnt sich aus, der Meeresspiegel steigt. Dieser Anstieg beschleunigt sich immer mehr, auch weil immer mehr Wasser dazu kommt. Thomas Stocker, einer der Leitautoren des Berichts:

"Die zweite Beobachtung, die wir jetzt machen können im Gegensatz zum früheren Sachstandsbericht, ist die Tatsache, dass die beiden Eisschilder Grönland und Antarktis jedes Jahr Masse verlieren. Sie schmelzen dahin und tragen etwa 30 Prozent zum Anstieg des Meeresspiegels bei."

Vielen Küstenregionen drohen dramatische Folgen: Am Ende des 21. Jahrhunderts könnte das Wasser um bis zu einem Meter höher stehen als heute, wenn die Menschheit nicht handelt. Die Atmosphäre könnte um bis zu 4,5 Grad wärmer werden. Hungersnöte wären eine absehbare Folge, sagt Rajendra Pachauri:

"Wenn wir nichts tun, dann würden die Erträge der Landwirtschaft gegen Ende des Jahrhunderts deutlich abnehmen. Und angesichts des Wachstums der Bevölkerung und höherer Einkommen werden die Knappheit von Lebensmitteln, die mangelnde Versorgungssicherheit und der Hunger sich zu großen Bedrohungen für die menschliche Gesellschaft entwickeln."

Rajendra Kumar Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarates, Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), im Porträt vor einem UN-Logo. (picture alliance / dpa)Rajendra Kumar Pachauri, Vorsitzender des Weltklimarates (picture alliance / dpa)

Keine Wende in Sicht

Über den Schutz des Klimas ist viel geredet worden, doch eine Wende ist nicht in Sicht: Seitdem Anfang der 1990er Jahre der Klimaschutz zum weltweit diskutierten Thema wurde, ist der Ausstoß von Treibhausgasen nicht etwa gesunken, sondern um fast die Hälfte des damaligen Wertes angestiegen. Das Kyoto-Protokoll, das erste völkerrechtlich verbindliche Klimaabkommen, begrenzte lediglich die Emissionen eines Teils der Industrieländer – Schwellenländer wie China und Indien, aber auch die USA steigerten ihren Ausstoß immer weiter. Die Menschheit nutzt die Erdatmosphäre als eine Art riesige Müllhalde für Kohlendioxid und andere Treibhausgase. Doch die Aufnahmefähigkeit dieser Müllhalde ist begrenzt.

"Keine Entschuldigung für staatliches Nichthandeln"

Die Weltgemeinschaft hat sich auf mehreren Klimagipfeln das Ziel gesetzt, die Erwärmung unter zwei Grad zu halten. Der Weltklimarat IPCC hält dieses Ziel für realistisch – aber nur bei einer schnellen Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Die Botschaft des Weltklimarats ist klar, doch sie ist im Grunde genommen nicht neu. Schon der vierte Sachstandsbericht aus dem Jahr 2007 ließ kaum noch Zweifel am menschengemachten Klimawandel zu. Seitdem sind viele Details dazu gekommen, so zu den Folgen der Erwärmung für einzelne Regionen. Wesentlich genauer als früher beschreibt der Weltklimarat jetzt auch die Möglichkeit, einen katastrophalen Klimawandel noch abzuwenden – und zumindest der Zusammenfassung für Entscheidungsträger haben alle Mitgliedsstaaten zugestimmt, sagt Martin Kaiser von der Umweltschutzorganisation Greenpeace:

"Das neue in diesem Synthesebericht ist, dass jetzt alle 194 Staaten tatsächlich diesen Bericht mittragen und es keine Entschuldigung mehr gibt für staatliches Nichthandeln."

Doch das heißt nicht, dass die Staatengemeinschaft auch tatsächlich auf wirksamen Klimaschutz umschwenkt. Den Unterhändlern beim Weltklimagipfel, der morgen in Lima, der Hauptstadt Perus beginnt, steckt noch immer das Scheitern von Kopenhagen im Jahr 2009 in den Knochen. Auch damals konnten sie sich auf einen frischen Sachstandsbericht des Weltklimarats mit drastischen Warnungen vor der Erderwärmung stützen. Doch der Gipfel war mit gewaltigen Erwartungen überfrachtet, und schon vorab waren große Gegensätze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern deutlich geworden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon blickt zurück:

"Wir hatten 2009 in Kopenhagen eine intensive Diskussion. Aber, vielleicht muss man zurückblickend sagen, dass die Führer der Welt noch nicht ganz bereit waren, sich zu engagieren. Sie haben sich mehr auf nationale Aufgaben als auf weltweite Aufgaben konzentriert."

Das Ziel: Ein weltumspannender Klimavertrag

Jetzt nimmt die Staatengemeinschaft einen neuen Anlauf – dieses Mal mit gründlicherer Vorbereitung. Der Startschuss fiel im Jahr 2011 beim Klimagipfel von Durban in Südafrika. Das Ziel ist ein weltumspannender Klimavertrag, der nicht nur die Industrieländer, sondern auch die großen Schwellenländer in die Pflicht nimmt. Ausgerechnet zwei Staaten, die beim Klimaschutz früher eher zu den Bremsern gehörten, machen nun Hoffnung auf ein Abkommen mit Substanz: China und die USA. Sie haben sich wenige Wochen vor dem Gipfel in einer gemeinsamen Erklärung Ziele gesetzt und damit Bewegung in die Verhandlungen gebracht.

China setzte sich erstmals ein Datum, wann der Höhepunkt seines CO2-Ausstoßes erreicht sein soll. Spätestens im Jahr 2030 – nach Möglichkeit jedoch früher, so die Ankündigung von Präsident Xi Jinping. In dieser Zeit will das Land den Anteil nicht fossiler Energien am gesamten Verbrauch auf 20 Prozent steigern.

Höchstgrenze für CO2-Emissionen in China: Ein Riesenschritt

US-Präsident Obama und Chinas Staatspräsident Xi schütteln sich die Hände. (picture alliance / dpa / How Hwee Young)US-Präsident Obama und Chinas Staatspräsident Xi haben sich auf neue Klimaziele geeinigt. (picture alliance / dpa / How Hwee Young)

Christoph Bals von der umwelt- und entwicklungspolitischen Organisation Germanwatch sieht ein echtes Umdenken bei den Chinesen:

"Das war sicherlich der wichtigste Schritt für den internationalen Klimaschutz seit Kopenhagen. Und wir erleben in China, was sich seit einigen Jahren andeutet, dass endlich dieses Thema ernst genommen wird. Es ist der Emittent mit mit Abstand den meisten Emissionen inzwischen, und nun wurde erstmals angekündigt, dass man bereit ist, eine Höchstgrenze für die CO2-Emissionen zu akzeptieren, und zwar nicht später als 2030. Nun ist das ein Riesenschritt, weil bisher das Land sich immer dahinter versteckt hat, zu sagen: Die Industrieländer müssen Ziele auf sich nehmen, aber wir machen nur freiwillig im Energieeffizienzbereich oder erneuerbaren Bereich, was wir tun können."

Die USA ihrerseits wollen den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2025 um 26 bis 28 Prozent unter das Niveau von 2005 senken. US-Präsident Barack Obama sieht neue Möglichkeiten der Kooperation auch mit anderen Ländern:

"Dies ist ein großer Meilenstein in den Beziehungen zwischen den USA und China, und es zeigt, was möglich ist, wenn wir zusammenarbeiten, um eine dringende Aufgabe für die Welt zu lösen. Außerdem: Wir hoffen, dass die gemeinsame Ankündigung von heute alle großen Wirtschaftsnationen dazu ermutigt, Ambitionen zu zeigen. Alle Länder, ob Entwicklungsländer oder entwickelte Staaten, müssen das Trennende zurückstellen und zusammenarbeiten, damit wir im nächsten Jahr ein starkes und weltweit gültiges Klimaabkommen abschließen können."

Chinesen und Amerikaner kommen zusammen auf fast die Hälfte des globalen Ausstoßes von Treibhausgasen. Die Europäische Union hat schon früher mit dem Klimaschutz begonnen. Sie hat sich ihrerseits eine Verringerung der Emissionen um 40 Prozent bis 2030 vorgenommen – deutlich mehr als andere Weltregionen. Damit haben die drei größten CO2-Emittenten ihre Karten auf den Tisch gelegt - andere Industrie- und Schwellenländer dürften auf dem Gipfel in Lima oder spätestens bis Ende März 2015 folgen. Christiana Figueres, die Chefin des UN-Klimasekretariats:

"Das alles ist dann die erste Stufe der Anstrengungen, um uns in Richtung auf das Zwei-Grad-Ziel zu bewegen. Obwohl alle von heute an bis zum März ihr Bestes geben, wird die Summe der Beiträge der einzelnen Staaten zum Klimaschutz dafür noch nicht ausreichen. Das wissen wir schon heute."

Klimaschutz ist billiger als je zuvor

Eine Windkraftanlage in Alsleben in Sachsen-Anhalt (picture alliance / dpa / Revierfoto)Je mehr Windkraft in das Stromnetz eingespeist wird, desto mehr EEG-Umlage wird fällig. (picture alliance / dpa / Revierfoto)

Zu der erhöhten Bereitschaft haben nicht nur die drastischen Warnungen aus der Wissenschaft beigetragen. Ein mindestens ebenso wichtiger Grund ist weit profanerer Art: Wirksamer Klimaschutz ist billiger als je zuvor. Das gilt vor allem in der Stromerzeugung. Hier ist der Einsatz von Wind- und Solarenergie inzwischen oft sogar kostengünstiger als Kraftwerke auf Basis von Kohle oder Gas. Einmal installiert, erzeugt ein Windrad oder eine Solaranlage jahrelang Strom fast zum Nulltarif – und die Herstellungskosten der Anlage sinken mit der Massenproduktion immer weiter. In Deutschland liegt die Einspeisevergütung für selbst erzeugten Solarstrom derzeit bei großen Anlagen bereits unter neun Cent pro Kilowattstunde – die gleiche Menge Strom aus der Steckdose kostet Privatverbraucher etwa drei Mal so viel.

Waren es anfangs reiche Industrieländer wie Deutschland, installieren inzwischen vor allem Schwellenländer neue Anlagen – mit China an der Spitze. Aber auch Indien setzt zunehmend auf erneuerbare Energien, außerdem immer mehr Länder in Afrika und Lateinamerika. Dörfer, die bisher noch überhaupt nicht an das Stromnetz angeschlossen waren, bekommen so Elektrizität ohne lange und teure Überlandleitungen. Die Einführung erneuerbarer Energien zur Stromerzeugung ist bezahlbar, aber nicht umsonst, sagt Otmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, einer der Leitautoren des IPCC-Berichts:

"Es führt also nicht zu einem Aufgeben des Wirtschaftswachstums, sondern es führt lediglich zu einer Verzögerung. Wenn wir das geschickt und klug anstellen, dann würde das bedeuten, dass Wachstum sich im Laufe des Jahrhunderts vielleicht um ein Jahr verzögert."

Abschied vom Öl weckt Verlustängste

Wind und Sonne können die künftige Energieversorgung sichern, für das Klima allerdings ist etwas anderes entscheidend: Die Menschheit muss innerhalb der nächsten Jahrzehnte die Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Kohle, Öl und Gas fast komplett einstellen – und das weckt Verlustängste.

"Es ist klar, dass die Besitzer von Kohle, Öl und Gas damit fertig werden müssen, dass ihre Assets, ihre Vermögensbestände, entwertet werden."

Länder mit großen Vorräten an fossilen Rohstoffen wie Saudi-Arabien, Russland oder Australien wehren sich gegen diese Abwertung ihrer Bodenschätze. Diese Staaten gehören beim Klimaschutz traditionell zu den Bremsern – ebenso Länder, die bisher stark von der Nutzung fossiler Energien abhängen. Sie wären auch in der Lage, einen neuen Klimavertrag zu blockieren, zumal Entscheidungen bei den UN-Verhandlungen einmütig fallen sollen. Aber auch in Deutschland würde die Stilllegung von Braunkohlerevieren oder die Abschaltung von Kohlekraftwerken für deren Besitzer große Einbußen mit sich bringen. Stark betroffen wäre unter anderem der Energieriese RWE. Henning Rentz, Koordinator der internationalen energiepolitischen Aktivitäten des Unternehmens, setzt auch in Zukunft auf die Kohle:

"Ich stelle mir den Ausstieg gar nicht vor. Wir werden die Kohle in Deutschland weiterhin als Partner der Energiewende brauchen. Wir müssen preisgünstige Energieversorgung gewährleisten können und auch eine stabile Stromversorgung für Deutschland gewährleisten können. Dafür werden wir die Kohle brauchen. Sicherlich wird das nicht bis ans Ende aller Tage so sein, es wird da einen Übergang geben in eine CO2-neutrale Gesellschaft. Wie wir diesen Übergang gestalten und in welchen Zeiträumen wir ihn gestalten, ist sicherlich Frage der Diskussion."

"Wir brauchen die Kohle noch"

Die Kohlelobby hat auch in Deutschland Erfolg in der Politik. Gegen einen schnellen Kohleausstieg setzt sich auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel zur Wehr:

"Wir brauchen also die Kohle auch für lange Zeiten noch. Sie wird an Bedeutung abnehmen, das wissen auch alle. Aber das wird eben über einen sehr langen Zeitraum sein, und wir werden die Klimaschutzziele trotzdem erreichen können."

Kohleabbau im russischen Bergwerk Sibirginskaya (picture-alliance/ dpa / Alexandr Kryazhev / RIA Novosti)Kohleabbau im russischen Bergwerk Sibirginskaya (picture-alliance/ dpa / Alexandr Kryazhev / RIA Novosti)

Ob das ohne erhebliche Einschnitte bei der Kohle geht, ist jedoch strittig. Dank niedriger Preise auf dem Weltmarkt ist gerade der schmutzigste Brennstoff besonders konkurrenzfähig – und er verdrängt weniger klimaschädliche Energiequellen wie etwa Erdgas. Johannes Remmel, Umweltminister von Nordrhein-Westfalen:

"Wir haben im Moment die Situation, dass wir zu viele Kapazitäten haben und mit unseren in Anführungsstrichen schmutzigen Kapazitäten auch saubere Kapazitäten verdrängen. Das ist ja der Irrsinn, dass alte, ineffiziente Kraftwerke gutes Geld verdienen, aber moderne Gaskraftwerke vom Netz genommen werden, nicht nur in Deutschland, sondern auch in unseren Nachbarländern."

Auch Bundesumweltministerin Barbara Hendricks setzt sich für die Abschaltung vor allem älterer, besonders ineffizienter Kraftwerke ein. Deutschland hat zugesagt, bis zum Jahr 2020 den Ausstoß von Treibhausgasen um 40 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Doch der CO2-Ausstoß ist in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland sogar gestiegen, und die Ursache dafür ist eine verstärkte Kohleverstromung. Ohne Einschnitte bei Kohlekraftwerken sind die Ziele Deutschlands kaum erreichbar. Barbara Hendricks:

"Ich weiß, dass es schwierig wird, die vereinbarten und von Deutschland immer wieder auch international angekündigten 40 Prozent Treibhausgasminderung bis 2020 zu erreichen. Die deutsche Klimapolitik war zu keinem Zeitpunkt während der letzten 15 Jahre ausreichend, um das Ziel zu erreichen. Entsprechend waren die jährlichen Minderungen stets zu gering. Wir müssen jetzt diese Minderung für die nächsten fünf Jahre deutlich erhöhen, und das ist auf den letzten Metern natürlich schwieriger, als wenn man gleich den richtigen Minderungspfad eingeschlagen hätte."

Klimagipfel in Lima: Allenfalls ein Zwischenschritt

Der Klimagipfel von Lima soll in den nächsten zwei Wochen die Vorarbeiten leisten für ein rechtlich verbindliches Klimaschutzabkommen, das Ende nächsten Jahres bei einem weiteren Gipfel in Paris verabschiedet werden soll. Es wird ein kompliziertes Dokument werden, wenn es zustande kommt. Alle Staaten, vor allem die Industrie- und Schwellenländer, sollen ihren Ausstoß von Treibhausgasen begrenzen. Entwicklungsländer verlangen Hilfe bei der Anpassung an den Klimawandel, außerdem bestehen sie auf einer Kompensation für Schäden durch das veränderte Klima – Letzteres lehnen viele Industrieländer ab. Doch auch ein Klimaprotokoll von Paris 2015 wird das Problem der Erderwärmung nicht lösen. Es wäre zwar das erste Abkommen in diesem Bereich, das die gesamte Staatengemeinschaft in die Pflicht nimmt. Aber es wäre allenfalls ein Zwischenschritt, es könnte die Lücke zwischen Zusagen und Klimaschutz-Plänen auf der einen und dem Zwei-Grad-Ziel auf der anderen Seite etwas kleiner machen. Christoph Bals von Germanwatch sieht die Zukunft der Klima-Verhandlungen so:

"Wir gucken, was ist wissenschaftlich notwendig und was ist aus Fairnessgründen notwendig und sehen uns jetzt mal an, welche Ziele die Staaten akzeptiert haben und werden in den nächsten zwei Jahren einen Dialog mit den Staaten, ob sie nicht anhand dieser Wissenschafts- und Fairnesskriterien nachbessern, in Gang setzen, das wäre in meinen Augen der nächste Schritt, und dann müsste alle fünf Jahre, das heißt: 2020 und 2025, eine Nachbesserungsrunde für die akzeptierten Ziele stattfinden, wo man nur nach oben nachbessern kann und nicht nach unten."

Die vierte industrielle Revolution

Weitere Nachbesserungs-Runden müssten folgen, denn irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts muss der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit auf null sinken, das hat der Weltklimarat vorgerechnet. Sein Leitautor Thomas Stocker hält es nach wie vor für möglich, dass dies auch gelingt:

"Ich bin Optimist, aber ich glaube, man muss die Aufgabe auch in der richtigen Skala sehen. Es geht hier um die vierte industrielle Revolution. Die erste Revolution war die Mechanisierung, dann kam die Elektrifizierung, wir alle haben die dritte industrielle Revolution erlebt, nämlich die Digitalisierung, und jetzt kommt - ich brauche ein Wort, das es noch nicht gibt - die Erneuerbarisierung. Das heißt, der Übergang von der fossilen Gesellschaft in eine Gesellschaft, die ihre Energie durch erneuerbare Energien, durch erneuerbare Prozesse gewinnt."

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