• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteInterview"Klimakollaps wäre nicht mit 500 Milliarden zu reparieren"21.10.2008

"Klimakollaps wäre nicht mit 500 Milliarden zu reparieren"

Schellnhuber über die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Klimaschutz

Professor Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, hält die von Europa angestrebte Emissionsreduktion von 20 Prozent keinesfalls für ein ambitioniertes Ziel. Dabei handele es sich um das absolute Minimum, um das Klima zu stabilisieren. Es sei fatal, dass die Finanzkrise momentan von den Gegnern eines Klimaschutzprogramms missbraucht werde, betonte Schellnhuber.

Hans-Joachim Schellnhuber im Gespräch mit Silvia Engels

Professor Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. (AP)
Professor Hans Joachim Schellnhuber ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. (AP)

Silvia Engels: Auf dem EU-Gipfel vergangene Woche in Brüssel sah es zwischenzeitlich nicht gut aus für das europäische Klimaschutzprogramm. Italien, Polen und andere osteuropäische EU-Staaten wollten angesichts sinkender Wachstumsraten das gemeinsame europäische Ziel abschwächen, bis 2020 den Kohlendioxidausstoß in Europa um ein Fünftel zu senken. Am Ende blieb zwar das Ziel bestehen, aber der Streit geht weiter, auch beim seit gestern tagenden Rat der Umweltminister in Luxemburg.

Klimaschutz wird heute auch in Potsdam ein Thema sein. Zu einer Wissenschaftskonferenz eingeladen hat das dortige Institut für Klimafolgenforschung, und der Direktor ist Professor Hans-Joachim Schellnhuber, zugleich Berater der Bundeskanzlerin und des EU-Kommissionspräsidenten Barroso in Klimafragen. Er ist nun am Telefon. Guten Morgen, Herr Schellnhuber.

Hans-Joachim Schellnhuber: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Wir haben es gehört: die EU-Umweltminister haben sich bislang nicht auf Wege verständigen können, wie sie die Kohlendioxidbelastung bis 2020 um ein Fünftel absenken können. Wie sehen Sie die Chancen, dass dieses Paket noch Realität wird?

Schellnhuber: Ich sehe die Chancen relativ gut, weil was Ihr Reporter eben berichtet hat ist natürlich typisch für die Basar-Mentalität, mit der in Europa Beschlüsse getroffen werden. Aber letztendlich bin ich sicher, dass man sich auf das gemeinsame Ziel einigen wird. Ich sollte allerdings dazu sagen: die 20 Prozent Emissionsreduktion sind aus der Sicht der Wissenschaft keineswegs ein ambitioniertes Ziel. Es ist das absolute Minimum, um beizutragen, das Klima der Erde zu stabilisieren.

Engels: Können Sie denn ungefähr abschätzen, wie viel das dem Klima helfen könnte?

Schellnhuber: Der europäische Beitrag, die 20 Prozent, würde die Erderwärmung wahrscheinlich um ein Hundertstel Grad abschwächen. Insofern ist das nicht entscheidend. Man darf nicht vergessen, dass sich Europa ein tatsächlich ehrgeiziges Ziel gesetzt hat. Wenn die Klimaverhandlungen zum Beispiel in Posen und Kopenhagen im nächsten Jahr positiv verlaufen sollten, will Europa sogar 30 Prozent Reduktion einbringen. Das ist schon interessant.

Ich sollte vielleicht noch eine Bemerkung machen, die sich auf das politische Kapital Europas bezieht. Vorreiterrolle - dieses Wort wird ja oft genannt, aber wenn Europa es nicht gelingen würde, sich etwa auf die 20 Prozent sogar nur zu einigen, dann steht generell die Glaubwürdigkeit der Europäischen Union im internationalen Geschäft auf dem Spiel. Das wäre dann ein Kolateralschaden, den man über Jahre nicht mehr ausgleichen könnte.

Engels: Auf der anderen Seite - Sie sprechen selbst vom politischen Kapital - ist es doch schwierig, in Zeiten der Finanzkrise den Bürgern zu verkaufen, dass es notwendig ist, solche Mühen für Klimaschutz aufzuwenden, wenn die Temperaturabsenkung doch im Endeffekt vergleichsweise gering ist.

Schellnhuber: Zunächst einmal: Die Temperaturabsenkung wird natürlich signifikant sein, wenn alle Staaten mitziehen, und Europa möchte ja genau das erreichen. Wir reden jetzt nicht über irgendeinen Nebeneffekt. Aber was Sie zur Finanzkrise sagen, ist natürlich im Augenblick ein häufig genanntes Argument. Die Finanzkrise wird missbraucht von denjenigen, die ohnehin nie Klimaschutz wollten, aber genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Schauen Sie sich an, wie viele Milliarden jetzt versenkt worden sind durch Kurzfristdenken, durch die Hoffnung darauf, dass man nicht über den Tag hinausdenken muss, dass man einfach Gewinnoptimierung macht im nächsten Quartal. Genauso gehen wir im Augenblick mit der Natur und mit dem Klima um. Wir versuchen, kurzfristig den großen Gewinn herauszuholen, zum Beispiel durch das Verbrennen fossiler Brennstoffe, und wir denken nicht daran, welche Kapitalvernichtung wir betreiben. Ich gebe Ihnen zur Energie nur eine einzige Zahl. Das ist wenig bekannt. Die Menschheit verbraucht im Augenblick im Jahr etwa so viel fossile Brennstoffe (Kohle, Gas, Erdöl), wie sich geologisch in einer Million Jahre gebildet hat. Wenn Sie sich das überlegen, diese Kapitalverschleuderung können wir uns auf die Dauer nicht leisten und man muss eben den Bürgern klar machen, dass wir mit derselben Mentalität versuchen, in der die Welt in die Finanzkrise geschlittert ist, mit unserem Naturkapital umzugehen, und das wird zum Kollaps führen. Allerdings wird dieser Kollaps dann nicht mit 500 Milliarden Euro zu reparieren sein.

Engels: Herr Schellnhuber, Sie plädieren für eine mittel- und langfristige Sicht. Aber schauen wir einmal kurzfristig. Sie beraten ja die Bundesregierung in Sachen Klimaschutz. Sind Sie denn da angesichts der Finanzkrise überhaupt noch gefragt?

Schellnhuber: Gefragt ist man als Wissenschaftler immer nur sehr bedingt. Das ist ganz klar. Es ist aber so, dass ich zum Beispiel mit Minister Gabriel vor zwei Wochen etwa eine Bundespressekonferenz durchgeführt habe zum neuesten Stand der Wissenschaft. Diese ist auf sehr großes Interesse gestoßen und die ist ausdrücklich auch auf Wunsch der Politik zu Stande gekommen. Insofern kann man nicht davon reden, dass dieser Rat nicht gefragt ist. Es ist eben in der Tat so, dass viele Menschen im Augenblick in Panik verfallen, weil sie glauben, wir müssen jetzt kurzfristig das Ruder herumreißen. Aber wenn das Schiff eben generell schon im falschen Meer sich befindet, dann nutzt es auch nichts, wenn sie eine Richtungsänderung vornehmen. Damit wir nicht endgültig ins falsche Meer steuern, müssen wir eben Klimaschutzpolitik betreiben.

Engels: Erst vergangene Woche wurden ja spektakuläre neue Wetterdaten vom Nordpol bekannt. Danach liegen zurzeit in der Arktis die Temperaturen fünf Grad über dem Normalwert. Nach dem Rekordwert letztes Jahr wird für dieses Jahr zumindest der zweithöchste Wert erwartet, der bislang in der Arktis gemessen wurde. Wie ordnen Sie das ein? Ist das ganz klar auf diesen Klimaeffekt zurückzuführen?

Schellnhuber: Na ja, ganz klar ist in der Wissenschaft glücklicherweise nichts. Wir sind ja geborene Zweifler, auch an unseren eigenen Arbeiten. Aber das passt natürlich genau ins Bild. Ich meine, wenn vorhergesagt wird, dass im Sommer mehr Eis verschwinden wird, wahrscheinlich schon in drei oder vier Jahrzehnten komplett um den Nordpol herum, und jetzt die "Polarstern" eine Expedition durchführt und ungehindert quasi den Pol umkreisen kann, dann passt das natürlich perfekt ins Bild. Wir sehen hier einen langfristigen Trend, der von Menschen gemacht wird. Dennoch wird es natürliche Schwankungen von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt geben, aber der Schwund des Meereises ist ganz eindeutig. Und diese fünf Grad Erwärmung im Durchschnitt in der Arktis, das ist eben auch absolut dramatisch. Sie müssen daran denken: der Unterschied im Jahresdurchschnitt in der Temperatur zwischen Berlin und Mailand etwa, also zwischen mediterranem Klima und einem eher atlantisch beeinflussten Klima, ist zwei Grad Celsius. Fünf Grad, das ist eine andere Welt und wir werden in der Arktis bei ungebremstem Klimawandel auch Erwärmungen von zehn Grad und mehr bekommen.

Engels: Professor Hans-Joachim Schellnhuber. Er ist Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Berater der Bundesregierung. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Schellnhuber: Gerne.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk