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StartseiteForschung aktuell"Bis zu 20 mehr Hitzetage im Sommer"07.12.2017

Klimapolitik"Bis zu 20 mehr Hitzetage im Sommer"

Informationen über die künftige Klimaentwicklung in Deutschland liefert das Projekt "Regionale Klimaprojektionen Ensemble für Deutschland". Demnach erwarten Klimaforscher bis 2100 eine mittlere Jahrestemperaturerwärmung von bis zu fünf oder sechs Grad. Ein Weiter wie bisher dürfe es nicht geben, sagte Daniela Jacob vom Climate Service Center Germany.

Daniela Jacob im Gespräch mit Uli Blumenthal

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Hitzewelle: Am 3.7.15 zeigte das Thermometer am Hamburger Rathaus 36 Grad Celsius an. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
Hitzewelle: Am 3.7.15 zeigte das Thermometer am Hamburger Rathaus 36 Grad Celsius an. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
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Uli Blumenthal: Heiße und trockene Sommer, milde und feuchte Winter: Dies ist das Ergebnis des mit drei Millionen Euro geförderten Projektes mit dem Titel "Regionale Klimaprojektionen Ensemble für Deutschland". Erstmals gibt es damit aktuelle und belastbare Aussagen über die Bandbreite der mittleren Änderungen und der Extreme der zukünftigen Klimaentwicklung in Deutschland. Demnach wird die gesamte Bundesrepublik in Bedrängnis kommen – wenn die Klimapolitik nicht aktiv gegensteuert. Vorgestellt werden die Ergebnisse auf einer zweitägigen Abschluss-Veranstaltung in Wiesbaden, auf der Prof. Dr. Daniela Jacob, Institutsleiterin, Climate Service Center Germany in Hamburg einen Vortrag hält zum Thema: Neue Szenarien: Was hat sich geändert, was bleibt gleich?

Wir haben sie für Forschung aktuell gefragt, von welchen Szenarien des Klimawandels in Deutschland man bisher ausgegangen ist und auf welche veränderten Szenarien man sich in Deutschland einstellen muss?

Daniela Jacob: Es gilt immer noch dieses Szenario "Weiter so wie bisher". Das ist eins, was zu einer sehr starken Erwärmung global führt und auch zu sehr starken Veränderungen in Deutschland, und das ist eins von denen, die wir untersucht haben. Dann gibt es dieses Szenario, das Klimaschutzszenario, was quasi die Umsetzung des Paris-Abkommens beinhaltet, was wir auch untersucht haben. In den Projekten davor hat die deutsche Community sich immer mit einem mittleren Szenario beschäftigt, was so im Endeffekt darauf hinauslief, dass die mittlere Temperatur in Deutschland so um die drei Grad zunehmen würde bis 2100. Diese neuen Ergebnisse zeigen nun, dass wenn wir weitermachen wie bisher, sogar eine mittlere Jahrestemperaturerwärmung von bis zu fünf oder sechs Grad in Deutschland, in manchen Regionen in Deutschland, erwarten werden, und das sind natürlich alarmierende Informationen.

"Was wir liefern, ist die Datenbasis"

Blumenthal: Und wie muss man sich die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes vorstellen? Was geben Sie der Politik an die Hand?

Jacob: Wir haben jetzt eine Datenbasis, mit der wir ausrechnen können, wie sich zum Beispiel die Sommertemperaturen oder die Zahl der Sommertage in Deutschland verändern würde, und da haben wir Unterschiede zum Beispiel, dass wenn wir weitermachen wie bisher, wir damit rechnen müssen, zum Ende dieses Jahrhunderts in manchen Regionen bis zu 20 mehr Hitzetage, und das sind Tage mit über 30 Grad, haben als heute, und heute haben wir zum Beispiel in Hessen nur fünf, und in Zukunft könnten wir dann bis zu 20 oder 25 haben, und wenn Sie sich heute schon die Hitzebelastung im Oberrheingraben in den sommerlichen Wärmeperioden angucken, dann sehen Sie, dass damit sehr, sehr große Konsequenzen, bis hin zu gesundheitlichen Konsequenzen, verbunden sind. Wenn wir das Klimaschutzszenario jetzt betrachten, dann würden diese sogenannten Hitzetage nur um vier, fünf zunehmen, also eine ganz andere, weniger starke Belastung für die Umgebung, für die Bevölkerung sein, und diese Informationen geben wir jetzt an die Politik weiter. Die geben wir natürlich an die Landesämter weiter, dass sie auch ausrechnen können, wenn zum Beispiel sich die Niederschläge auch verändern, welche Folgen hat das für die Landwirtschaft, welche Folgen hat das für die Wasserwirtschaft, und dann können die Landesämter und die Politik abwägen, und was wir liefern, ist diese Datenbasis, die Grundlage, um sektorale und regionale Aussagen machen zu können. Das ist einmalig in dieser Kompaktheit und in dieser Belastbarkeit.

Blumenthal: Kann ich mir das so vorstellen, dass Sie Modelle, Simulationen liefern, die dann für Kommunen oder für Bundesländer oder für die ganze Bundesrepublik quasi wie Planspiele gehandhabt werden können? Ich gebe Daten, ich gebe Zahlen ein von Emissionen und anderen Parametern und kann dann sehen, wie ist die Entwicklung, wie viele Hitzetage mehr werde ich haben, wie viel Niederschlag mehr werde ich haben. Muss man sich das so als Planspiel vorstellen?

Jacob: Ganz genau. Das ist genau richtig, so können Sie sich das vorstellen. Bisher war es immer so, dass uns Klimaforschern aus der Praxis gesagt wurde, ja, ihr habt ja nur wenige Klimamodelle benutzt, ihr habt nur wenige Klimaszenarien benutzt, wir wissen ja gar nicht, ob das, was ihr ausrechnet, überhaupt belastbar ist, und wir haben jetzt in diesem neuen Projekt uns eben mit über 40 Simulationen, mit sieben verschiedenen globalen Klimamodellen, acht verschiedenen regionalen Klimamodellen, zwei verschiedenen statistischen und dynamischen Methoden, eine Bandbreite der belastbaren Informationen geschaffen, die man jetzt nicht mehr so einfach wegdiskutieren kann. Also genau die Grundlagen für die Planspiele, die Sie eben gesagt haben, sind jetzt da, sie sind frei verfügbar, man kann sie beim Deutschen Klimarechenzentrum abrufen und kann jetzt eben in den Regionen ausrechnen und entscheiden, wie man mit den Veränderungen umgehen will.

"Sie können die Daten auch direkt bekommen"

Blumenthal: Wie muss man sich das, abschließend gefragt, konkret vorstellen? Was kriegen die Bundesländer, was kriegen die Umweltämter, was kriegt die Bundesregierung? Einen Link auf eine Website, wo man dann Simulationen machen kann oder wie sieht sozusagen die Handhabung dieser Simulation konkret aus?

Jacob: Sagen wir mal, Sie müssen das Abwassersystem von Frankfurt neu dimensionieren oder Sie müssen bestimmte Infrastrukturen instand halten und wollen wissen, wie stark der Regen sich in Zukunft ändern könnte in der Region, weil das für Ihr Projekt wichtig ist, dann können Sie die Daten auch direkt bekommen. Das ist ein Link, der Sie über diese Projektwebseite dann auf das Deutsche Klimarechenzentrum leitet. Dort liegen die Originalinformationen, die wir berechnet haben, aber auch schon vorbereitete Informationen. Also Sie können sowohl Daten bekommen, die Sie in Ihre weiteren Modelle für stadtplanerische Maßnahmen zum Beispiel einfließen lassen oder für Wassermanagement, aber Sie können auch als Landwirt zum Beispiel erfahren, wie sich die Zahl der Hitzetage in Ihrer Region verändert oder ob es, wie wir es ja in diesem Jahr in Norddeutschland hatten, in Zukunft wirklich ab September quasi kontinuierlich regnet und die Zahl der Tage, an denen der Boden abtrocknen kann, weniger wird. Also das sind die Daten, die Sie bekommen. Es gibt dazu auch noch Hilfestellungen, wie man mit den Ergebnissen umgehen kann und wie man mit den Daten umgehen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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