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StartseiteInterview der Woche"Deutschland ist mit der Energiewende ein Vorreiter"15.06.2014

Klimaschutz"Deutschland ist mit der Energiewende ein Vorreiter"

Die Energiewende sei der richtige Weg in Deutschland, sagte Achim Steiner im Interview der Woche. Diese müsse jedoch konsequenter und schneller umgesetzt werden, ergänzte der Leiter des UN-Umweltprogramms UNEP. Ansonsten drohe die Gefahr, die Weltführerschaft bei grünen Technologien und Klimaschutz zu verlieren.

Achim Steiner im Gespräch mit Jule Reimer

Achim Steiner, Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP (AFP/Tony Karumba)
Achim Steiner, Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen UNEP (AFP/Tony Karumba)
Weiterführende Information

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Reimer: Achim Steiner, Sie sind der ranghöchste Deutsche innerhalb der Vereinten Nationen, nämlich Untergeneralsekretär und direkt unter Ban Ki Moon angesiedelt – und Sie leiten seit 2006 bei der UNO das Umweltprogramm UNEP. Sie wurden aber als Kind deutscher Einwanderer in Brasilien geboren und sind dort aufgewachsen. Gab es bei Ihnen eine kleine Party, als Brasilien gegen Kroatien am Donnerstag beim WM-Eröffnungsspiel gewonnen hatte?

Steiner: Sicher, denn ich glaube, wir haben uns ja alle gefreut, dass vor allem beim Eröffnungsspiel natürlich das Gastland erst einmal einen Erfolgt hat. Und wenn es auch etwas wackelig war, war es ein schönes Spiel und sehr spannend. Von daher habe ich mich sehr gefreut.

Reimer: Pünktlich, während wir hier sprechen, beginnen Sie Ihre dritte Amtszeit als UNEP-Chef. Und vor Ihnen war Ex-Bundesumweltminister Klaus Töpfer acht Jahre lang der Chef von UNEP. Damit werden die Geschicke des UN-Umweltprogramms mindestens 20 Jahre lang in deutschen Händen liegen. Das ist ziemlich beachtlich. Normalerweise wechseln ja bei der UN die Nationalitäten an der Spitze. Oder passt es einfach, global betrachtet, dass jemand aus dem Land der sorgfältigen Mülltrennung den Posten des obersten globalen Umweltschützers einnimmt?

Steiner: Ich glaube, sicherlich hat auch die Tradition der Umweltpolitik und vor allem auch der Innovationen der Technologien in Deutschland eine wichtige Rolle gespielt bei den Erfahrungen, die wir in die internationale Umweltpolitik einbringen können. Aber in den Vereinten Nationen ist erst einmal das Kriterium natürlich: Ist die Führungspersönlichkeit und ist das fachliche Know-how vorhanden? Ich freue mich natürlich erst einmal, damals Klaus Töpfer gefolgt zu sein. Und auch die Entscheidung der Generalversammlung, mir noch einmal eine dritte Amtszeit zu ermöglichen, ist natürlich ein Ausdruck des Vertrauens und auch der Zufriedenheit mit der Arbeit im Umweltprogramm der Vereinten Nationen heute.

Reimer: Angela Merkel galt mal als Klimakanzlerin und hat 2011 die Energiewende ausgerufen. Derzeit wächst aber in Deutschland wieder der Anteil der klimaschädlichen Braunkohle an der Stromerzeugung – und das auch noch staatlich subventioniert. Wie schauen Sie da von außen drauf?

Klaus Töpfer, der Vorgänger von Achim Steiner bei der UNEP. Im Hintergrund der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan. (AFP/Jon Levy)Klaus Töpfer, der Vorgänger von Achim Steiner bei der UNEP. Im Hintergrund der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan. (AFP/Jon Levy)Steiner: Mit einem gewissen Bedauern, einem gewissen Verständnis, aber vor allem mit der Hoffnung, dass dies nur ein kurzfristiger Rückschlag ist auf einem Weg, den Deutschland sicherlich mit sehr viel Vertrauen in die Zukunft und auch mit sehr viel Mut beschritten hat. Und ich glaube, Bundeskanzlerin Merkel, aber auch die vorhergehenden Regierungen haben ja mit der Energiewende, mit der Energiepolitik in Deutschland Wegweisendes geleistet, und auch die Ergebnisse sind ja beeindruckend. Von daher ist es meine Hoffnung, dass wir in diesen kurzfristigen Rückschlägen vielleicht oder auch dem Zögern, das manchmal durch die Tagespolitik verursacht wird, nicht den Blick dafür verlieren, dass Deutschland hier wirklich Vorreiter ist und auch mit sehr viel Erfolg für die eigene Wirtschaft, für die eigene Industrie und für Arbeitsplätze genügend Beispiele geliefert hat, warum diese Energiewende genau der richtige Weg ist, und dass er im Grunde noch konsequenter und schneller beschritten werden muss. Und dass das auch das Ziel der Bundesregierung bleibt, bin ich überzeugt.

Klimapolitik für die USA wichtig

Reimer: Die Klimabilanz der USA, die ja lange als Klimasünder geschmäht wurden, die sieht mittlerweile gar nicht schlecht aus. Jetzt hat US-Präsident Obama sogar angekündigt, dass Kohlekraftwerke bis zum Jahr 2030 ihre Treibhausgase um ein Drittel reduzieren müssen. Solche verbindlichen Reduktionsziele waren ja mit den USA bisher nicht zu machen. Haben Sie den Eindruck, dass die Vereinigten Staaten jetzt endlich auch im Klimaschutz wieder eine Führungsrolle übernehmen?

Steiner: Ich glaube, Präsident Obama hat ja seit seinem Amtsantritt immer wieder klar gestellt, dass er fest davon überzeugt ist, dass die Klimapolitik der Vereinigten Staaten nicht nur international, sondern auch für die Zukunft der Wirtschaft Amerikas von zentraler Bedeutung ist. Für die Welt ist es sicherlich ein sehr wichtiges Signal und auch für die Energiepolitik Amerikas sehr, sehr wichtig.

Reimer: Obama hat es auf nationaler US-Ebene erst gar nicht mit einem Emissionshandelssystem à la Europäischer Union versucht, um den Treibhausgasausstoß zu zügeln, sondern er hat in seiner ersten Amtszeit sehr strenge Grenzwerte für den Quecksilberausstoß von Kohlekraftwerken festgelegt – deshalb wird deren Betrieb ab 2016 unattraktiver. In Deutschland beispielsweise sind diese Grenzwerte deutlich lockerer. Parallel hat Obama die Förderung von Schiefergas vorangetrieben. Das war rückblickend eine Art Klimaschutz durchs Hintertürchen. Hat er es vielleicht sogar besser als die Europäer gemacht?

Steiner: Schiefergas hat natürlich den Vereinigten Staaten erst einmal kurzfristig ermöglicht, saubere Energie- und Stromproduktion zu ermöglichen. Gleichzeitig müssen wir uns immer wieder vor Augen halten: Fossile Brennstoffe sind langfristig keine Lösung, keine Antwort – nicht nur für den Klimawandel, sondern auch für unsere Energieversorgung.

Reimer:   Aber Gas ist ja immerhin der fossile Energieträger, der am wenigsten CO2 ausstößt. Die Frage stellt sich doch dann wirklich auch, ob das für Europa nicht ein gangbarer Weg wäre?

Steiner:   Die Frage stellt sich in der Tat. Aber die Frage wird hier auch von der Öffentlichkeit in der Form beantwortet, dass Risiken und Vorteile in einer öffentlichen Diskussion abgewogen werden müssen. Und es ist ja nicht so, dass Schiefergas sozusagen eine saubere Energieform ist, die ohne irgendwelche Herausforderungen oder Risiken gefördert werden kann. Es gibt Länder, die haben sehr viel Schiefergas, aber man braucht enorme Wassermengen. Und zum Beispiel ein Land wie Algerien kann es sich gar nicht leisten, aufgrund seines Wasserhaushaltes diese Schiefergasförderung in der Form zu verfolgen. In anderen Ländern ist es eine Möglichkeit. Aber letztlich müssen wir uns immer wieder vor Augen halten: Fossile Brennstoffe sind letztlich am Ende nicht unendliche Quellen. Und ich bin weiterhin der Überzeugung, dass für die zukünftige Energieversorgung – nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern weltweit – der Übergang hin zu einer Erneuerbaren-Energie-Infrastruktur letztlich die Lösung ist, auch um die Versorgung von acht, neun Milliarden Menschen sicher zu stellen.

Reimer:Sie hören das Interview der Woche im Deutschlandfunk mit Achim Steiner, UN-Untergeneralsekretär und Chef des UN-Umweltprogramms UNEP. Herr Steiner, für die UNO gilt: Sie ist immer nur so stark, wie die fünf Vetomächte – USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien – sie haben wollen. Bei der großen UN-Konferenz Rio+20 in Brasilien, im Juni 2012, also vor zwei Jahren, konnten sich die Europäer und andere Unterstützer nicht mit der Forderung durchsetzen, aus dem "einfachen" UN-Umweltprogramm, eine eigenständige UN-Umweltorganisation, die deutlich mächtiger als UNEP gewesen wäre, zu machen. War das bitter für Sie?

Rio 2012 ist erste Reform seit 40 Jahren

Steiner: Nein, ganz im Gegenteil. Ich glaube, die Forderung, eine Weltumweltorganisation zu etablieren, ist weiterhin auch das Ziel vieler Länder. Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen halten: In Rio, im Jahre 2012, wurden sehr viele Entscheidungen getroffen, die das Umweltprogramm der Vereinten Nationen gestärkt und aufgewertet haben. Das ist die erste Reform UNEPs in über 40 Jahren. Und in wenigen Tagen tagt hier in Nairobi zum ersten Mal die UN-Umweltversammlung. Das ist ein neues Gremium. Es ist das einzige Gremium außerhalb der Generalversammlung, in dem alle Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen in Zukunft repräsentiert sein werden. Das heißt, wir haben aus Rio heraus eine neue Plattform für die internationale Zusammenarbeit, für Kooperationen bei umweltpolitischen Themen geschaffen.

Und das ist ein ganz konkretes Beispiel, ein Riesenschritt in Richtung einer sogenannten Weltumweltorganisation, zumindest in der Zielsetzung. Wir haben auch in Entscheidungen im letzten Jahr als einziges Programm in dem gesamten System der Vereinten Nationen zusätzliche Budgetmittel erhalten. Das ist auch ein Zeichen, dass aus Rio heraus die Staatengemeinschaft entschieden hat, dass ein stärkeres Umweltprogramm der Vereinten Nationen nicht nur Priorität ist, sondern auch ganz konkret umgesetzt wird.

Reimer: Kommt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks zu dem Treffen?

Steiner: Sie kommt in der Tat. Und wir erwarten eine Rekordzahl von Ländern – über 160 haben schon zugesagt, über 130 Minister werden erwartet in Nairobi. Das heißt, wir haben eine ganz andere Form der internationalen Kooperation in Zukunft mit dieser Umweltversammlung der Vereinten Nationen, eben weil sie jetzt repräsentativ nicht mehr nur 58 Staaten in einem Verwaltungsrat hat, sondern wirklich eine Generalversammlung für die Umwelt ist.

Reimer: Sie wollen auf diesem Treffen über nachhaltige Entwicklungsziele sprechen. Der englische Fachbegriff lautet Sustainable Development Goals (SDG), und diese sollen ab 2015 die Millenniumsentwicklungsziele ergänzen, die hat die Staatengemeinschaft der UN im Jahr 2000 beschlossen. Die sehen vor, die Halbierung der Armut bis 2015, mindestens Grundschulbildung für alle Jungen und Mädchen, deutliche Reduzierung der Säuglings- und Müttersterblichkeit. Die Bilanz fällt bei den Millennium Development Goals (MDG), also Millenniumsentwicklungszielen, weltweit sehr unterschiedlich aus. Hilft es der Welt wirklich weiter, wenn die internationale Gemeinschaft alle zehn Jahre neue Vorgaben – na ja – erfindet?

Nachhaltige Ziele vereinbaren

Ein Arbeiter entnimmt einem Laptop Wertstoffe wie Edelmetalle zur Wiederverwertung.  (AFP/Stephane de Sakutin)Ein Arbeiter entnimmt einem Laptop Wertstoffe wie Edelmetalle zur Wiederverwertung. (AFP/Stephane de Sakutin)

Steiner: Gut, erfunden sind sie ja nicht im Sinne von "frei erfunden", sondern es sind Ziele, die wir uns setzen als internationale Gemeinschaft, aber natürlich durch jedes Land auch, mit deren Zustimmung an den großen Problemen der Menschheit zu arbeiten. Dass wir diese Ziele nicht immer gleich erreichen, mit sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, in verschiedenen Ländern auch mit unterschiedlicher Geschwindigkeit, macht die Ziele ja nicht falsch.

Und zum Beispiel die Verminderung von Armut oder stärkerer Nachhaltigkeit, Sterblichkeitsraten bei Müttern oder Säuglingen, das sind ja Ziele, denen wir alle erst einmal zustimmen und zweitens, die wir auch als Priorität akzeptieren. Die Umsetzung ist natürlich unterschiedlich. Wir müssen uns immer wieder vor Augen halten: Es gibt viele Länder, in denen gibt es Konflikte, Bürgerkriege, es gibt Länder, in denen Naturkatastrophen stattfinden in dieser Zeit. Das erklärt zum Teil diese sehr unterschiedlichen Fortschritte. Was aber sehr wichtig ist, ist, dass wir in Rio trotz dieses Dokumentes, das für viele ja relativ abstrakt war, mit diesen neuen nachhaltigen Entwicklungszielen letztlich ein Format geschaffen haben, in dem die Weltgemeinschaft bis nächstes Jahr eine Reihe von Nachhaltigkeitszielen entwickelt, die für alle Länder in Zukunft zutreffen.

Das heißt, auch die Industriestaaten, auch die reicheren Nationen werden sozusagen in die Pflicht genommen, bei den Nachhaltigkeitszielen einen aktiven Beitrag zu leisten, auch Verantwortung zu übernehmen. Das heißt, die Millenniumsentwicklungsziele waren ja mehr eine entwicklungshilfeorientierte Zielmarge. Wir sind heute an einem Punkt, wo wir uns mit den grundlegenden Nachhaltigkeitsfragen auf Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse befassen müssen. Und die schließen letztlich alle Länder mit ein. Natürlich, wenn man mit sieben Milliarden Menschen verhandelt – 193 Nationen –, ist es nie leicht, konkrete Ziele zu vereinbaren.

Reimer: Was muss denn dann drinnen stehen in diesen Zielen? Also gucken wir mal die wesentlichen Umweltprobleme dieser Erde – Klimaerwärmung, Plastikteppiche in den Weltmeeren – an, die werden ja durch den Konsum und Lebensstil der Mittel- und Oberschichten der Welt verursacht. Was erwartet uns dann? Weniger Laptops?

Steiner: Nun, nicht unbedingt weniger Laptops, aber vielleicht effizientere Laptops und vor allem auch das Recycling von Laptops. Denn Elektroschrott oder Elektromüll ist ja inzwischen zu einer Riesenlawine geworden. Und genau darum geht es ja. Es ist bei den nachhaltigen Entwicklungszielen ja nicht nur eine Frage von Umweltthemen, sondern es sind die drei Dimensionen: Die ökonomische, die soziale und die Umweltdimension. Diese drei müssen ineinander greifen, denn nur so können wir Wohlstand und Nachhaltigkeit letztlich als ein Entwicklungsziel verfolgen für alle Menschen auf der Erde.

Reimer: Tatsächlich verbrauchen aber unsere Laptops zum Beispiel immer weniger Strom, aber dafür schaffen wir dann noch einen Tablet-PC an und ein Smartphone an, und die SUVs, also die Geländewagen, werden auf Deutschlands Straßen immer beliebter. Da läuft doch was gegenläufig? Sie reden in Nairobi über schöne theoretische Dinge und die Praxis sieht anders aus?

Steiner: Nein, wir reden über die Praxis, aber die Welt tut sich natürlich schwer, dieses in jeder Hinsicht umzusetzen. Denn Sie haben vorhin auch zum Beispiel Quecksilber angesprochen. Wir haben gerade eine neue Konvention verhandelt mit den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen, um Quecksilber zu reduzieren, bei Ausstoß von Emission in Kohlekraftwerken, in Fieberthermometern, in Hospitälern. Wir leisten sehr konkrete Arbeit, indem wir uns damit befassen, wie wir Länder dabei unterstützten können, diese Ziele zu erreichen.

Aber natürlich, die Weltbevölkerung wächst, der Wohlstand wächst und das ist unsere große Herausforderung. Können wir das Wirtschaftswachstum vom Ressourcenkonsum abkoppeln und entkoppeln? Und das ist letztlich die große Frage bei diesem Übergang hin zu einer Green Economy, die ja UNEP immer wieder in den Vordergrund gestellt hat in den letzten Jahren.

Reimer: Gucken wir auf Europa. In der Europäischen Union ist es nicht gelungen, eine wirksame Energieeffizienz-Richtlinie durchzusetzen. Und es gibt jetzt eine deutlich weichere Variante, und Deutschland hat auch diese bis heute nicht umgesetzt. Wo Anreize setzen und wo muss vielleicht auch mal ein richtiges Verbot her?

Die Positionierung der EU

Steiner: Ich glaube, Europa ringt ein wenig in den letzten Jahren damit, dass es ja fast zu einer Art "Mini-Vereinten-Nationen" geworden ist. Denn die Europäische Union hat ja inzwischen eine ganze Reihe von sehr unterschiedlichen Mitgliedstaaten. Und das ist ein Problem, wenn man versucht sozusagen, mit hohen Ansprüchen Nachhaltigkeitspolitik umzusetzen. Ich glaube, da gibt es auch Rückschläge. Und für Europa sicherlich ist es wichtig, sich genau zu überlegen, wie positioniert sich eine Europäische Union in den Trends, die sich heute abzeichnen. Zum Beispiel ist es vorstellbar, dass bei der Klimapolitik – wo Europa nun wirklich eine Führungsrolle in den letzten 15 Jahren gespielt hat – in sehr kurzer Zeit die Vereinigten Staaten und auch China Europa überholen könnten.

Wir müssen in die Grundsignale der Wirtschaftspolitik gehen. Wir subventionieren immer noch Fehlverhalten, falschen Konsum, ressourcenineffizienten Konsum. Und das sind letztlich die Voraussetzungen dafür, dass Industrie, aber auch der Verbraucher mit anderen Optionen erst einmal arbeiten kann und wir dadurch auch sozusagen diese Parameter verändern, in denen unsere Wirtschaft im Augenblick immer noch in die falsche Richtung geht.

Ein Arbeiter prüft ein Solarpanel auf einem Feld im chinesischen Hami. (AFP)Ein Arbeiter prüft ein Solarpanel auf einem Feld im chinesischen Hami (AFP)

Ein Kompromiss ist nie das Optimum

Reimer: Sie hören das Interview der Woche mit Achim Steiner, UN-Untergeneralsekretär und Chef des UN-Umweltprogramms UNEP. Die EU-Kommission hat vor ein paar Jahren den Vorschlag gemacht, anstelle von Einkommen Rohstoffe, also Metalle zum Beispiel, stärker zu besteuern. Mag sein, dass dieser Vorschlag in dem einen oder anderen schönen Mehrjahresprogramm noch mal auftaucht, aber insgesamt wischte damals eine Mehrheit der EU-Staaten diesen Vorschlag schneller vom Tisch als man ihn lesen konnte. Ist das nicht noch ein Beleg dafür, dass Nachhaltigkeit nicht erwünscht ist?

Steiner: Man kann natürlich immer einzelne Beispiele herausgreifen. Erst einmal sollten wir uns vor Augen halten: Europa hat in sehr vieler Hinsicht umweltpolitische und nachhaltigkeitsorientierte Ziele und Strategien verfolgt, auch bei Ressourceneffizienz. Dass wir manche dieser Ziele noch nicht erreicht haben, ist sicherlich auch ein Beispiel dafür, dass Tagespolitik und nationale Politik immer wieder eingreifen auch.

Auch Deutschland – erinnern wir uns zum Beispiel bei den Effizienzzielen für die größeren Automobilproduzenten – hat auch seine eigene Industrie verteidigt. Genauso geht es mit anderen Ländern. Das heißt, es ist immer ein Kompromiss und der Kompromiss ist nie das Optimum. Aber wir müssen uns vor Augen halten: In den globalen Märkten, was Energiepreise angeht, Rohstoffpreise, ist Ressourceneffizienz eindeutig ein Kriterium, das in Zukunft die wirtschaftliche und auch die Wettbewerbsfähigkeit Europas stark definieren wird. Wenn Europa es nicht schafft, mit den richtigen Anreizsystemen Industrie und Verbraucher zu einer effizienteren Wirtschaftsform zu führen, dann werden wir auch international sehr schnell sehen, dass europäische Unternehmen nicht mehr konkurrenzfähig sein werden.

Reimer: Die Energiewende verbraucht auch Natur. In Bayern, in Rheinland-Pfalz formieren sich die Bürgerinitiativen gegen Windparks und interessieren sich für Milane und Fledermäuse, die auf Roten Listen stehen, da sie vom Aussterben bedroht sind. Wie wollen Sie diesen Zielkonflikt lösen?

Steiner: Gut, alleine kann ich ihn nicht lösen. Ich kann nur immer wieder appellieren, dass wir uns in einem nicht einfachen Zwiespalt befinden. Wir können einerseits die neuen Energieformen ablehnen, die Frage ist dann: Gut, machen wir weiter mit Kohle? Ist das letztlich für die Natur und für die Umwelt dienlicher? Versuchen wir, intelligente Kompromisse zu finden? Ich persönlich wünsche mir natürlich auch eher eine Natur, die nicht voll mit Technologie ist, aber ich hätte viel lieber Windkraft in meiner Landschaft als unbedingt radioaktiven Müll jetzt irgendwo in einem Salzbergwerk oder -stock oder auch die Kohleemission, die wir sonst weiterhin haben werden. Und es sind ja auch zum Teil Übergangsformen, die vielleicht in 50, 60 Jahren nicht mehr in der Form auch in der Landschaft stehen müssen. Das heißt, es ist ein Kompromiss, den wir finden müssen. Und natürlich, auch die Fledermaus zählt. Und die Frage ist ja: Können wir intelligente Entscheidungen treffen auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen, Naturschutzerkenntnissen und Prioritäten, aber auch von wirtschaftlichen Notwendigkeiten?

Reimer: Schauen wir noch einmal auf den Klimaschutz: Das UN-Umweltprogramm UNEP hat gerade mit der chinesischen Regierung einen Kooperationsvertrag geschlossen. Beide zusammen wollen Entwicklungsländer beim Kampf gegen die Klimaerwärmung unterstützen. Was genau soll da passieren?

Steiner: Vielleicht ist für viele Ihrer Hörer nicht unbedingt nachvollziehbar, warum China auch in vieler Hinsicht bereits Unterstützung und auch Technologietransfer für Entwicklungsländer bereitstellt bei Fragen, die mit dem Klimawandel zu tun haben. Aber das hat auch sehr viel damit zu tun, dass China ja selber in den letzten 20 Jahren sehr viel in die Klimapolitik bereits investiert hat. Wir arbeiten bereits seit vielen Jahren mit chinesischen Fachkräften zusammen, mit Instituten.

Und die Entscheidung Chinas, sich gemeinsam mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen auch in Kontinenten wie Afrika, Lateinamerika, Asien zu engagieren und diesen Ländern diese Unterstützung bereitzustellen, ist für uns eine logische Konsequenz. Unter anderem auch, weil ja durch Chinas Produktion und den enormen Produktionssteigerungen bei erneuerbaren Energietechnologien die Preise so weit gesunken sind, dass sie zum ersten Mal auch einen Zugang für afrikanische Länder zum Beispiel in die Investition von Windkraft oder Solartechnologie ermöglichen. Und das ist das Ziel unserer Zusammenarbeit.

Reimer: Ein Argument in Deutschland für die Erneuerbaren Energien lautet ja genau, dass diese dann auch exportiert werden können. Ist es dann nicht so, dass letztendlich, sagen wir mal, die chinesische Technologie da billiger – und vielleicht auch nicht so kompliziert – für einen Großteil der Welt dann besser geeignet ist? Sollten sich die Deutschen dann vielleicht auf andere Bereiche konzentrieren?

Steiner: Ich würde sagen: Ganz im Gegenteil. Gerade der Wettbewerbsvorteil vieler europäischer Forschungsinstitute, aber auch Industrien ist ja, dass sie sozusagen Hochtechnologie produzieren.

Reimer: Okay, aber zum Beispiel im Bereich der Solarmodule hat China Deutschland den Rang abgelaufen?

Steiner: In der Produktion ja, aber beim Stand der Technologie noch immer nicht. Und für manche ist es vielleicht schwer nachvollziehbar: Auch ein deutscher Panel zum Beispiel hat sehr viel chinesischen Input, aber auch viele chinesische Fotovoltaikproduzenten nutzen deutsche Technologie. Das heißt, wir arbeiten ja in einem Weltmarktgefüge. Nur was China natürlich geschafft hat ist, in der Größenordnung mit den Skalen der Produktion die Preise so weit hinunter zu bringen, dass sie natürlich einen Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt heute haben.

Aber ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, wir haben ja unsere Zentrale hier in Nairobi vor drei Jahren neu gebaut und auf dem Dach steht eine Solaranlage, die für 1200 Mitarbeiter den Strom produziert, unseren gesamten Strom, und diese Anlage besteht aus japanischen, aus deutschen Modulen und auch einem Teil chinesischer Technologie. Das ist das Beispiel dafür, dass wir in einem Weltmarkt heute es den Menschen ermöglichen können, mit immer weniger Geld, immer mehr Energie zu produzieren. Und das ist ja das Ziel des Übergangs hin zu einer erneuerbaren Technologie-Wirtschaftsform.

Europa will eigene Energiepolitik verfolgen

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (r.) mit Achim Steiner in Nairobi (AFP/Tony Karumba)UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (r.) mit Achim Steiner in Nairobi (AFP/Tony Karumba)Reimer: Sie hatten es vorhin schon mal angedeutet: Müssen wir aufpassen, dass die Chinesen und die USA bei den Grünen Technologien den Europäern, den Deutschen den Rang ablaufen?

Steiner: Ich glaube ja. Und es ist ja bereits im Entstehen. Und es ist ja auch interessant, dass zum Beispiel Klimapolitik und Welthandelspolitik ja hier in einem offenen Widerspruch stehen. Zum einen appellieren wir immer an die Chinesen, dass sie mit Erneuerbaren Technologien, mit weniger CO2-Emissionen ihre eigene Wirtschaft vorantreiben. Wenn sie aber nun erfolgreich mit diesen Technologien in den Weltmarkt treten, werden sie im Welthandelskontext wegen einer Subvention sozusagen vor den Kadi gezogen, obwohl sie im Grunde nicht nur Europa, sondern auch vielen anderen Ländern es nun ermöglichen, in diese erneuerbaren Technologien einzusteigen. Also hier sind Welthandelspolitik und Weltklimapolitik erst einmal in einem Konflikt, der sehr schnell gelöst werden muss.

Aber ich glaube, gerade Europa hat ein großes Interesse, weiter mit seinen eigenen Klimazielen im Binnenmarkt und damit auch für den internationalen Markt sich selber so zu positionieren, dass sie Weltführerschaft auch ausüben können, was zum Beispiel Technologie und die Weltmärkte in diesem Bereich betrifft. Wenn Europa seine eigene Energiepolitik nun wieder verlangsamt und den Übergang zu erneuerbaren Technologien auch nicht in dem Maße verfolgt und bei Ressourceneffizienz, wie es ja in den Zielen erst einmal angedeutet wurde, dann leidet natürlich auch die europäische Industrie darunter und der Wettbewerbsvorteil ist sicherlich in vieler Hinsicht erst einmal in Frage gestellt.

Reimer: 2015 – so ist die Hoffnung – soll in Paris auf der UN-Klimakonferenz ein internationales Klimaschutzabkommen geschlossen werden, in dem sich auch die USA und vor allen Dingen auch Schwellenländer, wie China oder Indien, auf verbindliche Reduktionsziele einlassen. Gegen die hatten sich die Schwellenländer ja bislang gewehrt, weil sie sagten: Wir müssen noch wachsen, wir haben viel Armut. Wie schätzen Sie die Aussichten ein?

Steiner: Ich glaube, in den letzten Wochen, auch durch die Ankündigung von Präsident Obama, der chinesischen Regierung auch, sich neue Ziele zu setzen, Europas Versuch letztlich, mit einer Reduzierung von vielleicht 40 Prozent der Emissionen in Zukunft an den Verhandlungstisch zu kommen, sind die Voraussetzungen etwas besser, als noch vor drei, vier Monaten. Aber wir sollten uns sicherlich nicht der Illusion hingeben, dass diese Verhandlungen leicht werden. Die Voraussetzungen durch die Wirtschaftskrise, aber auch durch die weiterhin bestehenden Zweifel, ob eigentlich ein faires Angebot auf dem Tisch liegt für die unterschiedlichen Interessen der einzelnen Länder, macht diese Verhandlungen enorm schwierig.

Und was uns vor allem fehlt, ist die Bereitschaft von Politikern, hier auch mit einer Führungsrolle international etwas aus der normalen Reihe zu treten. Deswegen hat ja auch Generalsekretär Ban Ki-Moon für diesen September ein Leadership Summit zum Klimawandel in New York einberufen, weil er vor allem Regierungs- und Staatsoberhäupter dafür gewinnen will, dass sie selber eine Führungsrolle hier übernehmen. Das ist natürlich für eine Bundeskanzlerin und für einen Premierminister, für einen Präsidenten erst einmal die Einladung, dieses Thema wieder persönlich in die Hand zu nehmen. Denn ohne diese politische Führungsrolle auf oberster Ebene wird es sehr schwierig werden für Paris.

Reimer: Schauen wir noch mal auf ein anderes Schwellenland, nämlich auf Brasilien, das sich ja auch gegen Klimaschutzauflagen gewehrt hat, allerdings auch in der letzten Zeit gelobt wurde, dass es die Abholzung, die zu den CO2-Emissionen beiträgt, etwas reduziert hat. Ich sagte es eingangs: Sie sind Deutscher, aber als Kind deutscher Einwanderer in Brasilien geboren worden und dort auch aufgewachsen. Für wen zittern und jubeln Sie eigentlich dann bei der Fußballweltmeisterschaft?

Steiner: Eine sehr schwierige Frage in meinem jetzigen Amt. Aber ich freue mich für beide Mannschaften erst einmal. Und ich freue mich natürlich vor allem für Brasilien. Denn es ist ein Land – trotz der Proteste auch in den letzten Wochen –, in dem Fußball einfach Nationalsport und auch für die Emotionen das Thema Nummer 1 ist. Und wir müssen einfach mal abwarten, wie es nun weitergeht. Ich habe aus meiner Sicht erst einmal das Privileg, dass ich mich schon mal für zwei Mannschaften freuen kann. Und wenn es im Endspiel dann gegeneinander geht, dann wird es eine private Angelegenheit.

Reimer: Achim Steiner, vielen Dank für das Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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