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StartseiteTag für TagKloster Mor Gabriel ruft Europäischen Gerichtshof an12.04.2012

Kloster Mor Gabriel ruft Europäischen Gerichtshof an

Syrisch-orthodoxe Christen in der Türkei unter Druck

Mor Gabriel, im dritten Jahrhundert von syrisch-orthodoxen Mönchen gegründet, zählt zu den ältesten Klöstern weltweit. Bis heute singen die Mönche Choräle in Aramäisch, der Sprache, die auch Jesus gesprochen hat. Doch ein Landstreit gefährdet die Existenz der Anlage im Südosten der Türkei.

Von Gunnar Köhne

Das Kloster Mor Gabriel ist eines der ältesten Klöster der Christenheit.  (picture alliance / dpa / Aktion Mor Gabriel)
Das Kloster Mor Gabriel ist eines der ältesten Klöster der Christenheit. (picture alliance / dpa / Aktion Mor Gabriel)

Sonntagsmesse auf heiligem Boden. Seit über 1600 Jahren wird hier, in der Klosterkirche Mor Gabriel gebetet. Nicht nur für die kleine Gemeinde der syrisch-orthodoxen Christen im äußersten Südosten der Türkei ist dieser unscheinbare Ort das zweite Jerusalem.

Das Kloster, massiv errichtet aus einem für die Gegend typischen hellen Kalkstein, liegt auf einem Hochplateau, dem Tur Abdin, zu Deutsch: Berg der Knechte Gottes. Jedes Jahr kommen Hunderttausende Pilger aus der ganzen Welt hierher. Die angestammte syrisch-orthodoxe Bevölkerung dagegen hat den Tur Abdin in den letzten 50 Jahren verlassen - der Diskriminierung überdrüssig oder vertrieben von der Gewalt zwischen Kurden und dem türkischen Staat. Nur die Mönche von Mor Gabriel und drei weiteren Klöstern hielten hinter ihren Mauern aus.

Doch nun droht auch dem Kloster Mor Gabriel Gefahr. Es geht um mehrere Gerichtsverfahren, in denen der Orden beschuldigt wird, illegal Land besetzt zu haben. Geklagt haben umliegende kurdische Dörfer, aber auch die staatliche Forstbehörde. Sükrü Aktas, Sprecher der Klosterstiftung, vermutet hinter der Auseinandersetzung politische Motive:

"Das Kloster besitzt keine eigenen Einnahmen. Die Äbte leben von Spenden und von dem, was die Landwirtschaft auf dem umliegenden Anwesen hergibt. Wenn man dem Kloster das auch noch nimmt, dann wird das negative Konsequenzen für dessen Existenz haben. Ohne diese Ländereien wird das Kloster langfristig nicht überleben können."

Landvermessungsarbeiten hatten die Streitigkeiten ausgelöst. Die Prozesse sorgen auch in Europa für Aufsehen. Politiker äußern sich besorgt über die Religionsfreiheit für Christen in der Türkei.

Dabei hat sich die Situation der Syrisch-Orthodoxen in ihrem Stammland rund um die Stadt Midyat durchaus verbessert. In einem Kirchenkomplex in der Altstadt werden Kinder am Nachmittag wieder in Aramäisch unterrichtet, jener uralten Sprache, die auch schon Jesus gesprochen haben soll. Noch in den 90er-Jahren wäre ein solcher christlicher Religionsunterricht in der Türkei strafbar gewesen, berichtet der Lehrer der Kirche, Ayhan Gürkan:

"Wir können diesen Unterricht nur dank Spenden aus Europa aufrechterhalten. Von offiziellen Stellen wird der Unterricht bloß geduldet. Von den Spenden aus dem Ausland werden auch unsere Schulbücher gedruckt."

Dennoch: Immer mehr Syrisch-Orthodoxe kehren in ihre Heimat zurück. Mit ihren Ersparnissen bauen sie sich ganze Dörfer neu rund um ihren heiligen Berg Tur Abdin.

Einer der Rückkehrer ist Yakup Gabriel, er kehrte mit seiner Frau bereits vor zehn Jahren aus der Schweiz in die Türkei zurück. Aus seiner stattlichen Villa will er nun ein Hotel machen. Denn seit in dieser Gegend die Gewalt zwischen der PKK und der Armee nachgelassen hat, besuchen immer mehr Touristen den Tur Abdin. Dabei hatten die Gabriels an Rückkehr gar nicht gedacht:

"Als wir nach Europa geflüchtet waren, sind wir gegangen, um nie wieder zurückkehren. Aber nach einigen Jahren hat sich unser Volk in Europa organisiert - wie wir das doch schaffen können. Und dann ist es Schritt für Schritt eben so gekommen."

Auch in eine Weinkelterei hat Gabriel investiert - eine jahrtausendealte Tradition der Aramäer hat er damit wiederbelebt. Für diese Investition erhielt er sogar Zuschüsse vom türkischen Staat.

Der Wohlstand vieler christlicher Rückkehrer schürt Neid in den armen kurdischen Dörfern des Tur Abdin. Diese Menschen leben fast ausschließlich von der Viehhaltung - das Klosters Mor Gabriel nehme ihnen angestammte Weideflächen, klagen sie. Ihre Anzeigen gegen das Kloster hätten aber nichts mit Christenhass zu tun, sagen die Männer des Dorfes Yayvantepe, die sich auf niedrigen Plastikstühlen vor dem Teehaus versammelt haben:

"Wir haben ihnen immer wieder die Hand gereicht zu einem Kompromiss um das Weideland. Aber sie haben abgelehnt. Trotzdem haben wir uns gegen sie zurückgehalten, weil sie ja eine Minderheit sind."

"Die Aramäer haben uns gesagt, wir haben Geld und Einfluss, gegen uns könnt ihr nicht gewinnen. Na gut, haben wir gesagt, aber wir haben Allah auf unserer Seite."

In einigen der Gerichtsverfahren Verfahren obsiegte das Kloster, in anderen unterlag es. Nun hat Rudi Sümer, der Anwalt von Mor Gabriel, den Europäischen Gerichtshof angerufen:

"Schon in den 90er-Jahren wurde die Mauern um die Ländereien des Klosters aus Sicherheitsgründen erhöht und verbreitert. Damals gab es dagegen von keiner Seite Einwände. Doch zehn Jahre später heißt es plötzlich, die Mauern verliefen illegal durch ein Waldstück. Darum gibt es gegen den Vorsitzenden der Klosterstiftung auch noch ein Strafverfahren."

Am heiligen Berg Tur Abdin leuchten nachts wieder die Kreuze an Kirchen und Klöstern. Doch der Streit ums Land droht den Neuanfang der syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei zu stören.

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