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StartseiteBüchermarktKluges Fernsehen17.04.2002

Kluges Fernsehen

Suhrkamp, 266 S., EUR 10,-

Nachts, wenn die werktätige Bevölkerung die Fernbedienung sinken lässt, schlägt die Stunde der Intellektuellen. Bei einer Quote zwischen 0,1 und 0,3%, dürfen sie das Fernsehen endlich als ihr Medium betrachten. Kulturkritik, philosophische Kamingespräche und hin und wieder eine Reportage, die mehr Geist als spektakuläre Bilder verbreitet. Obwohl sich Privatfernsehen und öffentlich-rechtliche Programme bis zur Verwechselbarkeit ähneln, gibt es doch einige Sendungen, die so niemals in der ARD oder dem ZDF laufen würden. Ihr Eigensinn ist nicht gremientauglich und würde in den parteiendurchseuchten Rundfunkräten schärfstes Entsetzen hervorrufen. Da betreibt einer eine One-Man-Show ohne Rücksicht auf Zuschauerverluste, schert sich nicht um thematische wie politische Ausgewogenheit und ist sich selbst ganz offensichtlich Maß aller Dinge. Über den Krieg redet er so gerne wie über Mythologie und über die Oper. Sein Name: Alexander Kluge.

Florian Felix Weyh

Ein lebendes Paradox, denn was Alexander Kluge mit seinen diversen Fernsehformaten seit Jahren der kleinen, aber treuen Fangemeinde zukommen lässt, passte zwar inhaltlich ins öffentlich-rechtliche System, wurde aber erst von einer privatwirtschaftlichen Konstruktion ermöglicht. Der Trick besteht in den Eigentümerverhältnissen. Im öffentlich-rechtlichen System wäre Kluge nie Eigentümer geworden, im Privatfernsehen gelang ihm das in freibeuterischer Manier. In seinen "Sendefenstern" kann er vollkommen autonom agieren und den TV-Riesen Zuschauer abjagen. Das tut er nun seit über einem Jahrzehnt, und zu seinem 70. Geburtstag hat sich die Medienwissenschaft ein Geschenk ausgedacht. "Kluges Fernsehen" - so der doppeldeutige Titel des Sammelbandes -verfehlt seinen Gegenstand allerdings auf traurige Weise. Semiotisch und ästhetisch lässt sich dem Phänomen Kluge nicht beikommen, denn im Gegensatz zur restlichen Fernsehwelt orientieren sich Alexander Kluges Sendungen am Dialog. Die Schnitt- und Bilderebene wird dem weit untergeordnet, das ästhetische Chaos aus Schrifttafeln, Foto- und Filmcollagen resultiert aus praktischen Zwängen und hat durchaus ökonomische Gründe. Wer im Fernsehen eigentlich Radio produziert, nämlich das gesprochene Wort höher achtet als dessen Visualisierbarkeit, muss entweder viel Geld besitzen, um die Visualisierung nachliefern zu können, oder verlegt sich auf eine Armutsvariante mit unaufhörlich recycelten Bildmaterial. Kluge hat aus der Not eine Tugend gemacht, wie er zuvor aus den restriktiven medienpolitischen Rahmenbedingungen eine Waffe gegen die Konzerne schmiedete. Zu deren völligem Erstaunen, denn niemand hätte in den achtziger Jahren erwartet, dass sich ein Vertreter der vor Angst und Ekel erstarrten Intellektuellen in die Niederungen des Privatfernsehens begeben würde.

Dabei hat es Kluge seinen Gegnern leicht gemacht. In einem abgelegen publizierten Aufsatz von 1985 mit dem Kluge-typischen Langtitel "Die Macht der Bewusstseinsindustrie und das Schicksal unserer Öffentlichkeit" kündigte er sein trojanisches Medienprogramm im Bauch der Riesen von SAT-1 und RTL detailliert an. Dieser Aufsatz ist ein Schlüsseldokument bundesrepublikanischer Mediengeschichte. Er hätte an vorderster Stelle in den Sammelband hineingehört, denn eine Diskussion über "Kluges Fernsehen" kann ohne ihn nicht seriös stattfinden. Die eifrig um Vernebelung und Jargonvertiefung bemühten Medienwissenschaftler scheinen ihn im Gros gar nicht zu kennen, nur an zwei Stellen findet er in Fußnoten Erwähnung. Kein Zufall: Beide Male signalisiert das eine lohnende Lektüre. Und ebenfalls kein Zufall: In beiden dieser lesenswerten Aufsätze - von Winfried Siebers und von Knut Hicketier - geht es um historische Fragestellungen. Einmal darum, wie Kluge geschichtliche Themen in seine Sendungen integriert, und einmal um die medienhistorische Bedeutung Alexander Kluges selbst. Für den siebzigjährigen Jubilar, einen der wenigen konsequenten Selberdenker im deutschen Kulturbetrieb, muss es allerdings tief frustrierend sein, dass sein eigenes Werk andere so sehr zum Schwafeln und so wenig zum Denken anregt. Aber vielleicht ist Kluge doch einfach klüger als seine Exegeten.

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