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StartseiteKultur heuteKochen am Konfliktherd12.06.2012

Kochen am Konfliktherd

"Food and Fadwa" beim New York Theater Workshop

Die palästinensische Autorin Lameece Issaq erzählt in ihrem ersten abendfüllenden Drama den Nahostkonflikt aus kulinarischer Perspektive – und nominiert die Küche zum Ort, an dem sich auch schier unlösbare Konflikte herunterköcheln lassen.

Von Andreas Robertz

Wer kocht, kämpft nicht. (AP Archiv)
Wer kocht, kämpft nicht. (AP Archiv)

Wenn man das Theater betritt, steigt einem der wunderbare Geruch von gebratenem Fleisch und frischen Gewürzen in die Nase. Die gesamte Bühne (wunderschön in den Details von Andromache Chalfant) ist einem großen sandsteinfarbenen Haus im palästinensischen Stil nachempfunden. In der Mitte ist die Küche mit einem großen zentralen Block, an dem Fadwa steht und das Publikum zu ihrer ganz persönlichen Kochshow begrüßt. "Welcome to Food and Fadwa".

Mit viel Charme und Witz bereitet sie verschiedene traditionelle Vorspeisen für die anstehenden Hochzeitsfestivitäten vor, erzählt nebenbei wie wichtig es ist, Zeit und Ruhe fürs Kochen zu haben, die uralten Rezepte zu ehren und natürlich nie das Olivenöl zu vergessen, denn Gott selbst soll Adam den Olivenbaum geschenkt haben, um sein irdisches Schicksal zu erleichtern. Immer wieder kehrt sie im Laufe des Abends zum Publikum und ihrer Show zurück, denn für sie ist Kochen der wahre Ausdruck von Hoffnung und Trost.

Die noch junge Fadwa lebt mit ihrem demenzkranken Vater in Betlehem. Seine Krankheit begann, als die Israelis seine uralten Olivenbäume wegen des Mauerbaus rodeten. Trotz der alltäglichen Einschränkungen durch die israelische Besatzung versucht Fadwa, für ihre Schwester Dalal ein traditionelles Hochzeitsmahl vorzubereiten, das sich bekanntlich über mehrere Tage hinzieht. Als ihr Verlobter Jussuf für die Hochzeit aus New York anreist und seine neue Freundin Hayat mitbringt, wird die Geduld Fadwas auf eine harte Probe gestellt. Hayat stammt ebenfalls aus Betlehem, ist aber mit ihrer Mutter ausgewandert und nun ein gefeierter Food Network Star der New Yorker kulinarischen Szene – mit leicht veränderten Rezepten von Fadwas Mutter. Nebenbei drängt sie Dalal ihren Vater in die USA zu bringen, für eine bessere medizinische Versorgung.

Und ausgerechnet jetzt ruft die israelische Armee eine unbefristete Ausgangssperre über Betlehem aus. Die eingesperrte Familie sitzt zu Hause wie auf einem Pulverfass, weil die Konflikte zwischen Tradition und Veränderung, Pflicht und Freiheit, Opferbereitschaft und der Suche nach einem neuen Anfang in Amerika sich jetzt verschärfen. Ein besonders anschaulicher Moment des Abends ist, wenn Dalals Mann Emir Hayat die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts anhand wild auf dem Tisch verstreuter Speisen erklärt. Schließlich nimmt er eine Gabel, erklärt diese zum Symbol für die Ausweispapiere der israelischen Behörde und gibt lachend zu:"Doch wer isst hier schon mit der Gabel!" Und dann trinken alle auf die große palästinensische Mauer.

Es ist vor allem Fadwas innere Stärke und ihr unermüdlicher Versuch, den widrigen politischen Bedingungen Normalität und Würde abzugewinnen, die diesen Abend so besonders macht. Themen wie verlorene Liebe, das schwierige Verhältnis zwischen Geschwistern, Sorge um kranke Eltern und die Angst vor der Zukunft berühren universelle Themen. Essen, Singen, Geschichten erzählen und der bodenständige Humor kennzeichnen die Mitglieder dieser Familie, die so ganz anders sind, als das in den amerikanischen Medien weit verbreitete Bild vom wütenden Palästinenser und vermeintlichen Terroristen. Diese Strategie zahlt sich aus, denn damit zeigt das Stück jenseits simpler Polarisierung wie Menschen trotz demütigender Besatzung ihre Würde und ihre uralte Kultur zu bewahren versuchen.

"Food and Fadwa" erinnert an die Werte von Heimat und Tradition und kontrastiert sie mit den zweifelhaften Versprechungen von politischer Freiheit und ökologischem Erfolg in Amerika. Lameece Isaaqs Stück ist wie ein Gericht voll bitterer Süße und warmer Hoffnung. Langer Applaus nicht nur für ein tolles Ensemble, sondern auch für eine junge Autorin, die es verstanden hat, die Geschichte eines Konfliktes aus einer kulinarischen Perspektive zu erzählen. Nicht nur wer zusammen redet, schießt nicht aufeinander, sondern auch, wer zusammen isst.

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