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Seit 02:07 Uhr Kulturfragen
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin PR-Gau für die islamischen Verbände17.06.2017

Kölner FriedensmarschEin PR-Gau für die islamischen Verbände

Vor allem der Absage des Islamverbandes Ditib sei es zu verdanken, dass sich die Kölner Demonstration "Nicht mit uns" gegen islamistischen Terror als Reinfall entpuppt habe, kommentiert Daniel Heinrich. Jetzt könnten sich Rechte dieses Debakel zunutze machen.

Von Daniel Heinrich

Unter dem Motto "Nicht mit uns" demonstrierten am 17.6.2017 etwa 500 Muslime gegen Islamismus und Terrorismus (imago/epd)
Etwa 500 Muslime fanden sich am 17.6.2017 unter dem Motto "Nicht mit uns" in Köln ein, um gegen Islamismus und Terrorismus zu demonstrieren. (imago/epd)
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Stellen Sie sich vor: Sie wollen ein Zeichen setzen. Sie wollen ein Zeichen setzen gegen Terror, gegen Gewalt, für Frieden und Gleichberechtigung in einer Gesellschaft. Stellen Sie sich vor, Sie wollen dieses Zeichen setzen. Und dann macht keiner mit.

"Nicht mit uns". Das war das Motto der Veranstalter der muslimischen Friedensdemo in Köln rund um die liberale Islamwissenschafterlin Lamya Kaddor.

Niedrige Beteiligung

"Nicht mit uns". Das dachten sich offensichtlich auch eine große Mehrheit der Muslime in Köln. Angekündigt waren zehntausend Demonstranten. Am Ende waren es nur ein paar Hundert Menschen, die in der Kölner Innenstadt zusammenkamen.

"Nicht mit uns". Das war das Motto der Veranstaltung, die zeigen sollte, dass Muslime in Köln, in Nordrhein-Westfalen, in Deutschland nichts mit islamistischer Gewalt, nichts mit Terror und viel mit Frieden und Gleichberechtigung zu tun haben wollen. Durch die niedrige Beteiligung an der Demonstration besteht nun die Gefahr, dass sich dieses Motto in sein komplettes Gegenteil verkehren könnte, dass – zumindest ein Teil der Öffentlichkeit – nach diesem Wochenende sagen wird: Seht her. Wir haben es ja schon immer gewusst. "Die" Muslime wollen sich auch einfach gar nicht vom Terrorismus distanzieren.

Woran lag's?

Wer hat nun Schuld an dieser katastrophal niedrigen Beteiligung? An den Organisatoren lag es mit Sicherheit nicht. Die Veranstalter, vorneweg Lamya Kaddor, hatten in den Tagen vor der Demo pausenlos die Werbetrommel gerührt, waren gefühlt von einem Mikrofon zum anderen gesprungen. Eine Kraftanstrengung, die auch an der lebhaften Kaddor nicht spurlos vorüberzog. Auf der Bühne gefragt was Sie nach der Demo noch vorhabe, kam die lapidare Antwort: Sie freue sich am Abend einfach nur auf Couch und Bett.

Nein. Lamya Kaddor trifft keine Schuld. Die Schuld ist woanders zu suchen. Zum Beispiel bei Deutschlands größtem Islamverband Ditib. Ditib betreibt in der Republik rund 900 Moscheen, verfügt über 800.000 Mitglieder und somit über ein riesiges Mobilisierungspotential.

Hören Sie hier auch unser Gespräch mit Kommentator Daniel Heinrich:

Vor wenigen Tagen ließ der Vorstand der Ditib per PDF-Pressemitteilung mitteilen: Ditib wolle sich nicht an der Demonstration beteiligen, eine muslimische Anti-Terror Demo würde Muslime selbst stigmatisieren.

Die Stellungnahme von Ditib ist Humbug

Das ist natürlich vollkommener Humbug. Kein Rassist dieser Welt würde eine muslimische Anti-Terror Demo ernsthaft als Argument ins Feld führen, um Muslime zu beleidigen, zu diffamieren, auszugrenzen.

Gerade in der Argumentation mit solchen vorurteilsbeladenen Menschen hätte eine muslimische Großdemonstration gegen den Terror heute in Köln ein schlagendes Argument sein können. Ein schlagendes Argument dafür, dass ein Großteil der Muslime sich eben gerade nicht mit islamistischem Terror solidarisch zeigt. Diese Chance ist grandios verpasst worden.

Sicherlich. Es gibt sie. Die muslimischen Aufrufe gegen den Terror, die Verurteilungen von Anschlägen, die Verurteilung von Gewalttaten im Namen des Islam. Solche Aufrufe lassen sich auch auf der Homepage der Ditib finden, sie lassen sich auch aus deren Pressemitteilungen entnehmen. Und ja. Im Jahr 2004 hat die Ditib auch mal eine Anti-Terror-Demo organisiert.

Diesen PR-Gau könnten sich Rechte zunutze machen

Aber. Bitte. Liebe Ditib. Wer – außer Journalisten und interessiertem Fachpublikum – macht sich denn die Mühe und klickt sich durch eure Homepage, macht sich aktiv auf die Suche, liest eure Pressemitteilungen oder erinnert sich allen Ernstes an eine Demonstration vor über einem Jahrzehnt?

Machen wir uns nichts vor. Es besteht die große Gefahr, dass islamophobe, rechtsgerichtete Kreise diese Demonstration heute in Köln nutzen werden, um gegen Muslime in unserer Gesellschaft Stimmung zu machen, zu betonen, dass sich Muslime großflächig eben nicht gegen Terror aussprechen.

Es wird, liebe Ditib, und liebe andere Islamverbände, die heute nicht mit an Bord waren, viel Mühe und viel Geduld kosten diesen PR-Gau wieder glattzubügeln. Und niemand außer Euch selbst kann dafür verantwortlich gemacht werden.

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