Samstag, 16.12.2017
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Königinnen

Kiepenheuer & Witsch, 1998, 151 Seiten, 29,80 Mark

"Manchmal denke ich daran, nicht nur zwei Kinder zu bekommen, sondern gleich drei oder vier. Nur um sie alle umzuhauen (nicht die Kinder versteht sich). Ein Kind macht man heutzutage, um später nicht ohne dazustehen. Zwei Kinder macht man, damit das eine nicht so alleine ist. Das ist wie mit den Wellensittichen, da kauft man am besten gleich zwei, weil einer allein so traurig ist. Ab drei Kindern wird es interessant, weil es dafür keinen vernünftigen Grund mehr gibt. Und bei vier Kindern greift man sich nur noch an den Kopf. Das finde ich gut. Nur austragen und aufziehen mag ich sie nicht."

Martina Groß

Gloria, um die 30, mit Kind und Freund. Zusammen mit ihrer Freundin Maria ist sie die Protagonistin in Elke Naters Roman "Königinnen". Maria, Single, ist wiederum auf der Suche nach einem Freund. Aber sie hat ein Problem - den ‘Richtigen’ zu finden: "Mit Paul habe ich ein paar schöne Abende verbracht. Mehr war nicht, hätte aber werden können. Darüber wurde nie gesprochen, weil ich auch immer so getan habe, als wäre ich nicht besonders interessiert. Das habe ich getan, damit er sich mehr für mich interessiert und nicht, damit er sich um eine andere bemüht. Das war falsch. Ich hätte ihn anrufen sollen und sagen, daß ich ihn wiedersehen will, am besten jeden Tag, daß er mir gefällt und er vielleicht der Richtige ist. Zu spät."

Elke Naters, 1963 geboren, wuchs in München auf, bevor es sie vor zwölf Jahren nach Berlin zog: "Das war so ein Wunsch nach Veränderung. Und ich hab’s bereut von dem Moment an, als ich hier war und bin nur nicht zurück gegangen, weil ich keinen Schritt mehr zurückgehen wollte. Und weiß bis heute eigentlich nicht, warum ich in Berlin gelandet bin. Ist aber gut so im nachhinein."

Hier in Berlin studiert sie Medienkunst. Erst vor zwei Jahren begann sie mit dem Schreiben: "Ich habe vorher als Künstlerin photographisch gearbeitet und hab dann nicht mehr photographiert, aus dieser Arbeitspause heraus habe ich angefangen zu schreiben, habe Notizen dazu gemacht und, ja, es wurden daraus kurze Geschichten, die ich in Heftchen gesammelt habe. Das wurde dann immer länger und immer mehr, bis es dann in diesem Roman geendet hat. Was heißt geendet, sich gesammelt hat."

Naters Erfahrungen mit der Photographie spiegeln sich im Roman wider. Die knappen, unambitioniert erzählten Episoden sind aneinandergereihte Momentaufnahmen des Alltäglichen; es ist die Projektion eines großstädtischen Lebensgefühls. "Ja, es resultiert schon aus dem direkten Erleben, also aus dem Beobachten des täglichen Lebens, wie’s eben auch meine Arbeitsweise in der Photographie war, also hat es auch direkt immer mit mir zu tun. Ich gehe halt von meiner Generation aus, von mir und meinen Freundinnen und was ich so kenne."

Fernab von jeglichem Superweib-Mythos erzählen Gloria und Maria vom Leben in der Großstadt, die in diesem Fall Berlin heißt. Der Roman erinnert an Irmgard Keuns "Das Kunstseidende Mädchen". Ab und zu blitzen in der naiven Betrachtungsweise der beiden Frauen Erfahrung und Weisheit auf. Im Gegensatz zu Keuns Figuren wirken sie jedoch relativ unnahbar - cool. Gleichzeitig wirken die beiden jungen Frauen vom Leben frühzeitig erschöpft: "Das Leben ist anstrengend, wenn man viel davon will, dann ist es auch sehr anstrengend. Göoria und Maria wollen auch viel, und das ist oft auch ein vergebliches Wollen, weil es das, wie man etwas will, oft gar nicht so gibt, das ist nur so eine Sehnsucht danach, und immer dieser Sehnsucht hinterherzulaufen oder sie in oft nur kurzen Momenten erfüllt zu bekommen, ist ein anstrengend."

Wie Keuns Roman " Das kunstseidene Mädchen" stürzen sich Maria und Gloria mehr als ein halbes Jahrhundert später in das Großstadtleben: Es ist bestimmt von Parties, Szene-Kneipen, Cafés, Telefongesprächen und Einkäufen in teuren Modeläden. "Ich möchte so richtig viel Geld haben. Soviel Geld, daß man es nie ausgeben kann. [...] Wenn man richtig viel Geld hat, braucht man gar nichts mehr. Ein Zustand absoluter Freiheit. Aber davon sind wir weit entfernt. So was erreicht man auch nicht mit anständiger Arbeit. Es macht keinen Spaß Geld auszugeben, für das man gearbeitet hat. [...] Mit Arbeit viel Geld zu verdienen, ist das Gegenteil von Freiheit. Kein Geld zu haben, kommt dem Zustand, unendlich viel Geld zu haben, näher. Was die Freiheit betrifft. Das bestätigt die Erfahrung."

Die Sehnsucht nach etwas anderem, das das Leben doch eigentlich noch bereithalten müßte, kann durch all die Aktivitäten nicht kompensiert werden. Immer wieder ist da die Sehnsucht nach dem "großen Glück". "Es gibt immer ein kleines Glück, aber es existiert auch die Sehnsucht nach einem großem Glück, das sich jetzt nicht formuliert. Das ist eher das, was man vom Leben will. Es ist ein Gefühl, am Leben zu sein."

Mit "Königinnen" gelingt es Elke Naters, ein Lebensgefühl von jungen Frauen im Großstadtdschungel - zwischen Sensation und Langeweile, Geselligkeit und dem Gefühl allein zu sein - authentisch zu beschreiben. Es ist eine Generation von Frauen, die niemandem - höchstens sich selbst - etwas beweisen muß: "Das ist auch ein Nicht-erwachsen-werden-wollen, was ja so nicht stimmt. Es geht darum, sich Jugend zu erhalten, die auch einen naiven Blick auf die Welt zuläßt und andererseits darum, daß das, was sie alt wirken läßt, natürlich die Erfahrung sind, die sie gemacht haben. Die machen sie ja reichlich in dem Leben, das sie führen, in dem sie nichts auslassen und eigentlich auch alles wissen wollen.

Bei aller Unbeständigkeit - trotz Meinungsverschiedenheiten, Streit, alter und neuer Freundinnen, Freunde und Lieben - gibt es eine Konstante im Leben der beiden Frauen - ihre Freundschaft: "Ich bin so froh, daß sie da ist, ich weiß gar nicht, was mit mir los ist. Ich bin so froh, daß ich so eine großartige Freundin habe [...]. Gloria spricht, und ich höre ihr zu. Über unseren blöden Streit und was das für eine Welt ist, ohne eine Freundin wie mich. Wie man überhaupt überleben soll, heutzutage, ohne eine Freundin, auf die man sich verlassen kann. [...] Ich denke mir noch, daß man in dieser verrotteten Stadt wirklich nichts nötiger hat als eine Freundin wie Gloria."

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