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StartseiteSonntagsspaziergangKöniglich über Stock und Stein03.11.2013

Königlich über Stock und Stein

Der Wanderweg "Kungsleden" in Schwedisch-Lappland

Schon vor 100 Jahren erkannten Romantiker den Reiz der Tundra Lapplands. Auch heute lieben Trekker den 800 Kilometer langen "Kungsleden"-Wanderweg im Norden Schwedens. Besonders die Etappe zwischen Nikkaluokta und Abisko ist bei Deutschen beliebt.

Von Folkert Lenz

Ein Lager aus Trekking-Zelten am Fuße eines Berges in Schwedisch-Lappland (Deutschlandradio - Folkert Lenz)
Ein Lager aus Trekking-Zelten am Fuße eines Berges in Schwedisch-Lappland (Deutschlandradio - Folkert Lenz)

"Es ist schön ruhig, leise. Kein Verkehr. Keine Häuser. Frische Luft. Man kann Wasser direkt aus den Bächen trinken. Es ist eben Wildnis und nicht so zivilisiert."

Man merkt Mattias Tarestad an, dass er sich in Lappland verliebt hat. Zwar wohnt der Wildnisführer jetzt wieder im Süden Schwedens. Aber sein Herz hat er hier oben während seiner Jahre am Polarkreis verloren. Einsamkeit, die muss man mögen, wenn man dorthin aufbricht. In diesen Landstrich mit seinen Moortümpeln, seiner flachen Tundra und den schroffen Felsspitzen darüber.

"Klassische schwedische Berge: Die sind vielleicht nicht so hoch wie in den Alpen. Die höchsten in Schweden sind etwa 2.000 Meter plus. Und im Moment gibt es zwar nicht so viel Schnee darauf. Aber an einigen Plätzen ist es noch weiß. Wir haben auch Gletscher, aber die sind ziemlich klein."

Echte Berge eben. Der Kebnekaise, Schwedens höchster, thront über allem hier. Nun, markant wie das Schweizer Matterhorn sieht er nicht gerade aus. Aber das würde in diese Landschaft auch gar nicht passen.

"Diese nacheiszeitliche Landschaft, die Trogtäler und glatt geschliffenen Berge. Die finde ich faszinierender als die schroffen, aufgefalteten Alpen."

"Das sind weiche Kuppen. Trotzdem ist eine Fernsicht da. Und wir sehen Schnee, und es ist hoch, und schon hochalpines Gelände, finde ich."

"Diese Weite ist faszinierend. Der kann sich bestimmt kaum einer entziehen."

Wolfgang, Petra und Manfred. Die drei Deutschen stehen mit ihrem Grüppchen neben der kleinen roten Holzkapelle in Nikkaluokta und stopfen ihre Rucksäcke. Für ein paar Tage soll es auf den Kungsleden gehen, der nordschwedische Wanderpfad ist einer der ältesten Europas. 110 Kilometer auf dem "Königsweg" bis nach Abisko liegen vor ihnen - zu Fuß!

"Wir haben fünf Tage zum Genießen. Aber es wird auch ein Stück harte Arbeit. Wir gehen sicher so 15 bis 25 Kilometer pro Tag. Wir machen Urlaub, aber es ist nicht immer super bequem …"

… sagt der Guide Mattias und ermuntert zum Losgehen.

Anfangs führt der schmale Weg durch Birkenwälder, nach ein paar Stunden wird der Untergrund matschiger. Grün-braunes Gestrüpp, gerade knöchelhoch, prägt nun die karge Landschaft.

Große Rucksäcke schwanken auf den Schultern der Wanderer. Denn alles zum Überleben müssen sie mitschleppen: Zelt, Schlafsack, Liegematte, Gas zum Kochen und Proviant. Wasser zum Trinken und Waschen kommt aus den Bächen und Seen. Geschlafen wird im Zelt. Der Kungsleden führt durchs Hochgebirge. Die erste Nacht in der Wildnis stürmt es. Da kann es schon mal vorkommen, dass man kein Auge zutut.

"Ich habe nicht sehr lange geschlafen, denke ich. Ich habe die ganze Nacht den Wind gehört. Aber wenn man dann aufwacht, in dieser wunderschönen Landschaft, dann vergisst man, dass man nicht geschlafen hat."

Über Stock und Stein führt der Königsweg, den die Weit-Wanderer entlang stolpern – mitten im Nirgendwo von Lappland. Sechs, sieben, acht Stunden am Tag wird marschiert. Wer sich ein bisschen vorbereitet hat, der leidet nicht so arg.

"Ich war an vier Wochenenden jeweils einen ganzen Tag unterwegs. Wandern bei uns in Hessen im Kaufunger Wald. Ohne Gepäck. Aber der Muskelkater war trotzdem da."

"Ich bin zwei Mal am Wochenende wandern gewesen, mehr habe ich nicht gemacht. Dieser Kilometerschnitt, der lässt sich hier gar nicht halten. Zu Hause sind wir so fünf, sechs Kilometer in der Stunde gegangen. Und hier kommen wir auf dreieinhalb Kilometer in der Stunde."

Kein Wunder, drückt doch ein 15-Kilo-Sack auf dem Rücken.
Immer weiter geht es hinein in die Wildnis, immer weiter weg von Straßen und Handynetz.

Sälka nennt sich eine Ebene mitten im Gebirge. Ein paar Bäche plätschern durch die mattgrünen Wiesen. Grau-braune, karge Berghänge rahmen den Talboden ein. Etwas entfernt trabt ein Rentier mit seinem Jungen entlang. Der Wildnisexperte Mattias Tarestad ist entzückt.

"Wir haben so etwa 50 Kilometer in alle Richtungen bis zum nächsten Weg mit Verkehr. Das ist wirklich ein wilder Platz, würde ich sagen. Das ist einer von den Plätzen, wo man am weitesten weg ist von der Zivilisation."

In Sälka steht auch eine der Fjällhütten des Schwedischen Touristenvereins. Eine Ansammlung von mehreren braunen Holzhäuschen mit weißen Fensterläden. Hier kann man Sara Tigerström treffen. Sie ist Chefin für alle STF-Unterkünfte nördlich des Polarkreises. Und auch vom Wildnis-Virus infiziert. Das zeigt sich spätestens, wenn sie beim Plausch vom Leben als Hüttenwartin erzählt.

"Im Juli, da kommen hier überall die bunten Blumen aus dem Boden. Und die Wanderer kommen auch, von überall aus der Welt. Im August, da wird es schon wieder ein bisschen dunkler hier. Der September ist dann der goldene Monat für uns. Wenn hier alles in roten und gelben Farben steht. Im Oktober wird es dann schon dunkler und dunkler. Das ist das Jahr."

Nicht ganz! Denn schon im tiefsten Winter, wenn die Sonne in Sälka nicht mal über den Horizont steigt, fahren die Hüttenwächter mit Schneemobilen zu ihren Gebirgshäusern, um dort einzuheizen und den ersten Skiwanderern eine Herberge anzubieten. Auch das begeistert Sara Tigerström.

"Meistens sind es minus 25, minus 27 Grad unter Null. Superdunkel. Kein Mensch ist hier draußen. Dann bringen wir die Hüttenwirte hierher. Der März ist dann der Monat der Schneestürme. Da bekommen wir den meisten Schnee. Und dann kommen auch die ersten Gäste. Meistens mit Hundeschlitten. Oder auf Langlaufski."

Doch bis dahin sind es noch ein paar Monate.

Auf dem Kungsleden steht nun die Etappe hinauf zum Tjäktja-Pass an. Gerade mal 400 Meter höher als der Talboden liegt der Sattel. In den Alpen oder im Himalaja wäre das ein Katzensprung. Hier, wo die Berge kaum die Zweitausender-Marke ankratzen, ist das aber ein veritabler Anstieg. Ein kleiner See mit einem Hüttchen markiert den Pass. "1140 Meter über dem Meer", so klärt ein Holzschild auf. Das ist der höchste Punkt des Treks. Puuh!

"Super, dass wir hier oben sind. Schönes Wetter, kein Schnee, kein Regen. Anstrengend schon, aber okay. Mit dem Gepäck dann oben drauf, mit 14 Kilo, das ist natürlich schon schwer. Wenn man weniger hätte, wäre es besser."

Hinter dem Tjäktja-Pass: Über Kilometer erst mal eine Steinwüste. Graue Felsbrocken zuhauf. Ein beschwerliches Stück Weg, bevor es wieder ein bisschen grüner wird. Der lange Marsch verursacht erste Blessuren, dann terrorisieren auch noch Mückenschwärme die Power-Walker in der Bergtundra.

"So viele Moskitos. Wir sind alle schon so zerstochen, dass es kaum mehr geht."

""Ich habe meine Knie bandagiert, mit Tape. Alles schön zusammenhalten. Aber ich bin guter Dinge, dass der Körper mitmacht."""Also ich bin gerne viel und lange unterwegs. Aber diese Tragerei: Ich glaube, ich werde mich nie dran gewöhnen. "

Stundenlang führt der kleine Pfad nun über Rentierweiden. Von den Tieren ist zu dieser Jahreszeit allerdings wenig zu sehen. In den Tälern liegen dunkelblaue Seen, darüber braune Felsgipfel. Aber bis zu 30 Kilometer am Tag machen das Wandern jetzt für manchen zum Gewaltmarsch.

"Das ist die Herausforderung, mal kurz über seine Grenzen zu gehen und die Zähne zusammenzubeißen. Es war eine Tour heute von 27 Kilometern. Da ist man froh, sein Lager aufzuschlagen."

Damit Touristen nicht im Matsch versinken und auch die Landschaft schonen, gehen sie über Holzbohlen (Deutschlandradio - Folkert Lenz)Wege auf Holz schonen die Natur (Deutschlandradio - Folkert Lenz)Es ist das letzte Camp auf einer höckerigen Wiese mitten im Moor. Kniehohe, rostbraune Grashalme wiegen sich im Wind. Der Weiterweg am nächsten Tag führt über lange Holzbohlen. Damit die Wanderstiefel nicht im Schlamm versinken. Und damit die Trekker nicht die sensible Landschaft zertrampeln. Weit, weit vorne im Tal lässt sich schon die riesige Wasserfläche des Torneträsks erahnen - ein fjordähnlicher See: das Ziel.

Durch erstes Gebüsch geht es nun hindurch. Bald sind die legendären Birkenwälder von Abisko erreicht. Doch halt! Merkwürdig licht ist es im Gestrüpp. Die Bäume, sie haben keine Blätter.

"Das passiert alle acht bis zehn Jahre einmal. Das ist ein kleines Tier, das frisst alle Blätter von den Birken. Aber nur Birken. Jetzt sieht es aus wie im Oktober. Oben an der Waldgrenze ist es noch grün, aber im Wald selbst ist es braun. Normalerweise sind die Farben im Herbst hier sehr, sehr schön. Es gibt gelbe Farben, goldene und Rot. Es sieht aus, als ob die Berge, ja, wie in Feuer stehen. Sehr schön eigentlich. Aber dieses Jahr wird es ein bisschen anders."

Man merkt, dass es dem Wildnisführer Mattias Tarestad wehtut, wenn "seine" Wälder so leiden. Doch die Wehmut, sie erleichtert auch den Abschied, als die silbergrauen Dächer der Abisko Fjällstation im lichten Wald in Sicht kommen.

"Es war so schön hier, jetzt müssen wir die letzte Etappe antreten."

"Man kann ja wiederkommen."

"Ich bin ganz stolz, das muss ich sagen. Aber das ist hier kein Spaziergang. Es ist auch schon anstrengend."

Auch Manfred und Susanne haben die 110 Kilometer geschafft. Nach einer knappen Woche Wandern am Polarkreis stapfen sie zufrieden zum gleißend blinkenden Torneträsk hinunter. Hinter ihnen sind die Mücken wieder fast die Einzigen, die noch unter der Nordland-Sonne unterwegs sind

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