Samstag, 16.12.2017
StartseiteBüchermarktKönnen. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen22.01.1999

Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen

Suhrkamp, 1998, 140 Seiten, 16,80 Mark

Poetik, so erläutert ein bekanntes Sachbuch zur Literatur, Poetik sei die "Lehre von Wesen, Gattungen und Formen der Dichtung sowie von den ihr eigenen Gehalten und Darstellungsformen". Dieser Lehre widmen sich auch die jährlich stattfindenden sogenannten Frankfurter Poetikvorlesungen. Nicht selten zelebrieren dort Autoren und Autorinnen daher die literarische Selbstapotheose in mal mehr mal weniger literarisch exaltierter Form. Schließlich gilt die Dozentur als illustrer Ort der Weihe im Literaturbetrieb.

Claudia Kramatschek

Den Spielregeln dieses Betriebes verweigert sich die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz kategorisch, seitdem sie darin mitmischt. Wer ihre veröffentlichten Frankfurter Poetikvorlesungen zur Hand nimmt, wird stutzen. Denn als erstes sieht der Leser sich konfrontiert mit den Schlächter-Szenen des fundamentalistischen Algeriens. "Das würde ich mit meinem Schaffen durchaus im Einvernehmen sehen", so Marlene Streeruwitz. "Denn es geht ja um das Jetzt, um das Wie-weiter, um das Richtig und Falsch, und da ist Algerien gerade vom feministischen Standpunkt aus eines der Ereignisse, die uns betreffen. Es sind diese Splitter, die zu uns über den Alltag drängen, über die internationale Berichterstattung, die ja nun auch viel verschweigt von dem, was da wirklich passiert, und die ja auch eine eigene Choreographie hat, und das heißt, auch einer Poetik folgt, wenn man das genau nimmt."

Alltag ist überhaupt das Stichwort, ja der Fokus dieser Vorlesungen. Verbergen sich doch, so Streeruwitz' Verdacht, unter dem beschaulichen Mantel des Alltäglichen die Spuren einer Domestizierung, die den Alltag zu dem machen, was er eigentlich ist: eine Form von Ordnung. Eine Ordnung, die durchdrungen sei von sogenannten "Apparaturen der Macht" und die somit als Regelwerk gebietet, was wie zu sein hat und was nicht. Noch die Sprache, so Streeruwitz, in der wir uns tagtäglich bewegen, spiele in dieser Ordnung als Helfershelferin eine wichtige Rolle. So gilt der Sprache, die uns zwar entfremde, ohne die wir aber nicht sein könnten, das besondere Augenmerk. Marlene Streeruwitz: "Nachdem es die einzige Sprache ist, die wir haben, die Männer und Frauen sprechen müssen, weil sie keine andere haben, ist es als Hort des Patriarchats, weil es eben von da kommt, jeweils neu eine Invasion, mit jedem Wort, das man spricht im Grund genommen. Und Mann spricht es ja, Frau kann es nur nachsagen, und insofern ist eine viel rigorosere Einstellung zu diesem Medium Sprache notwendig."

Die Forderung nach einer "rigoroseren Einstellung" zur Sprache richtet Streeruwitz dabei sowohl an uns Textrezipienten als auch an alle, die Texte produzieren. Immer aber, wo Streeruwitz von Texten spricht, ist eine Entgrenzung mit im Spiel, die vom handelsüblichen Gebrauch des Begriffes absieht. So finden sich im Streeruwitzschen Sprachlaboratorium Werbeparolen, Heiratsannoncen oder auch Strukturen der frühkindlichen Sprachsozialisation der Literatur als Untersuchungsmaterial gleichgestellt. Die Grenzüberschreitung, die Streeruwitz damit vollzieht, ist wohl das zweite auffallende Merkmal dieser Poetikvorlesungen. Die allerdings bieten auch in ihrer bilderstürmerischen Diktion schon Stoff zur Diskussion. Waghalsig mischt Streeruwitz Elemente der Alltags- und Sprachsoziologie mit einer feministisch orientierten Patriarchats- und Kapitalismuskritik, als ob die Literatur wieder als schlechtes Gewissen der Gesellschaft in Dienst genommen werden sollte. "Diese Kategorien sind ja alle Voriges-Jahrhundert-Kategorien, die uns in kleine Fächer aufgeteilt halten, und daher nicht modernefähig sind", so Streeruwitz. Wir sind in der Postmoderne angelangt, ohne die Moderne überhaupt in irgendeiner Form bewältigt zu haben und ich denke, da geht es einfach darum, die Kriterien herzustellen. Die Moderne hat es zumindest in Bezug auf Kunst nicht geschafft, adäquate Kriterien einerseits des Schaffens, andererseits der Kritik, vor allem der Kritik zu entwickeln und die Rückführung der Person auf sich selbst, um die es immer gegangen wäre, nicht nur auf der humanistisch erhabenen Ebene zu schaffen, sondern einfach in allen Ebenen."

Ob und wie diese "Rückführung auf sich selbst" sprachlich zu bewältigen sei, ist die zentrale Frage der Vorlesungen. Damit aber geht es um nichts weniger als um die Crux, aus der Enklave einer umfassenden Sprachentfremdung heraus wieder zu einer eigenen Sprache zu finden: "Eine Crux ist es nur, wenn man weiter selbst patriarchal bleibt, das heißt eine Kulturrevolution anzetteln müßte, weil man ödipal funktioniert, das heißt, sich des Ausdrucks begibt und einen neuen entwirft, und der neue sich dann in diesem vollkommenen Neu-Sein sich nur auf das vollkommen Alte beziehen kann."

"Trauerarbeit" lautet Streeruwitz' Antwort, und meint die Rückbesinnung des Einzelnen an jene Momente und Strukturen, in denen Eigenes verlorenging. Erinnerung, so Streeruwitz, sei daher die Grundlage aller Texte. Gerade die Bastionen des Privaten wie Kindheit, Jugend oder Schulzeit müßten in dieser Art kleinen Literatur ihren Platz erhalten. So kommt jener Lisa Liebich, Protagonistin des letzten Streeruwitz-Romanes, plötzlich mehr als nur Kunstcharakter zu, wenn sie Creative-writing-Kurse besucht und Tagebuch schreibt. "Es gibt ja die schöne Möglichkeit der Menge, es muß nicht Masse sein. Es gibt auch die Möglichkeit, ähnlich zu sein, sich im Ähnlichen zu finden und das Anderssein aus dem Ähnlichsein zu verstehen, was ja im Gleichsein nicht möglich ist, das immer abgrenzend und damit zentralpatriarchal angelegt ist. Alle Krisen unserer Gesellschaft liegen ja an dieser Eindeutigkeit des Patriarchats, indem es nur das eine richtig findet und alles andere ausgrenzt. Die tagebuchschreibenden Idealmenschen meiner Vorstellung könnten eben dieses Ähnlichsein erkennen und ihr Anderssein unagressiv formulieren."

Das hört sich so kuschelig an, wie das Leben nie sein könnte, folgte man der Streeruwitzschen Maxime, "einen tagtäglichen Kampf ums Bewußtsein" der eigenen Sprache zu führen. "Das Leben ist anstrengend und genau das muß durchgehalten werden. Es hat ja seine beglückenden Seiten, manchmal eine Erkenntnis zu fassen. Und die Möglichkeit sich zurückzulehnen und nur einfach zu vegetieren, ist darin nicht eingeschlossen, das stimmt."

Das Glück der Erkenntnis jedenfalls wird den Lesern und Leserinnen dieser Vorlesungen nicht einfach geschenkt. Dennoch: So streitbar deren Inhalt und Form auch sind, konfrontiert Streeruwitz doch vor allem mit der Notwendigkeit, Sprache neu zu denken. Für dieses Wagnis aber, geordnete Denkbahnen gegen ungewohnte und daher irritierende Theorieverknüpfungen einzutauschen, sind die Vorlesungen allemal Beispiel und Material zugleich.

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