Kultur heute / Archiv /

 

Körper als Protest

Gegen die gängigen Schönheitsideale

Von Günter Kaindlstorfer

John Coplans, Self Portrait Interlocking Fingers No 6, 1999 (© John Coplans, Self Portrait Interlocking Fingers No 6, 1999 /Albertina, Wien 2012)
John Coplans, Self Portrait Interlocking Fingers No 6, 1999 (© John Coplans, Self Portrait Interlocking Fingers No 6, 1999 /Albertina, Wien 2012)

Im Fokus der Wiener Ausstellung "Körper als Protest" stehen Fotografinnen und Fotografen wie John Colans, Robert Mapplethorpe oder Ketty La Rocca. Sie alle begehren gegen die normierten Schönheitsbilder ihrer Zeit auf.

Mitte der 80er-Jahre startet der britische Künstler John Coplans ein radikales Projekt. Inspiriert von den knackigen Posterboy-Inszenierungen des schwulen Schock-Fotografen Robert Mapplethorpe beginnt der 1920 geborene Coplans, seinen eigenen, alles andere als knackigen Körper fotografisch zu dokumentieren.

"Wir stehen hier vor einem Selbstporträt des britischen Fotografen John Coplans. Coplans begann im Alter von 64 Jahren seinen eigenen Körper aufzunehmen. Die radikale Neuerung dabei war, dass er seinen alten und vergänglichen Körper zeigt. Der Körper wird unidealisiert vorgeführt, er wird haarig, faltig und jenseits aller Ideale vorgeführt."

Die Arbeiten John Coplans bilden das Kernstück der Schau in der Albertina. Es sind kompromisslose, verstörende Ansichten eines welkenden Männerkörpers, mit Schwabbelbauch und Schrumpelzumpf und allem, was so dazugehört. Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, ist bekennender Coplans-Fan:

"Er zeigt bewusst nicht mehr den athletischen, idealen, wunderschönen Körper, sondern den Körper eines durchschnittlichen Mannes, dem die Haare sprießen, wo sie sprießen, dem die Finger- und Zehennägel einwachsen, eines Mannes, der alle Verfallszeichen des alternden Menschen aufweist."

"Körper als Protest": Im Brennpunkt der Wiener Ausstellung stehen Fotografinnen und Fotografen, die gegen normierte Schönheitsbilder und künstlerische Konventionen aufbegehren, wie der Kurator der Schau, Walter Moser, erläutert.

"Protest äußert sich in dieser Ausstellung in vielerlei Hinsicht: einerseits gegen gesellschaftliche Normen wie zum Beispiel Makellosigkeit und Jugendkult, andererseits zum Beispiel im Feminismus gegen die Darstellung weiblicher Akte oder auch gegen klassische Rollenbilder. Der mir wesentlichste Protest ist aber der Protest gegen den eigenen Körper."

Die italienische Body-Art-Künstlerin Ketty La Rocca zum Beispiel: Sie erkrankte Mitte der 70er-Jahre an einem tödlichen Gehirntumor, im Alter von nur 38 Jahren. Eines der beunruhigendsten Exponate der Albertina-Ausstellung zeigt eine Röntgenaufnahme von La Roccas Schädel: An die Stelle des Tumors hatte die Künstlerin eine geballte Faust montiert.

Robert Mapplethorpes Arbeiten sind auf andere Weise verstörend. Der 1989 an Aids verstorbene Künstler hat es längst zu Kalender-Ehren gebracht, seine Männerphantasien in gelacktem Schwarz-Weiß zieren Zahnarztpraxen und WG-Toiletten. Beim Studium diverser Mapplethorpe-Akte in der Albertina drängt sich die Frage auf: Haben diese fotografischen Vermessungen des männlichen Körpers nicht etwas Riefenstahleskes? Sind Mapplethorpes Arbeiten letztlich doch "schwuler Faschismus"?

"Sind sie nicht. Denn die Schönheit, die er entdeckt, ist die Schönheit des Schwulen. Und das Schwule gilt, als Mapplethorpe sich der "Gay Culture" zuwendet, als dreckig, als letztklassig, als das Verbotene und Tabuisierte schlechthin. Dagegen wendet sich Mapplethorpe. Seine Fotos sind ein Protest. Sie sagen: Entdeckt nicht nur die Schönheit des Heterosexuellen, die ihr in der Werbung verwenden könnt, auch der homosexuelle Mann, die lesbische Frau, haben eine Schönheit, die nicht nur eine innere, sondern auch eine dezidiert äußere Schönheit werden kann."

Der weibliche Blick kommt in der Albertina-Schau ebenfalls zu seinem Recht, wie Kurator Walter Moser hervorhebt.

"Frauen beginnen sich Mitte der 50er-Jahre mit der Darstellung von Frauen und von Akten auseinanderzusetzen. Während der Feminismus in den Fünfzigern noch relativ unbedarft war, wird er in den Sechzigern und Siebzigern immer komplexer und theoretisch fundierter und zu einem wichtigen Themenkomplex in der bildenden Kunst."

Da sind zum Beispiel die Fotoarbeiten von Hannah Villiger. Die Schweizer Künstlerin, 1997 verstorben, fügte Arme und Füße, Beine, Bäuche und Brüste zu neuen Körperidentitäten zusammen, seltsam verdrehte Fotocollagen enstehen.

"Man zerstört nicht nur den weiblichen Körper, man zerstört sogar das Bild. Man zerlegt den Bildkörper in seine Einzelteile."

"All diese Aufstände gegen die konventionelle Schönheit sind zugleich Entdeckungen, dass das Abseitige ebenso viel Schönheit beinhaltet wie die perfekte Werbung. Nur ist sie ehrlicher."

"Körper als Protest" – es ist eine kleine und kompakte, eine unerhört dichte Schau, die man da in der Albertina bestaunen kann, eine Schau, die aufs Anregendste irritiert.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Feridun Zaimoglus "Siegfried"Ein zotiger, neuer Blick auf eine alte Sage

Feridun Zaimoglu (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)

Das Münchner Volkstheater hat den Nibelungenstoff vom Rhein an die Isar geholt. Unter der Regie von Christian Stückl ist der "Siegfried" von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel mit seinen tumben Figuren und seiner zotigen Sprache ein parodistischer Totalausverkauf für den deutschen Nationalmythos - und ein reines Vergnügen zuzuschauen.

Opern-Doppelabend in KölnMenschheitsgeschichte als Leidensgeschichte

Rechtzeitig vor Beginn der Karwoche bringt die Oper am Dom in Köln eine Doppelpremiere heraus. Luigi Dallapiccolas "Il prigioniero" und Bernd Alois Zimmermanns "Ekkelsiastische Aktion". Leidensgeschichten im Kleid moderner Komposition: So lotet Oper den Abgrund aus.

Kultur heute Sendung vom 28.03.2015

 

Kultur

LiteraturnobelpreisträgerTomas Tranströmer ist tot

Der schwedische Lyriker und Nobelpreisträger Tomas Gösta Tranströmer (Horst Galuschka, dpa picture-alliance)

Der schwedische Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer ist im Alter von 83 Jahren verstorben. Tranströmer war 2011 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden. Er war einer der populärsten Dichter seines Landes.

Max-Ophüls-Vortrag auf CD Alte Rede mit visionärer Kraft

Der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls - aufgenommen im Jahr 1952. (dpa - Bildarchiv - Kurt Rohwedder)

Max Ophüls wirkte in Deutschland, Frankreich und sogar Hollywood. Doch der Theater- und Hörspiel-Regisseur wurde nicht freiwillig ein Wanderer zwischen den Welten. Die Nazis trieben ihn ins Exil. 1956 hielt er vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft einen Vortrag über den Film. Trotz ihres Alters ist die Rede beachtlich aktuell. Nun gibt es das Tondokument als Audio-CD.

Hollywood"Rebecca" erobert die Leinwand

Laurence Olivier und Joan Fontaine in dem Spielfilm von Hitchcock Rebecca. (imago / AD )

Er war einer der einflussreichsten Regisseure der Filmgeschichte: Alfred Hitchcock. Seine erste Hollywood-Produktion, die Literaturverfilmung "Rebecca", feierte am 27. März 1940 Premiere und erhielt zwei Oscars. Doch bis zum Filmstart gab es für Hitchcock einige Schlachten in der Filmbranche zu schlagen.