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StartseiteUmwelt und VerbraucherKohlekraftwerke verpesten die Luft mit Quecksilber22.12.2008

Kohlekraftwerke verpesten die Luft mit Quecksilber

Wissenschaftler streben Verringerung des Ausstoßes in Rauchgas an

Deutsche Kohlekraftwerke blasen jedes Jahr geschätzte fünf Tonnen Quecksilber in die Luft - und damit auch in unsere Gewässer. Geschätzt, denn es gibt weder Messtechniken noch gesonderte Filteranlagen. Das Bundesumweltministerium empfiehlt daher schwangeren Frauen, bestimmte Fischsorten nicht zu essen. Das Forschungszentrum in Karlsruhe hat nun ein Pilotprojekt gestartet, in dem die Quecksilberwerte im Abgas der Kohlekraftwerke gemessen werden.

Von Annegret Faber

Blick auf das Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe in Brandenburg (AP)
Blick auf das Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe in Brandenburg (AP)

Quecksilber unter Kontrolle zu halten ist sehr schwer. Es schmilzt bei minus 37 Grad Celsius und schon bei Zimmertemperatur wandelt sich das Schwermetall in ein Gas um. Für den Menschen ist Quecksilber hoch giftig. Es lagert sich unter anderem im Gehirn ab und kann Nerven- und Hirnschädigungen hervorrufen oder die Funktion der Nieren und der Leber stark beeinträchtigen, um nur einige Symptome zu nennen. Ab einer Menge von 150 bis 300 mg im Körper kann es sogar tödlich sein. Jens Korell vom Forschungszentrum in Karlsruhe:

"Quecksilber ist ein Element, das in der Erdkruste enthalten ist. Deshalb gibt es natürliche Quecksilberemissionsquellen, wie zum Beispiel Vulkane oder auch die Verwitterung von Gesteinen. Das heißt, das ist ein Element, das ist vorhanden, das kann man auch nicht zerstören, insofern muss man damit leben."

Bei der Verbrennung von Biomasse jeglicher Art wird Quecksilber frei gesetzt. Und je älter die Biomasse ist, desto mehr Quecksilber enthält sie. Kohle, Jahrmillionenalte Biomasse also enthält relativ viel Quecksilber. Nach Ansicht von Umweltschützern sollte sie auch deshalb besser unter der Erde bleiben. Alles halb so wild, widerspricht Thomas Brunne vom Energiekonzern Vattenfall. Die Quecksilberwerte bei Kraftwerken seien unbedenklich. Quecksilbergrenzwerte im Abgas reiner Kohlekraftwerke gebe es noch gar nicht, sagt Prof. Helmut Seifert vom Forschungszentrum in Karlsruhe und auch nicht die Technik, um die Quecksilberwerte zu messen. Er führt in einem Pilotprojekt Messungen im Rauchgas eines deutschen Kohlekraftwerkes durch. Den konkreten Standort will er nicht nennen. Für die Messungen verwendet er Techniken, die für Müllerverbrennungsanlagen genutzt werden und er orientiert sich auch an Richtlinien, die für Müllverbrennungsanlagen gelten:

"Die Grenzwerte kommen aus der Abfallverbrennung, die liegen beim Tagesmittelwert bei 30 Mikrogramm pro Kubikmeter."

"Allgemein ist es so, dass in der Kohle viel weniger Quecksilber enthalten ist als im Abfall. Deshalb findet man im Reingas von Kohlekraftwerken auch nur sehr geringe Konzentrationen, die im Bereich von fünf Mikrogramm pro Kubikmeter liegen, während es bei Abfallanlagen auch mal 15 sind."

Fünf Mikrogramm sind fünf Millionstel von einem Gramm. Eine schwer vorstellbare Größe. Aber nimmt man alle Kohlekraftwerke in Deutschland zusammen, kommt man auf fünf Tonnen Quecksilberemission im Jahr. Denn es wird viel mehr Kohle als Müll verbrannt. Die Quecksilber-Grenzwerte für Kohlekraftwerke müssten also weit niedriger liegen. Seifert zufolge wird Quecksilber bereits heute durch die bestehenden, guten Filteranlagen zum großen Teil aus dem Rauchgas entfernt. Trotzdem vertritt er die Meinung:

"Ja, wir würden es auch so einschätzen, dass hier eine Verbreitung des Quecksilbers eingedämmt werden sollte."

Seit der Industrialisierung haben sich so die Quecksilberwerte in der Natur verdreifacht, in einzelnen Regionen sogar verzwanzigfacht. Es ist zwangläufig, dass wir das giftige Schwermetall auch in unseren Nahrungsmitteln finden. Jens Korell vom Forschungszentrum Karlsruhe:

"Hier es ist besonders für das ungeborene Kind sehr schädlich, weil es die Blutplazenta-Schranke überschreitet. Das heißt also, insbesondere schwangere Frauen sollten von Fischkonsum Abstand nehmen."

Denn ein großer Teil des Quecksilbers landet in unseren Gewässern und wird dann von den Fischen über die Nahrung und die Atmungsorgane aufgenommen.
Auch das Bundesumweltministerium empfiehlt schwangeren Frauen ganz konkret auf den Verzehr bestimmter Fischsorten zu verzichten. Genannt werden u.a. Aal, Heilbutt, Hecht, Seeteufel oder Thunfisch. Also langlebige Fische, die über einen großen Zeitraum das Quecksilber in ihrem Körper ansammeln können.
Eine spezielle Filtertechnik für Kohlekraftwerke könnte die Werte noch weiter nach unten korrigieren. Diese gibt es aber noch nicht. Ein Anfang wäre, wenigstens Gewissheit über die Höhe der Belastung zu haben:

"Also man kann damit rechnen, dass durch Europäische Gesetzgebung dann auch in Deutschland vielleicht in den nächsten 10 bis 15 Jahren vorgeschrieben wird, das Quecksilber im Abgas zu messen."

Die Empfehlungen des Bundesumweltministeriums können sie auf folgender Homepage nachlesen: www.bmu.de

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