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StartseiteBüchermarktKolonialvergangenheit der Niederlande10.01.2008

Kolonialvergangenheit der Niederlande

Jan Brokken über den kleinen Wahnsinn

Jan Brokken wurde 1998 in Deutschland mit seinem Roman <em>Die blinden Passagiere</em> bekannt. 1949 geboren, arbeitete er zunächst als Journalist und schrieb Reisereportagen, bevor er in den siebziger Jahren begann, eine Debatte über die koloniale Vergangenheit des Königsreichs einzufordern, insbesondere vor dem Hintergrund familiärer Traumata. Mit dem Band <em>Mein kleiner Wahnsinn</em> begibt er sich auf die Spurensuche nach seiner Vergangenheit.

Von Volkmar Mühleis

"Von außen denkt man immer: Die Niederlande sind Amsterdam. Im Ausland wird aber stets übersehen, dass Amsterdam eine Reaktion auf Holland darstellt." (Stock.XCHNG / Katherina Martin)
"Von außen denkt man immer: Die Niederlande sind Amsterdam. Im Ausland wird aber stets übersehen, dass Amsterdam eine Reaktion auf Holland darstellt." (Stock.XCHNG / Katherina Martin)

Steil war der Anflug auf Amsterdam, und zügig geht es durch die Rushhour zurück in den Ort, von wo er einst aufgebrochen war, in ferne Länder zu reisen und dort zu leben. Jan Brokken, der vier Bücher in und über Westafrika verfasst hat, dessen Romane von Venezuela handeln, von Überseefahrten und exotischen Plätzen, ist heimgekehrt und fragt sich, was diese Herkunft bedeutet, noch immer, für ihn, aber auch andere. Mein kleiner Wahnsinn spielt an einem Ort, der nicht weniger Rätsel aufgibt, als wie er sie woanders vorgefunden hat: die Niederlande, im Zeitraum der letzten fünfzig Jahre. Einmal in dem Dorf seiner Eltern angekommen, nimmt er einen ruhigen Schrittes mit, entlang der Verwirrungen seines Heranwachsens:

"Mein kleiner Wahnsinn ist ein Buch über meine Jugend, und im Hintergrund zeichnet sich der große Wahnsinn ab. Es gibt zwei Arten davon: Krieg und religiösen Fanatismus. Dabei war mir durchaus bewusst, dass ein flämischer Autor, Louis Paul Boon, seine Aufzeichnungen während des Zweiten Weltkriegs mit dem Titel Mein kleiner Krieg versehen hatte. Als ich allerdings darüber nachdachte, meine Autobiographie zu schreiben, regte mich eher eine andere literarische Quelle zu dem Begriff Mein kleiner Wahnsinn an, nämlich ein Brief von Émile Zola, in dem er seine Angst vor Dunkelheit und Tod eben als 'ma petite folie' bezeichnet."

Die Verstrickung, von der Jan Brokken sich zu befreien suchte, war geknotet aus den familiären Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg und den Erwartungen im Dorf. Sein Vater hatte als Pfarrer in den indischen Kolonien der Niederlande gearbeitet. Nach dem Krieg wurden er und seine Frau mit den Kindern jahrelang getrennt voneinander in japanischen Straflagern inhaftiert. Als danach erst geborenes, jüngstes Kind, stand Brokken außerhalb jener Erfahrungen, welche die Eltern und seine Brüder in all ihren Nachwirkungen prägten. Die Kolonialvergangenheit verhinderte fast, sich später erneut holländisch zu akklimatisieren. Nicht allein aufgrund der persönlichen Traumata, sondern auch, weil die religiöse Aufgeschlossenheit seines islamgeschulten Vaters bei den calvinistischen Dorfbewohnern auf enge Grenzen stieß - was im Laufe der Geschichte zu ebenso humorvollen wie bitteren Szenen führt:

"Die Niederlande, die ich beschreibe, waren recht konventionell und konservativ. Von außen denkt man immer: Die Niederlande sind Amsterdam. Im Ausland wird aber stets übersehen, dass Amsterdam eine Reaktion auf Holland darstellt. Holland ist durch und durch protestantisch, und auch die Katholiken und Sozialisten verinnerlichten dies. Amsterdam bedeutete eine Befreiung davon, hin zu mehr Toleranz. Holland selbst ist überhaupt nicht tolerant. Bei uns werden zum Beispiel jetzt europaweit die wenigsten Asylsuchenden anerkannt. Amsterdam war immer republikanisch, während die Niederlande monarchistisch sind. Was meinen Sie, warum Amsterdam seinem Namen nach zwar die Hauptstadt ist, der Regierungssitz aber in Den Haag liegt? Man hatte Angst vor Amsterdam. Dieser Gegensatz bestand andauernd, und deshalb glaube ich, dass mein Buch auch für Außenstehende besonders interessant sein kann, weil die meisten nach Amsterdam fahren, die Freiheit dort sehen und meinen, das ganze Land wäre so."

In dem Bogen der einzelnen Erzählungen gewinnen besonders jene Episoden an Relief, die in ihrer vermeintlichen Unverständlichkeit umso beharrlicher wirken. Wenn etwa ein orthodoxes Gemeindemitglied erst den Vater in seiner Tätigkeit als Dorfpfarrer jahrzehntelang bekämpft, um ihm als alter Mann im Streit umso verbundener zu bleiben und ihn dann mit amputiertem Bein wöchentlich im Altersheim aufsucht, weil es doch noch etwas zu bereden gäbe; oder eine chronische Hautallergie den Erzähler heimsucht, bis der Arzt ihm lediglich zu raten weiß: Geh' weit fort. Und so erfrischend die Schilderungen einer frühesten, ersten Liebe dabei sind, unterschwellig gewinnt vor allem der Eindruck einer Freundschaft mit einem Nachbarsjungen an Gestalt, die der Autor in mehreren, entscheidenden Momenten skizziert:

"Was ich beobachte, möchte ich erzählen können. Literatur bedeutet für mich in erster Linie Erzählung, was auch immer mit der Geschichte einhergehen mag - philosophische oder historische Fragen etwa. In der Erzählung selbst geht es mir um eine gewisse Leichtigkeit, um einen feinen Sinn für Humor. Ich denke dabei gern an Mozart - wie er die Dinge musikalisch fasste, so wünsche ich mir auch Literatur: auf den ersten Eindruck lebendig und eingängig, doch wenn man genau hinhört, erkennt man das Drama."

Das Drama ist nicht zuletzt, was sich durchzieht, wiederkehrt, in den fünfzig Jahren anscheinend nur äußerlich sich verändert hat. Während in dem Buch die protestantischen Abspaltungen sich gegenseitig das Leben schwer machen und Parallelgesellschaften par excellance bilden, denkt man auch an die heutigen Debatten über religiöse Anfeindungen und Absonderungen. Und so fern einem die Figur des orthodoxen Kontrahenten erscheinen mag, eine der beiden niederländischen Regierungsparteien heute ist die Christenunion, welche genau diese strenge Tradition pflegt. Literatur ist für Jan Brokken gleichermaßen eine Erkenntnisquelle, mit Blick auf die eigene Gegenwart, aber auch die
vergangene:

"Je länger ich schreibe und lese, desto mehr entdecke ich, was für eine ungemeine Kraft in der Literatur steckt. Und wie sehr diese noch unterschätzt wird! Dank der Literatur kann man menschliche Dinge oft viel besser verstehen als mit wissenschaftlichen Methoden. Wir würden wirklich nichts aus der Geschichte begreifen, ohne die literarischen Stimmen aus der Zeit. Wenn man nur an das 19. Jahrhundert denkt, und auf wie Vieles man über Tschechow oder Tolstoj oder Stendhal überhaupt erst zu achten lernt! Durch die Literatur finden wir persönliche Zugänge, die keine Zutat sind, sondern die wir dringend brauchen, um zu verstehen."

Gegen Ende des Buches beherzigt der Autor den Rat des Arztes und bricht tatsächlich auf, in die einst indische Kolonie, das Indonesien der sechziger Jahre. Es ist ein überraschend schnell sich einstellendes Kapitel, das einen nach dem fließenden Rhythmus der vielen Dorfgeschehnisse plötzlich fortnimmt und etwas überstürzt erscheinen mag, wäre damit die Geschichte im Ganzen beendet. Mein kleiner Wahnsinn bildet jedoch den ersten Teil der Autobiographie von Jan Brokken, der zweite erscheint demnächst in den Niederlanden. Wie sein ethnographischer Blick sich von der Ferne wieder hin zu dem anscheinend so Vertrauten wendet, erzeugt eine gespannte Aufmerksamkeit, die sich mitteilt, ein Sich-selbst-vergewissern, das zugleich von dem Spiel damit lebt. Denn, wie der niederländische Romancier seinen Kollegen Max Frisch eingangs zitiert: "Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält."

Jan Brokken, Mein kleiner Wahnsinn
Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
erschienen im Luchterhand Verlag
448 Seiten kosten zehn Euro

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