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StartseiteForschung aktuellWird Tschuri auseinanderbrechen?26.04.2016

KometenforschungWird Tschuri auseinanderbrechen?

In Bad Honnef bei Bonn veranstaltet die Wilhelm- und Else-Heraeus-Stiftung in dieser Woche eine Konferenz, die mehrere Fragen aufwirft: Wie einfach sind Kometen aufgebaut? Sind sie womöglich komplexer als gedacht? Und kann es sein, dass der uns so lieb gewordene Komet Tschuri gerade auseinanderbricht?

Von Guido Meyer

Schwarzweißaufnahme von des Kometen Tschurri aus knapp 30km Entfernung. (ESA/Rosetta/NAVCAM)
Aus Einzelbildern zusammengesetzte Aufnahme des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko (Tschurri) (ESA/Rosetta/NAVCAM)
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"Eine Fehlüberlegung der Wissenschaft, ganz klar."

Selbstkritik in diesem Ausmaße kommt nicht oft vor in der Wissenschaft. Aber Kathrin Altwegg vom Physikalischen Institut der Universität Bern muss zugeben: Die bisherigen Hypothesen hinsichtlich des Vorkommens von Sauerstoff auf Kometen scheinen falsch zu sein.

Man hat immer angenommen, Sauerstoff sei viel zu aktiv. Er würde mit allem reagieren und darum sei er schon längstens verschwunden."

Aber er ist noch da. Molekularer Sauerstoff ist sogar das vierthäufigste Element in der Gas- und Staubwolke, die den Kometen Tschurjumow-Gerasimenko umgibt. Und das kam für die Wissenschaftler der Rosetta-Mission überraschend:

Sauerstoff auf der Erde ist rein biologisch. Das Sauerstoffmolekül wird gemacht durch die Pflanzen, und wir brauchen es dann. Auf dem Kometen gibt es kein Leben. Da kann der Sauerstoff nicht biologisch sein."

Da der Anteil von Sauerstoff auf dem Kometen konstant bleibt, gibt es für die Forscher daher nur eine Erklärung: Er dürfte vor 4,5 Milliarden Jahren entstanden sein, in derselbe Wolke aus Eis, Staub und Gas, aus der sich auch der Rest des Sonnensystems gebildet hat.

"Der Sauerstoff muss in den Eiskörnern erzeugt worden sein, bevor die Eiskörner den Kometen gebildet haben."

Und in den vergangenen Wochen sei noch eine weitere Überraschung hinzu gekommen, sagt Kathrin Altwegg:

"Nachdem wir Sauerstoff entdeckt haben beim Tschurjomow-Gerasimenko, sind wir zurückgegangen in die alten Daten von Komet Halley, Giotto-Mission - 30 Jahre alt - und haben den Sauerstoff dort gefunden. Ich nehme an, das haben alle Kometen."

Und so hat sich der Sauerstoff binnen weniger Wochen von einem Element, dass gar nicht erwartet worden war, zu einem Molekül entwickelt, das wahrscheinlich typisch für Kometen ist.

Eine Quietschente aus zwei Körpern

Eine andere Gemeinsamkeit teilt Tschurjumow-Gerasimenko mit einem weiteren Kometen, nämlich Hale-Bopp: Dort wurden erstmals Aminosäuren entdeckt. Es sieht ganz so aus, als könne das Rosetta-Team diese Grundbausteine des Lebens nun erneut nachweisen. Und eine weitere Erkenntnis ist in den vergangenen Wochen gewachsen: Eine Art Sollbruchstelle, ein Riss in der Mitte des Kometen, scheint sich zu vergrößern, erläutert der Projekt- und Wissenschaftsmanager der Rosetta-OSIRIS-Kamera, Carsten Güttler, vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen:

"Den Komet beschreibe ich immer gerne als eine Quietschente, die wirklich aus zwei Körpern besteht: Aus einem Kopf und einem Körper dieser Ente. Und dann ist dazwischen ein Hals. Und dieser Riss geht wirklich einmal halb um den Hals herum."

Den Riss hatte OSRIS vor etwa einem Jahr zum ersten Mal fotografiert. In diesem Monat gab es neue Bilder. Und sie legen nahe, dass der Riss größer geworden ist, bestätigt Holger Sierks, der Chef des OSIRIS-Teams, ebenfalls vom Göttinger Max-Planck-Institut.

"Es ist nicht so, dass man tatsächlich sieht: 'Aha, der ist jetzt tatsächlich breiter geworden‘. Das verrät sich an der Länge des Risses. Deswegen schauen wir bevorzugt auf die Ränder des Risses um zu sehen, 'Ist er jetzt weiter gewachsen?' Weil das viel leichter festzustellen, als ob er breiter geworden ist."

Rosetta soll die Spalten im "Hals" genauer untersuchen

Wenn der Sonnenstand und die unterschiedlichen Aufnahmewinkel den Kameras keinen Streich spielen, zeigen sich auf aktuellen Fotos von April 2016, längere Spalten. Sie erstrecken sich jetzt über mehr als einen halben Kilometer und sind bis zu drei Meter breit. Wie tief sie sind, kann Rosetta nicht feststellen. Astronomen wissen aber, "dass Kometen eine Tendenz haben zu splitten. Etwa 20 Prozent der Kometen brechen irgendwann auf und bilden Teilkörper."

In den kommenden Wochen soll sich Rosetta dem Kometen immer mehr annähern, um die Spalten im "Hals" des Kometen genauer zu untersuchen.

"Wir gehen jetzt auf 20 Kilometer, 10 und dann vielleicht noch weiter runter. Wir brauchen die hohe Auflösung um die Veränderungen im Riss feststellen zu können."

Tschurjumow-Gerasimenko ist wahrscheinlich ein aus zwei Teilen zusammengesetzter Komet. Möglich, dass er irgendwann auseinanderbricht und wieder zu zwei Himmelskörpern zerfällt.

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