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Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteSport am WochenendeSchafft den Fußball ab!14.06.2014

KommentarSchafft den Fußball ab!

Pünktlich zu Beginn der WM wirft Satiriker Jürgen Roth einen strengen Blick auf das Konstrukt Fußball und kommt zum Schluss: Der Fußball soll aufhören, denn er ist nicht mehr, was er war.

Von Jürgen Roth

Ein Porträt von Jürgen Roth. (picture-alliance/ dpa / Hermann Wöstmann)
Jürgen Roth hat seine eigene Meinung zum Thema Fußball (picture-alliance/ dpa / Hermann Wöstmann)

Der Fußball soll aufhören. Der Fußball soll abgeschafft werden.

Früher war der Fußball zwar auch kein keusches Vergnügen, er war keineswegs frei von Korruption, politischer Infiltration, Gier, aber das Fußballmilieu hinterließ doch meist den Eindruck eines harmlosen, nicht selten komischen Soziotops voller Gecken, Spitzbuben und Rumpel- und Rammel-Rhetoren.

Heute indes ist ausnahmslos alles Mist.

Die Stadien hatten einst den spröden Charme großer, lichter sozialdemokratischer Wurstkessel und Palaverstätten. Heute sind das wichtigtuerisch und rücksichtslos in die Gegend geklotzte Eventbunker mit VIP-Lounges für die herrschenden Parvenüs und Aasgeier, und das begeisterte und restlos konformierende Spießerkonsumentenpublikum lässt sich Getränkezahlkarten, Alkoholverbote und Permanent-PR-Lärmterror ohne das leiseste Murren gefallen.

Fans, früher oft etwas kauzige, bisweilen auch raufende, aber geerdete und noch zur Selbstbesinnung fähige Leidensgenossen, sind heute – mit Abweichungen – auf Führung und ihre Führer fixierte Wahnsinnige und potentielle Totschläger. Nach dem Abstieg von Dynamo Dresden aus der zweiten Liga hängten gewohnheitsmäßig randalierende Anhänger dieses sogenannten Vereins ein Transparent mit der Aufschrift "Ihr habt eine Stunde Zeit, unsere Stadt zu verlassen" auf. Wer das nicht, wie Spiegel Online, als "Krönung des Irrsinns" und als "Nötigung" oder einen "Aufruf zum Mord" interpretiert, ist so durch und durch gaga wie der gesamte Fußball.

Die Verbände. Was soll man zu diesen Versammlungen von Psychopathen noch sagen? In Brasilien finden seit Monaten in sämtlichen großen Städten Protestmärsche von Millionen Menschen gegen die WM statt, gegen unermessliche Sozialschweinereien, gegen Geldschiebereien, gegen die FIFA-Fußballdiktatur, und Herr Blatter, der Hegel des Weltfußballs, erklärt, der Fußball sei "Opfer seiner Beliebtheit und seines Erfolgs". Um nun in einer unfassbaren Ron-Hubbard-artigen Wirrkopfrede auf dem FIFA-Kongress in São Paulo anzukündigen, in naher und noch strahlenderer Zukunft werde eine intergalaktische WM auf Alpha Centauri ausgetragen, unter der Schirmherrschaft, ist anzunehmen, von Rolex-Rummenigge und des laut Wolfgang Niersbach "absoluten Ehrenmannes" Franz Beckenbauer, der augenblicklich bedauerlicherweise Stadionverbot hat.

Der Fußball muss weg. Er muss aufhören.

Bei Spielern erkennbar war mal so etwas wie Eigensinn, ein persönliches Profil, eine individuelle Ausdrucksphysiognomie. Heute reden sie alle das gleiche bewerbungsseminaristische Verdeppungsdeutsch daher, sie sehen alle gleich aus (Tattoos und Gockelfrisuren sind musts), und sie spielen alle den gleichen obrigkeitshörigen Stiefel herunter – opportunistische, in Erziehungslagern zusammengestutzte Hochleistungsfanatiker mit der Anmutung von Muttersöhnchen-Cyborgs auf System-Fußballspeed.

Kennt noch jemand Rudi Michel, diesen zurückhaltenden Grandseigneur, der fünf Fußballweltmeisterschaftsendspiele kommentierte? Heute heißen alle, alle, alle Fußballreporter Wolf-Christoph Fuss und sind schamlose Sprach-Zerschreier und derartige Selbstvermarktungs-Aufdringlichkeitsclowns, dass man, ist man nicht vollends geistig ruiniert, zu welchem Schluss kommen muss?

Der Fußball muss weg. Es muss mit ihm ein Ende haben.

Und zuletzt die sogenannte Fußballkultur oder Fußballbegleitkultur. Ein Kumpel mailte mir kürzlich 51 Youtube-Links zu aktuellen Fußball-WM-Songs, von denen ein einziger unter Missachtung aller Kriterien für hörbare Musik gerade noch durchging.

Bereits die Namen dieser Hobby- und semi- bis professionellen Bands: PoKarl, Mallorca Cowboys, Einohrbill & Band, Die Gestiefelten Zwerge, Roboshit, Partybengels, Nik Ball, D11B, debilrockz, Die Partykapitäne, Germany Rockz, Los Rockos und so fort – es sprengt alle Dimensionen der Schande. Wie sie dann jedoch die Noten misshandeln und zusammenpappen, das wirft ernstlich die Frage auf, ob man die ganze Bagage dafür nicht verklagen kann – für die unbeschreiblichen, am Computer montierten Bauerntrampel-Diskostampfer, die Deutschrock-Stumpfsinnigkeiten mit Hymnen-Einsprengseln, die Ballermann-Fanmeilen-Partykloakenhits, den Spaß-Punkmüll, die Achtziger-Jahre-Wiedergängereien, den Rentner-Elektro-Sonderkehricht. Verflucht sei die digitale Technik!

Die Botschaften all der Versschmiede mit schwarzrotgoldenen Narrenkappen und in Volksgemeinschaftsgewändern? "Lasst die Fahnen weh'n!", "Holt den Sieg!", "Holt das Ding heim!", "Wir schießen euch ab!", jawoll, "Wir zeigen es der ganzen Welt", na bitte, "Der Pokal wird wahr", fürwahr, "Wir oder keiner", "Wir singen Schwarz, Rot, Gold! Deutschland!!!", "Wir stehen hinter unserer Farbe, ich und du, Schwarzrotgold!", "Und wenn der Ball dann rollt, spielt nur noch Schwarzrotgold".

Warum musste die Evolution die menschliche Sprache hervorbringen? Und die RTL-Trashtüte Melanie Müller, deren musikalischer Beitrag "Deutschland schießt ein Tor!" bis dato mehr als zwei Millionen Mal angeklickt wurde? Diese, Jennifer Lopez noch überflügelnd, nicht mehr schilderbare Zumutung, die ein User den "unerträglichsten WM-Song aller Zeiten" nennt?

Die Fußball-WM-Songs 2014 sind der finale Anschlag aufs Gemüt, eine ästhetische Generaldemütigung, eine kriminelle Versaubeutelung des öffentlichen Raums. Sie sind die Vertonung der Hölle und die Verschrottung der Welt.

Der Fußball muss aufhören, er muss abgeschafft werden.

"Der Fußball hat mit dem Fußball nichts mehr zu tun", sagte mir unlängst der ungemein sympathische Slobodan Komljenović, ehemaliger serbischer Nationalspieler und Verteidiger von Eintracht Frankfurt.

Der Fußball soll aufhören. Er soll abgeschafft werden.

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