Kultur heute / Archiv /

 

Komponist in der Zeitmaschine

Stefan Herheim inszeniert Giacomo Puccinis "Manon Lescaut" in Graz

Von Jörn Florian Fuchs

Szenenfoto von "Manon Lescout" nach Giacomo Puccini von Stefan Herheim an der Oper Graz
Szenenfoto von "Manon Lescout" nach Giacomo Puccini von Stefan Herheim an der Oper Graz (Oper Graz / Karl Foster)

Auf Zeitreise begibt sich Herheim mit seiner Interpretation des Stücks "Manon Lescaut" von Giacomo Puccini, versetzt es in das Atelier des Erbauers der Freiheitstatue. Auch Puccini selbst taucht als stiller Begleiter auf.

1893 wurde Puccinis "Manon Lescaut" uraufgeführt, wenige Jahre vorher gelang Jules Massenet mit seiner "Manon"-Variante ein Welthit. Wohl aus Angst vor den Rechteinhabern beschäftigte Puccini ein ganzes Rudel an Librettisten, die Abbé Prévosts Kurzroman beackerten. Wohl eher unfreiwillig führte das zu einer regelrecht modernen Dramaturgie, in der einzelne Situationen schlaglichtartig abgehandelt werden. Puccinis Musik wirkt allerdings noch arg traditionsbewusst, mit schön ausgreifenden Bögen und süffig unterfütterten Sehnsuchtskantilenen sowie kirchentonalen Einsprengseln. Auch Massenets Klangfluten sind manchmal durchzuhören. Recht grob klingt das insgesamt, aber schon messerscharf auf die ganz große Wirkung angelegt.

Wunderbar, wie Michael Boder am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters die Klangmischungen hörbar macht, dazu kommt eine ideale Besetzung. Gal James wirft sich mit Wucht und perfektem Verzweiflungsmelos in die Manon-Schlacht, Gaston Rivero gibt dem Jungspund Des Grieux auch ein paar reifere Töne mit. Dazu noch Wilfried Zelinkas wütend orgelnder Geronte, Javier Franco als Bruder Manons und die brillante Dshamilja Kaiser als Madrigalistin sowie die von Bernhard Schneider einstudierten Chöre – musikalisch alles sehr gut in Graz.

Und was macht Stefan Herheim? Er vertraut der Geschichte und traut ihr doch nicht. Eigentlich spielt ja alles im fortgeschrittenen 18. Jahrhundert. Das taucht zwar kleidungsmäßig irgendwie mal auf, aber nur als Zierrat, als ironisches Zitat. Herheim packt Stoff, Stück und gleich auch noch den leibhaftigen Komponisten in eine Zeitmaschine und verfrachtet die Chose ins Paris um 1880. Des Grieux ist der Künstler Frédéric-Auguste Bartholdi – der arbeitet gerade an nichts Geringerem als der Freiheitsstatue! Es gibt sie in Skizzenform, als Modell, einige Einzelteile sind auch schon fertig. Eine Hand etwa oder der Kopf. Und natürlich die berühmte Strahlenkrone, in deren Zentrum sich ein puffiges Plüschbett befindet. Einmal findet darauf appetitlicher Lesbensex statt. Man staunt wieder einmal, was Heike Scheele da bühnentechnisch hingekriegt hat. Es gibt sogar ein nettes, kleines Feuerwerk in der Fackel und manch überraschende Drehung und Wendung.

Irgendwann taucht ein merkwürdiger Herr mit Schnurrbart und Melone auf. Er singt gern lautlos mit und läuft mit einem Büchlein herum. Ist das wirklich Puccini? Auch ihn integriert Herheim mühelos als stillen Begleiter, dem Manon am Ende wirklich herzergreifend ihr Schicksal klagt. Der Schöpfer siecht ob solcher Vorwürfe bald dahin.

All das könnte nun unglaublich platt und konstruiert daher kommen, doch Herheim gelingt es, trotz diverser konkreter Zuordnungen einen kreativen Rest Unordnung zu bewahren. Es gibt auch bei dieser Produktion erneut jenes ganz besondere Ineinanderfließen eigentlich völlig unterschiedlicher Zeiten und Motive.

Nebenbei dient Lady Liberty als Projektionsfläche für männliche Lüste und Wünsche, ab und an errötet ihr Kopf. Das Volk delektierte sich anfangs reichlich an zotigen Späßen, später mutiert es zum kühlen Beobachter der Szenerie. Und der Bühnen-Puccini wirkt mehr und mehr wie eine Kreuzung aus Charlie Chaplin und einem Samuel-Beckett-Charakter. Wirklich erstaunlich, wie präzise das alles zusammenschnurrt, wie jedes klitzekleine Detail sitzt.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Gesprächsreihe "Kunst auf Lager"Retter der verborgenen Schätze

Im Lager des Kunstarchivs in Beeskow (Aufnahme von 2010)

Ein großer Teil der Bestände öffentlicher Sammlungen lagert verborgen in Kellern und Depots - häufig unter schlechten Bedingungen. Viele von ihnen drohen der Kunst- und Kulturgeschichte verloren zu gehen, wenn sie nicht gerettet werden. Die Initiative "Kunst auf Lager" setzt sich für die verborgenen Schätze ein.

Schauspiel StuttgartPsychogramm der Mutterliebe

Ein Klavier.

Mit "Herbstsonate" inszeniert Jan Bosse am Schulspiel Stuttgart elegant und einfallsreich einen Ingmar Bergmann-Film. Es geht um ein Duell zwischen Mutter und Tochter, beide Pianistinnen, das sich zu einem wahren Psychothriller auswächst.

Besucherrekorde in deutschen Museen "Das Museum muss emotional ansprechen"

 

Kultur

Theaterstück "Farbenblinde Arbeit" Kreativwirtschaft, Kunstbetrieb, Knast

Dietmar Dath (r) und Johannes Frisch (am Bass) von der Gruppe "The Schwarzenbach"

Gentechnik und die Hofer Filmtage, Missstände im Strafvollzug, Rot-Grün-Blindheit und der Feminismus - all diese Themen bringt der Autor Dietmar Dath in seinem neuen Stück "Farbenblinde Arbeit" zusammen, das in Mannheim uraufgeführt wurde.

HochschulpolitikBundesrat stimmt Lockerung des Kooperationsverbots zu

Der Bundesrat kommt heute in Berlin zur letzten Sitzung vor der Wahl zusammen

Bund und Länder dürfen bei der Förderung der Hochschulen künftig enger zusammenarbeiten. Das entsprechende Gesetz passierte heute den Bundesrat in Berlin. Die Grundgesetzänderung zur Lockerung des sogenannten Kooperationsverbotes beschloss die Länderkammer einstimmig.

Being Stephen Hawking"Die Rolle birgt viel Versagenspotenzial"

Filmpremiere von "The Theory Of Everything" ("Die Entdeckung der Unendlichkeit") in London Physiker Stephen Hawking und der englische Schauspieler Eddie Redmayne 

Eddie Redmaynes Darstellung des Astrophysikers Stephen Hawking in "Die Entdeckung der Unendlichkeit" gilt bereits jetzt als oscarverdächtig. Im Corsogespräch erzählt der 33-jährige Schauspieler von der zeitaufwendigen Vorbereitung, der Chaotik seines Nomadenlebens und dem Streben nach nie erreichter Perfektion.