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Seit 08:47 Uhr Sport
StartseiteKalenderblattKompromisslos und gradlinig05.07.2007

Kompromisslos und gradlinig

Vor 150 Jahren wurde Clara Zetkin geboren

Als Clara Zetkin Sozialistin wurde, nahm sie dafür den Bruch mit der bürgerlichen Familie in Kauf. Den Erfolg der russischen Bolschewiki vor Augen war sie naiv genug, um ernsthaft davon zu träumen, sie könnte auch den ersten Rätekongress in einem Sowjetdeutschland noch persönlich miterleben.

Von Irene Meichsner

Clara Zetkin auf einem Bild aus dem Jahr 1928. (AP Archiv)
Clara Zetkin auf einem Bild aus dem Jahr 1928. (AP Archiv)

"Nach unserer Geschäftsordnung wird die erste Sitzung des neu gewählten Reichstags durch das älteste Mitglied als Vorsitzender eröffnet und geleitet. Ich bin am 5. Juli 1857 geboren. Wenn ein Mitglied des Reichstags älter sein sollte, so bitte ich ihn, sich zu melden und meine Stelle hier einzunehmen. Das ist nicht der Fall."

30. August 1932, Clara Zetkins letzter großer Auftritt. Von Krankheit schwer gezeichnet, fast schon erblindet beschwor die Reichstagsabgeordnete der KPD noch einmal den revolutionären Kampf des Proletariats und nahm die Nazis ins Visier.

"Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen."

Clara Zetkin, Tochter eines Dorfschullehrers aus Wiederau in der Nähe von Leipzig - in ihrer kompromisslosen Geradlinigkeit war sie eine bewundernswerte Figur. Ihr Examen als Volksschullehrerin machte sie 1878 bei der Frauenrechtlerin Auguste Schmidt. Der Sozialistischen Arbeiterpartei trat sie im gleichen Jahr bei, obwohl das neue Sozialistengesetz die Sozialdemokraten als "Reichsfeinde" verfolgte. Seit 1882 lebte sie mit dem russischen Emigranten Ossip Zetkin, Vater ihrer beiden Kinder, im Pariser Exil, wo sie sich mit Deutschkursen durchschlug und ihr Herz für die proletarische Frauenbewegung entdeckte.

"Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht. Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen."

Unbeirrbar in ihrem Glauben an die Segnungen des Sozialismus, dabei geplagt von notorischem Lampenfieber, hielt Clara Zetkin flammende Reden auf unzähligen Versammlungen, während zu Hause ein Kindermädchen den Nachwuchs versorgte. Maxim Zetkin, einer der beiden Söhne:

"Das war eine Frau, die seinerzeit an der Pariser Kommune mit der Waffe in der Hand teilgenommen hatte und uns sehr viel erzählen konnte und uns mit dem richtigen, notwendigen revolutionären Geist erfüllte."

Zwei Jahre nach Ossip Zetkins Tod kehrte Clara 1891 nach Deutschland zurück, übernahm in Stuttgart die Redaktion der sozialdemokratischen Frauenzeitung "Die Gleichheit". 1907 wurde sie auf der ersten Internationalen Konferenz sozialistischer Frauen in Stuttgart zur Vorsitzenden des Internationalen Frauensekretariats gewählt.

"Ich kenne sie als eine unermüdliche Arbeiterin","

erinnerte sich Hertha Walcher, ihre spätere Sekretärin.

""Ihr Tag begann schon sehr früh. Oft saß sie morgens um fünf Uhr schon im Bett und schrieb. Und spät abends, wenn sie von den Versammlungen und Sitzungen heimkehrte, endete ihr Tag."

Wie Karl Liebknecht und ihre Freundin Rosa Luxemburg eckte Clara Zetkin mit ihren linksradikalen Positionen zunehmend an. Sie war Mitbegründerin des Spartakusbunds und der Unabhängigen SPD, die sich aus Protest gegen die Billigung des Ersten Weltkriegs durch die SPD von der Mutterpartei abgespalten hatte. 1919 wechselte sie in die neue Kommunistische Partei, deren Politik sie maßgeblich mitgestaltete.

"Der Weg zur Überwindung wirtschaftlicher Krisen und aller drohenden imperialistischen Kriegsgebaren ist einzig und allein die proletarische Revolution, die das Privateigentum an den Produktionsmitteln aufhebt."

Zehn Monate nach ihrem letzten, großen Auftritt im Berliner Reichstag starb Clara Zetkin am 20. Juni 1933 im Alter von 75 Jahren in der Nähe von Moskau, wo sie seit Jahren einen festen Wohnsitz hatte. Die Urne wurde an der Kremlmauer beigesetzt. Über 600.000 Sowjetbürger gaben der Ikone der marxistischen Frauenbewegung das letzte Geleit.

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