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StartseiteForschung aktuellKonditionierte Immunabwehr12.03.2010

Konditionierte Immunabwehr

Allergien lassen sich durch Lerneffekt mildern

Psychologie. - Das Verhältnis von Körper und Geist ist komplex, so komplex, dass der Geist auch die körperliche Immunabwehr beeinflussen kann. Ein Essener Psychologe konnte jetzt diese willentlich nicht steuerbaren Abläufe durch klassische Konditionierung beeinflussen.

Von Kristin Raabe

Mit Konditionierung des Gehirns lassen sich auch Immunreaktionen beeinflussen. (GA Tech)
Mit Konditionierung des Gehirns lassen sich auch Immunreaktionen beeinflussen. (GA Tech)

Der Mensch ist ein Lerntier – nicht nur als Kind und nicht ausschließlich in der Schule. Der Essener Psychologe Manfred Schedlowski ist sich sicher, dass wir auch Krankheiten erlernen. Und dabei sind die Prinzipien der klassischen Konditionierung besonders wichtig. Ist so eine Konditionierung einmal abgeschlossen, kann ein an sich harmloser Reiz schwere Symptome hervorrufen:

"Wir kennen solche konditionierten Effekte bei der Entstehung beziehungsweise bei der Reaktion von allergischen Reaktionen, das ist klinisch sehr oft beobachtet, dass Patienten, die allergisch reagieren, allein bei der Ansicht eines Bildes dieses Allergens, beispielsweise eine Rose, eine bestimmte Blumenart, eine bestimmte Pollenart, schon allergisch reagieren und diese allergischen Symptome zeigen. Hier hat dann ein Konditionierungsprozess, ein Lernprozess, stattgefunden. Denn das Bild selber, von einer Rose beispielsweise bei jemandem, der allergisch reagiert, kann ja die Immunreaktion nicht auslösen, sondern hier ist der Lerneffekt da, dass das Auge dieses Rosenbild identifiziert und im Gehirn diese Assoziation hergestellt wird und dann im Rahmen dieses Lernprozesse diese allergische Reaktion als konditionierte, erlernte Reaktion dann tatsächlich abläuft."

Durch Konditionierung lassen sich aber nicht nur die Symptome einer Allergie hervorrufen, auf dieselbe Weise können sie auch wieder unterdrückt werden. Dazu konnte Manfred Schedlowski an der Essener Universitätsklinik mit einem Experiment beweisen.

"Wir haben in diesem Zusammenhang Untersuchungen durchgeführt mit Allergiepatienten, das waren Patienten, die allergisch reagieren auf Hausstaubmilben. Diesen Patienten haben wir ein sogenanntes histaminerges Medikament gegeben, ein Antihistaminikum, Desloratadin mit dem Handelsnamen, dass diese Patienten eingenommen haben, immer zusammen mit einem neu schmeckenden neu aussehenden Getränk. Das ist bei uns eine giftgrün eingefärbte Erdbeermilch mit einem bestimmten Geschmacksstoff drin."

Grüne Erdbeermilch mit Medikament – diese Kombination erhielten die Allergiepatienten insgesamt fünf Mal. Als Manfred Schedlowski sie dann wieder ins Labor bestellte, erhielten sie neben dem Getränk nur ein Placebo. Trotzdem berichteten die Patienten, dass sie deutlich weniger allergisch auf Hausstaub reagierten.

"Das gleiche haben wir messen können auf der Ebene der Hautreaktionen, indem man einen Allergietest durchführt, wo dann das Allergen auf die Haut aufgetragen wird und die Patienten dann, wenn sie immer noch allergisch reagieren, mit einer starken Rötung, Quaddelbildung reagieren, und auch hier zeigte sich, dass die Patienten, die konditioniert worden waren mit dem grünen Getränk und dem Medikament, dann eine deutlich geringere abgeschwächte Hautreaktion zeigen."

Tatsächlich war es Manfred Schedlowski gelungen, das menschliche Immunsystem zu konditionieren. Das konnte er auch an der Aktivität der Immunzellen sehen, die normalerweise bei allergischen Reaktionen für die Ausschüttung von Histaminen verantwortlich sind.

"Man könnte sagen 'mind over matter'. So könnte man das ausdrücken. Aber wir sehen da natürlich auch Grenzen. Wir sehen da die Grenzen insofern als das wir nur den Geist über solche Körperprozesse dominieren lassen können, wo auch die Kommunikationswege, die biochemischen Kommunikationswege existieren und nur da scheint es gut zu funktionieren."

Lernprozesse – auch die der klassischen Konditionierung - laufen letztlich immer in unserem Gehirn ab. Und zwischen Gehirn und Immunsystem gibt es zahlreiche Verbindungen: Die Hormone der Hirnanhangdrüse beeinflussen beispielsweise die Aktivität von Immunzellen und Nervenbahnen steuern die Milz, durch die die Immunzellen patrouillieren. Es ist also nachvollziehbar, dass der Kopf steuern kann, wie krank oder gesund wir gerade sind.

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