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StartseiteEine WeltSaudi-Arabien spielt mit dem Feuer09.01.2016

Konflikt mit dem IranSaudi-Arabien spielt mit dem Feuer

Saudi-Arabien hat einen schiitischen Prediger hingerichtet, wütende Demonstranten stürmten daraufhin die diplomatische Vertretung und die saudi-arabischen Diplomaten verließen den Iran. In vielen arabischen Medien läuft die anti-schiitische Hetze seither auf Hochtouren. Und die Regierung in Riad mischt mit.

Von Jürgen Stryjak

Eine Frau aus Bahrain hält ein Poster mit dem Foto des Schiiten Nimr al-Nimr während einer Protestkundgebung gegen seine Hinrichtung durch die saudi-arabische Regierung. (afp / Mohammed Al-Shaikh)
Eine Frau aus Bahrain hält ein Poster mit dem Foto des Schiiten Nimr al-Nimr während einer Protestkundgebung gegen seine Hinrichtung durch die saudi-arabische Regierung. (afp / Mohammed Al-Shaikh)
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Auf dem Flughafen von Riad, der Hauptstadt Saudi-Arabiens, treffen Diplomaten des Königreiches mit einer Sondermaschine ein. Sie haben den Iran wie auf der Flucht verlassen, und sie sind erleichtert.

"Unser Gebäude wurde komplett zerstört", berichtet ein Diplomat der saudi-arabischen Botschaft in Teheran. "Wir haben drei Tage lang Horror erlebt. Gottseidank sind wir jetzt hier."

Wütende Demonstranten hatten diplomatische Vertretungen des Königreiches im Iran gestürmt und verwüstet. Der Anlass dieses Zorns war die Hinrichtung des Predigers Nimr al-Nimr am 2. Januar in Saudi-Arabien.

Der schiitische Geistliche und Bürger des Königreiches habe, so steht es in der Urteilsbegründung, Unfrieden geschürt und ausländische Einmischung gefördert.

Wenn Saudi-Arabien von Einmischung aus dem Ausland spricht, dann meint es meistens den Iran.

"Die Angriffe des Iran auf die arabische Welt sind das Hauptproblem", behauptet ein saudi-arabischer Journalist, der dem Königshaus nahesteht, im Fernsehen. "Der Iran unterstützt militante Gruppen in unseren Ländern. Er tötet unsere Söhne und Familien."

Seit Längerem schon fühlt sich das Königshaus von schiitischen Gegnern praktisch umzingelt. Und immer wittert es den Iran hinter ihnen - im Jemen und in Bahrein, aber auch in Syrien, Irak und Libanon.

Die arabischen Staaten müssten erkennen, dass sie alle vom Iran bedroht werden, fordert der Journalist. Entweder der Iran siege oder man hindere ihn gemeinsam daran. Die Region würde einen historischen Moment erleben.

In vielen arabischen Medien läuft die anti-schiitische Hetze auf Hochtouren. Der Konflikt wird in immer stärker als religiöser Kampf wahrgenommen - obwohl er doch vor allem ein Kräftemessen zwischen zwei rivalisierenden Regionalmächten ist.

Einer der Schauplätze, an denen Saudi-Arabien im Grunde den Iran bekämpft, ist der Jemen. Seit März führt das Königreich hier einen Krieg gegen die Houthi-Rebellen, in denen es Marionetten Teherans sieht. Mit verheerenden Folgen: Knapp 6.000 Menschen wurden bislang getötet, die Hälfte von ihnen Zivilisten. Jüngst bombardierte die Militärkoalition unter saudi-arabischer Führung eine Blindenschule in Sanaa. "Ich bin blind, warum tötest du mich", steht auf einem Plakat eines Jugendlichen bei einem Protest gegen den Angriff.

"Das ist ein unverzeihliches Verbrechen", betont der Sprecher des Blindenverbandes. "Wir unterrichten 250 blinde Schüler, 100 von ihnen wohnen sogar in der Schule."

Die Volksgruppe der Houthi, deren Milizen Saudi-Arabien im Jemen bekämpft, ist nur entfernter Verwandter der Schiiten im Iran. Mit ihrer Glaubenspraxis stehen die Houthis den Sunniten im Jemen näher und haben vielerorts mit ihnen sogar in denselben Moscheen gebetet. Ursprünglich richtete sich ihr Widerstand gegen Ausgrenzung und Benachteiligung. Auch wenn sie später den Iran um Hilfe baten, der verlängerte Arm Teherans sind sie nicht.

Ebenso wenig wie der Geistliche Nimr Al-Nimr, der hingerichtet wurde. Er war einer der Wortführer von Protesten gegen die Diskriminierung von Schiiten in Saudi-Arabien. Auch in Bahrein demonstrierten Schiiten 2011 vor allem für mehr Bürgerrechte. Ihre Proteste wurden mithilfe Saudi-Arabiens blutig niedergeschlagen.

Die schiitischen Widerstandsbewegungen in sunnitischen Ländern mögen dem Iran nutzen. Die Gründe für ihre Entstehung findet man jedoch vor allem innerhalb der jeweiligen Gesellschaften.

In Saudi-Arabien sieht man das offenbar anders, vermutet Hassan Nafaa:

Riad versuche derzeit, die sunnitischen Staaten dazu zu bringen, sich einer angeblich schiitischen Bedrohung durch den Iran entgegenzustellen, erklärt der ägyptische Politologe. Auf diese Weise produziere das Königreich einen Kampf der Konfessionen, der sehr gefährlich sei.

Aber die Herrscher in Riad fühlen sich offenbar auch an anderer Stelle in die Enge getrieben. Sie werden von den Terroristen von Al-Qaida und vom IS bedroht, deren extremistische Ideologie aber gleichzeitig von der wahhabitischen Staatsdoktrin Saudi-Arabiens genährt wird. Niedrige Ölpreise verursachen Milliardendefizite im Haushalt. Wegen fortwährender Menschenrechtsverletzungen erscheinen die Hardliner in Riad dem Ausland immer mehr wie eine Art Taliban, nur mit Öl.

In dieser Situation hat das in Bedrängnis geratene Königreich offenbar die Flucht nach vorn angetreten. Sein aggressives Spiel mit dem Feuer wird zur Gefahr für die Region.

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