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Konflikt zwischen zwei Frauen

Hélène Grémillon: "Das geheime Prinzip der Liebe", Hoffmann und Campe Verlag

Von Christoph Vormweg

Die Autorin kam mit der Geschichte nicht weiter, bis sie selbst ein Kind erwartete.
Die Autorin kam mit der Geschichte nicht weiter, bis sie selbst ein Kind erwartete. (Stock.XCHNG / Elliott McFadden)

Ein folgenschwerer Pakt zwischen zwei Frauen steht im Mittelpunkt von Hélène Grémillons Debütroman "Das geheime Prinzip der Liebe": Aus Dank schlägt Annie ihrer sterilen Mäzenin eines Tages vor, ein Baby für sie auszutragen.

"Der Ausgangspunkt dieses Romans war in Wirklichkeit relativ abstrakt. Ich hatte Lust, einen Konflikt zwischen zwei Frauen zu entwickeln, einen weitreichenden Konflikt. Ich wollte, dass der Einsatz höher ist als nur der Streit um einen Mann. Denn ich fürchtete, sonst in ein nicht sehr originelles Muster zu rutschen. Aber um welchen Einsatz könnten sich zwei Frauen streiten?"

Der Zufall half Hélène Grémillon. Inspiriert zu ihrem Roman "Das geheime Prinzip der Liebe" hat sie ein medizinisches Standardwerk zur Ehehygiene aus den 1940er-Jahren. Das zentrale Kapitel zur Bekämpfung der weiblichen Unfruchtbarkeit brachte sie auf die Idee zum Plot: dem verhängnisvollen Pakt zwischen Madame M. und ihrer zehn Jahre jüngeren Freundin Annie, einer Malerin. Aus Dank für die Förderung und den Zuspruch schlägt Annie ihrer sterilen Mäzenin eines Tages vor, ein Baby für sie auszutragen. Madame M. akzeptiert. Für ihren übermächtigen Kinderwunsch nimmt sie sogar in Kauf, dass ihr Ehemann, ein einflussreicher Journalist, mit Annie schlafen muss. Bis zu diesem Punkt spielte Hélène Grémillons Fantasie mit. Doch sobald Annie schwanger war, kam sie nicht mehr weiter im Text. Die alte Streitfrage drängte sich auf: Wie viel Erfahrung benötigt die literarische Imagination?

"Es gelang mir einfach nicht, die Passage zu schreiben, als die junge Frau schwanger wird, als ihr bewusst wird, dass sie dieses Kind mehr liebt, als sie sich das bei ihrem Versprechen vorgestellt hat. Der Text klang falsch. Da ich das Muttergefühl selbst nicht kannte, habe ich mir gesagt, dass ich mich irren, dass ich das nicht gut beschreiben würde. Also packte ich noch einmal meinen Journalisten-Koffer, um zwei meiner Freundinnen zu interviewen, die gerade ein Kind bekommen hatten. Ich stellte ihnen jede Menge Fragen und kehrte glücklich und enthusiastisch nach Hause zurück. Ich sagte mir 'Na also! Ich habe das Problem umschifft!' und setzte mich mit den Notizblättern ihrer gesammelten Aussagen an meinen Schreibtisch. Aber nein! Unmöglich, das aufzuschreiben! Natürlich war ich schrecklich enttäuscht. Ich dachte, dass ich das Romanprojekt nicht zu Ende bringen würde. Zur gleichen Zeit entschloss ich mich, einen Kurzfilm zu realisieren, schrieb das Skript und begann zu drehen. Ich hörte also auf, am Roman zu arbeiten. Als der Film fertig war, hatte ich das Glück, ein Kind zu bekommen. Und so kam mir der Roman wieder in den Sinn. Ich habe mich noch einmal an diese Passage gesetzt, um zu schauen, ob ich sie nun schreiben konnte. Und es klappte. Also schrieb ich weiter, bis der Roman fertig war."

Hélène Grémillon besticht in ihrem Roman "Das geheime Prinzip der Liebe" durch psychologisches Feingefühl. Sie konfrontiert das halluzinierte, bis zur Besessenheit gesteigerte Muttergefühl der unfruchtbaren Madame M. mit dem tatsächlich erlebten Muttergefühl von Annie. Und sie lotet die Abgründe der Eifersucht aus, der Hassliebe, der Mordlust. Denn die gutgemeinte Tat zieht ungeahnte Konsequenzen nach sich, die bald nicht mehr steuerbar sind. Zum Kampf um das Kind kommt der Kampf um Madame M.´s Ehemann, in den sich auch Annie verliebt. Hélène Grémillon nutzt hier ihre Erfahrung mit den Schnitttechniken des Films.

"Thriller begeistern mich, Dramen hinter verschlossenen Türen. Beim Schreiben sah ich die Stellen vor mir, wo ich einen Erzählstrang – zur Steigerung der Spannung - unterbrechen musste, um ihn später wieder aufzugreifen. Ich wollte das Tempo hochhalten. Ich achte sehr auf narrative Ökonomie. Das heißt: Mit der Naturalisten zum Beispiel tue ich mich schwer, mit Beschreibungen. Alles muss dem Plot dienen."

In der französischen Gegenwartsliteratur, so Hélène Grémillon, gebe es schon genug Autofiktion, genug autobiografische Nabelschau. Deshalb hat sie ihren Roman in einem zeitlichen Kontext platziert, den sie selbst nicht erlebt hat. Ausgangspunkt ist das Jahr 1975, als die Pariser Verlegerin Camille Werner nach dem Tod ihrer Mutter plötzlich anonyme Briefe erhält. Sie erzählen eine Liebesgeschichte, die in den 1930er-Jahren beginnt. Sind die Botschaften, fragt sich Camille, persönlich gemeint, oder nur ein Autoren-Trick, um ihre Aufmerksamkeit als Verlegerin zu gewinnen? In jedem Fall: Die Erzählung entführt die 35-jährige, die ihrerseits schwanger ist, in eine der dramatischsten Phasen der deutsch-französischen Geschichte: in die Zeit vor und während des Blitzsiegs der Wehrmacht 1940 und der beginnenden deutschen Besetzung Nordfrankreichs.

"Das historische Material ist für mich eine Quelle wirklicher Bereicherung gewesen. Gleichzeitig habe ich mich aber auch überschwemmt gefühlt. Denn ich neige dazu, ein Thema immer ganz ausreizen zu wollen. Zu jeder Frage muss ich dann Unmengen lesen. Außerdem wollte ich aus den Geschichtsbüchern nicht das herausfiltern, was man normalerweise in ihnen sucht. Ich hielt Ausschau nach Ereignissen am Rande, die das alltägliche Leben dokumentierten. Ich wollte nicht die Dinge aufgreifen, die wir schon x-Mal über den Zweiten Weltkrieg gehört haben, über die Okkupation, die Résistance, die Kollaboration. Das ist alles bestens erforscht und beschrieben. Ich wollte einfach nur das alltägliche Leben abseits der großen Kriegsereignisse beschreiben - wie die Leute mit ihm fertig wurden."

Die Tragik nimmt ihren Lauf: auf nationaler wie privater Ebene. Während die schwangere Annie von Madame M. zur heimlichen Geburt nach Paris begleitet wird, bleiben ihre Eltern ahnungslos in der nahen Provinz zurück. Annies Vater, ein Kommunist, wird wegen des Hitler-Stalin-Pakts verhaftet, ihre Mutter flüchtet – wie hunderttausende andere Franzosen auch - vor der näher rückenden deutschen Armee in Richtung Süden. Parallel dazu intensiviert die Verlegerin Camille 1975 ihre Recherchen nach dem Absender der anonymen Briefe. Sie stößt schließlich auf einen gewissen Louis, der sich als Annies Jugendfreund entpuppt.

"Während des Schreibens war ich sehr darauf bedacht, dass alle Figuren 'ich' sagen. Für jede von ihnen wollte ich einen eigenen Stil kreieren. Denn sie sollten auch in ihrer jeweiligen Ausdrucksweise eine Identität besitzen. Ich habe also darauf geachtet, dass sich Madame M. ein wenig gepflegter ausdrückt, Louis etwas komplexer, Annie sehr einfach und Camille moderner. Ich war also - wenn Sie in meine literarische Küche eintreten wollen - mit dieser Art Problematik befasst. Auf Listen legte ich fest, dass Madame M. zum Beispiel Adverbien, Konjunktive und Zitate benutzt, dass Annie hingegen so oft wie möglich im Präsenz spricht, ohne Adverbien, ohne erlesenes, gewähltes Vokabular - alles sollte bei ihr sehr rudimentär bleiben. Beim Durchlesen habe ich dann alles noch einmal mit diesen Stil-Listen abgeglichen."

Zwei Zeitebenen, vier Ich-Erzähler – da droht die Verschachtelung. Doch verliert Hélène Grémillon in ihrem zupackend und eingängig erzählten Roman "Das geheime Prinzip der Liebe" nie den Überblick über ihre verschiedenen Erzählstränge. Im Gegenteil: Indem sie den Blick für die Abweichungen in der jeweiligen Wahrnehmung der Ereignisse schärft, für die Irrwege, die durch Fehldeutungen und Lügen provoziert werden, erhöht sie permanent die Spannung. Von der Liebe, zumal der Mutterliebe gibt Hélène Grémillon dabei alles andere als eine Schönwetter-Version. Ihr Debüt besticht durch ein unverfängliches Gespür für die emotionalen Abgründe. Gerade deshalb ist ihr auch ein so kurvenreicher, oft überraschender Plot gelungen.

Hélène Grémillon: "Das geheime Prinzip der Liebe", Roman, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Hoffmann und Campe, Hamburg 2012, 256 Seiten, 19,99 Euro

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