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StartseiteEuropa heuteKultur hat Grenzen11.04.2018

Konfrontationspunkt Kaliningrad (3/5)Kultur hat Grenzen

Patriotische Ausstellungen werden gefördert, die deutsche Vergangenheit soll nicht thematisiert werden. In der russischen Exklave Kaliningrad geraten Museumsmacher und Galeristen wie Anna Karpenko zwischen die Fronten, wenn sie den Blick nach Westen richten. Die  Zusammenarbeit mit Europa leidet.

Von Gesine Dornblüth

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Anna Karpenko, Leiterin der Galerie Vorota in Kaliningrad, vor einer Fotografie  (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)
Anna Karpenko leitet die Galerie "Vorota" in Kaliningrad: "Es gibt jetzt weniger Möglichkeiten, mit europäischen Ländern zusammenzuarbeiten" (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)
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Anna Karpenko hängt Vorhänge auf. Sie steht auf einem Stuhl und nestelt an der Leiste herum.

"Ich habe die Vorhänge zu Hause gewaschen. Hier wurde viel umgebaut, alles war voller Staub. Die sind noch etwas feucht. Dafür hängen sie dann umso besser."

Anna Karpenko ist die Chefin der Galerie "Vorota", auf Deutsch "Tor". Weil sie sich in einem der alten Stadttore Königsbergs befindet. Der Raum ist hoch, ein rundes Gewölbe aus Backstein, vorn eine Bühne, im Eingang ein Kaffeetresen.

Durch das Fenster ist ein weiterer Ziegelbau zu sehen, daneben graue Plattenbauten und die verspiegelte Glasfassade eines 20-stöckigen Hochhauses - ein typischer Anblick in Kaliningrad mit seiner deutschen und sowjetischen Geschichte. An den Wänden hängen Fotos eines Moskauer Fotografen. Er ist mit Regionalzügen quer durch Russland gereist.

"Das hier ist eine spannende Arbeit aus dem Gebiet Tjumen. Sie zeigt einen Mann, der einen Skulpturenpark mit Denkmälern aus der Sowjetzeit gegründet hat."

Russlands Führung fördert Patriotismus

Das Geld für die Ausstellung kommt aus einem Fonds des russischen Präsidenten. Russlands Führung fördert Patriotismus: Die Menschen sollen ihr eigenes Land kennenlernen und bereisen, statt ins Ausland zu schauen.

"Ich habe von vielen Kaliningradern gehört, dass sie Russland eigentlich nicht kennen. Es ist ja auch aufwendig, von hier aus zu reisen. Den Kaliningradern entgeht dadurch viel. Insofern habe ich diese Ausstellung bewusst ausgesucht. Das heißt natürlich nicht, dass die Kaliningrader Polen und Litauen nicht kennenlernen sollen. Das ist der andere Teil meiner Arbeit."

Anna Karpenko setzt sich an einen Tisch und holt eine Broschüre hervor. Auf dem Titelblatt ist eine Landschaft eingezeichnet: Bäume, Seen, Elche, Füchse, einzelne Häuser. Keine Ortsnamen.

"Das ist das Dreieck, in dem Polen, Litauen und das Kaliningrader Gebiet aneinander stoßen. Wir haben die Landesgrenzen nicht eingezeichnet, denn dort gibt es vor allem Natur: Pflanzen und Tiere, denen bedeuten Grenzen ohnehin nichts. Es sind Menschen, die sie schaffen. Mit unserem Projekt wollten wir die Grenzen zwischen den Menschen überwinden."

Luftbild von Kaliningrad und Umgebung (picture alliance/ dpa/ RIA Nowosti)Kaliningrad liegt zwischen Polen und Litauen - "Es ist aufwendig, von hier aus zu reisen", sagt Anna Karpenko (picture alliance/ dpa/ RIA Nowosti)

Einstellung des Kleinen Grenzverkehrs war ein "schwerer Schlag"

Die Broschüre ist im Rahmen des Projektes "Sosedi" entstanden, "Nachbarn". Anna Karpenko hat Russen, Litauer und Polen in abgelegenen Dörfern nahe der Grenze besucht, hat sie fotografiert, sich ihre Lebensgeschichten erzählen lassen. 2013, 2014 war das. Sie hat Reisen organisiert, ist mit den russischen Dorfbewohnern hinübergefahren auf die polnische Seite und mit allen gemeinsam auf die litauische. Und sie hat ein Festival ausgerichtet, bei dem sich alle in einem Dorf im Kaliningrader Gebiet trafen. Mehr als tausend Leute kamen. Vier mal fand es statt. Bis die polnische Regierung 2016 den kleinen Grenzverkehr einstellte, und Russen und Polen wieder Visa brauchten, um zu reisen.

"Das war ein sehr schwerer Schlag für uns. Wir erwarteten einige polnische Freunde auf unserem Festival. Und dann kamen nicht 20, wie geplant, sondern einer oder zwei. Die Visapflicht war ein sehr großes Hindernis, das wir nicht überwinden konnten."

Anna Karpenko macht sich auf den Weg. Sie will einen Projektpartner besuchen. Gemeinsam planen sie ein Museum für sowjetische Alltagsgegenstände im Kaliningrad der 60er- bis 80er-Jahre. Auch dafür gibt es Geld vom Fonds des russischen Präsidenten.

Staatsfernsehen kritisiert "schleichende Germanisierung"

Alexander Bytschenko, der Projektpartner, ist Unternehmer und betreibt bereits ein anderes Museum, das "Alte Haus". Es zeigt den Alltag einer deutschen Kaufmannsfamilie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts und befindet sich in einem der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser aus Königsberger Zeit.

Flur, Wohn- und Schlafzimmer und die Küche stehen voller Antiquitäten. Einige hat Bytschenko in Kaliningrad erworben, andere in Westeuropa gekauft. An den Wänden hängen Hirschgeweihe. Der Kaffeetisch ist gedeckt, das Klavier geöffnet. Bytschenko nimmt eine Porzellanfigur aus dem Regal: Ein Mädchen mit Schultüte.

"Russen kennen das nicht. Dass Kinder zur Einschulung beschenkt werden, ist hierzulande nicht üblich; bei uns bekommen die Lehrerinnen große Blumensträuße. Wir erzählen unseren Besuchern von dieser schönen Tradition, die wohl immer noch in Deutschland existiert."

"Man muss das eine und das andere kennen"

Mit dem "Alten Haus" hat sich Bytschenko Feinde gemacht. Es begann nach der Annexion der Krim und den Sanktionen. Das Staatsfernsehen wetterte gegen verschiedene deutsche Organisationen in Kaliningrad, sprach von einer angeblichen "schleichenden Germanisierung", von schädlichem westlichen Einfluss in der Region. Scharfmacher forderten, die Kaliningrader sollten sich lieber mit der sowjetischen Geschichte beschäftigen, statt mit der deutschen Vergangenheit. Anna Karpenko nickt:

"Mir gefällt es nicht, wenn die Leute sagen: "Wir sollen nicht mit Europa zusammenarbeiten, sondern nur mit Russland." Oder andersherum: "Uns interessiert nur Europa, was in Russland passiert, ist uns egal." Ich denke, beides ist falsch. Man muss das eine und das andere kennen. Eine andere Sache ist, dass es jetzt weniger Möglichkeiten gibt, mit europäischen Ländern zusammenzuarbeiten. Und das macht mich sehr traurig. Denn wir verlieren die Verbindungen, die wir früher hatten."

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