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StartseiteHintergrundEin Leben im Krieg10.06.2015

KongoEin Leben im Krieg

Seit mehr als 20 Jahren leben die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo mehr oder weniger im Kriegszustand. Einer UNO-Eingreiftruppe ist es bislang nicht gelungen, die Region zu befrieden. Nun terrorisieren islamistische Milizen die Kongolesen - und hinterlassen eine blutige Spur der Gewalt.

Von Bettina Rühl

Zu sehen sind viele trauernde Menschen, die meisten Frauen, in einem Dorf im Osten des Kongo (AFP / Kudra Maliro)
Trauer im Dorf - nach einem Massaker, das islamistische Rebellen begangen haben sollen (AFP / Kudra Maliro)
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Kavuatto Myvayo steht etwas gebückt auf dem Feld, mit der linken Hand stützt sie ihren Rücken. Die 60-jährige Kongolesin sät an diesem Morgen Erdnüsse aus, aber die Feldarbeit fällt ihr nicht mehr leicht. Gerade hat sie ihre Arbeit unterbrochen und schaut Jeanette Masika Kirimbo zu, die auf dem Acker Fäden spannt. In so geraden Reihen müssten alle ihre Erdnüsse ausgesät werden, klärt sie auf: "Dann braucht ihr viel weniger Samen, als wenn ihr ungeordnet aussät. Außerdem könnt ihr die Pflänzchen hinterher leichter pflegen und das Unkraut besser jäten."

Ein gutes Dutzend Bäuerinnen und einige Bauern hören Kirimbo zu. Sie leben im Osten der Demokratischen Republik Kongo, nicht weit von der Stadt Beni entfernt. Obwohl sie schon jahrelang von der Landwirtschaft leben, lernen sie an diesem Morgen noch etwas dazu. Die deutsche Welthungerhilfe hat in der Region mehrere Demonstrationsfelder angelegt, auf denen Agrarberaterinnen wie Kirimbo erklären, wie man die Ernte mit ganz einfachen Mitteln verbessern kann.

Eine Region im Krieg

Das ist in dieser Region besonders wichtig, denn obwohl die üppig grüne, hügelige Landschaft friedlich wirkt, ist die Region im Krieg. Im Osten des Kongo ringen dutzende bewaffnete Gruppen seit mehr als zwanzig Jahren um Rohstoffe, Macht und Land. Vor den Kämpfen müssen die Menschen immer wieder fliehen, ihre Felder aufgeben. Wenn sie mal lange genug an einem Ort bleiben können, um eine Ernte einzubringen, sollte die möglichst gut sein. Denn der Ertrag muss für die Ansässigen und zusätzlich tausende Vertriebene reichen.

Augustin Kambalo Muyisa ist stellvertretender Projektleiter der deutschen Welthungerhilfe in der Region. "Die Sicherheitslage ändert sich ständig. Heute ist vielleicht alles ruhig, morgen kann es genau das Gegenteil sein. Angespannt ist die Lage immer, aber wir arbeiten trotzdem." An den ständigen Kämpfen ändert also auch die Präsenz der weltgrößten UNO-Mission nichts, der MONUSCO. Sie ist inzwischen 22.000 Mann stark, darunter 3.000 Mitglieder einer robusten Eingreiftruppe. Diese 3.000-köpfige UNO-Kampfbrigade wurde im November 2012 entsandt, nachdem die UN-Mission jahrelang wegen ihrer Untätigkeit kritisiert worden war. Praktisch vor den Augen der Blauhelmsoldaten waren Städte von Milizen überrannt, Menschen massakriert worden. Schlagzeilen machten die UN-Soldaten also nicht wegen militärischer Erfolge, sondern vor allem mit Prostitutionsgeschichten und ihrer Beteiligung am Rohstoffschmuggel.

Frieden erzwingen

Bei ihrer Entsendung im November 2012 galt die Eingreiftruppe als Novum. Ausgestattet mit Kampfhubschraubern und Scharfschützen sollte sie den Frieden, wenn nötig, erzwingen. Nach anfänglichen Erfolgen, vor allem gegen die damals berüchtigte M-23-Miliz, ist aber längst wieder alles beim Alten: Die Kämpfe gegen nun andere Milizen gehen weiter, Hunderttausende sind innerhalb der Region auf der Flucht. Augustin Kambalo Muyisa: "Deren Zahl ist schwer zu schätzen, weil die Menschen ständig in Bewegung sind. Sie müssen fliehen, bleiben irgendwo eine Weile, kehren nach Hause zurück, flüchten erneut. Sicher ist nur, dass es hier sehr viele Vertriebene gibt." Zwei davon leben schon seit einigen Monaten bei der alten Bäuerin Kavuatto Myvayo, die gerade etwas Neues zum Anbau von Erdnüssen lernt: "Ich kannte das Ehepaar vorher nicht. Aber sie waren in Not. Wie hätte ich sie da zurückweisen können?" Es gebe mit den beiden keine Probleme, sagt die Bäuerin. Erst auf Nachfragen stellt sich heraus, dass Myvayos Familie auf eine der täglichen Mahlzeiten verzichten muss, seit sie die Fremden aufnahm.

Zu sehen ist ein Lastwagen der Vereinten Nationen auf einer Wiese, im Hintergrund sind Berge und Wolken (AFP / Federico Scoppa)Die UNO-Mission MONUSCO ist hier im Norden des Kongo tätig, in der Region Nord-Kivu. (AFP / Federico Scoppa)

Hier in der Region ist Gastfreundschaft etwas Selbstverständliches. Hinzu kommt, dass jeder selbst schon mal auf der Flucht war und Hilfe von Fremden brauchte. Jeder weiß also, in welcher Situation sich die Vertriebenen befinden. Im Osten des Kongo gibt es deshalb kaum Flüchtlingslager, trotz 2,6 Millionen vertriebener Kongolesinnen und Kongolesen sowie ein paar zehntausend Flüchtlingen aus Burundi und anderen Nachbarländern. Dabei hatten die Menschen schon vor dem Krieg nur das Nötigste. Jetzt haben die Familien auch nicht mehr Einkommen oder eine bessere Ernte, müssen aber mit mehr Menschen teilen. Deshalb hat keiner genug zu Essen. Viele Familien essen jetzt nur noch zwei Mal am Tag, statt wie früher dreimal. Wobei die Mahlzeiten auch damals schon nicht immer sehr nahrhaft waren.

Kinder hungern

Mangelernährung ist die Folge. Muyisa spricht sogar von "verborgenem Hunger". Vor allem kleine Kinder seien betroffen. Einige Hilfsorganisationen unterstützten die Menschen in der Region, damit die wirtschaftliche Not von Vertriebenen und Gastfamilien nicht allzu groß wird. Myvayo und die anderen Bäuerinnen sind inzwischen fast mit der Arbeit des Vormittags fertig. Kurz vor Schluss bedecken sie die Erde noch mit Stroh, um ihre Aussaat vor Insekten und Vögeln zu schützen. Außerdem entzieht die Sonne dem bedeckten Boden weniger Wasser. Die Welthungerhilfe organsiert nicht nur landwirtschaftliche Beratung. Die Helfer haben in den Dörfern rund um Beni außerdem verbessertes Saatgut an rund 5.000 Haushalte verteilt, und zwar an Vertriebene, deren Gastgeber und andere Bedürftige. In dem Dorf Lume, im dem Kavuatto Myvayo auf dem Feld steht, bekamen sie Erdnüsse, Bohnen und Mais. Die Vertriebenen erhalten außerdem Gemüsesamen, denn das kann noch auf dem kleinsten Fleckchen wachsen. Außerdem bekommt jede Familie zwei Feldhacken.

Häufig bleiben die Vertriebenen viel länger, als sie sich ursprünglich jemals vorstellen konnten. Acht Monate sind es schon bei der 30-jährigen Masika Bahondira. In ihrer Heimatregion werden seit dem vergangenem Herbst immer wieder besonders grausame Massaker verübt: "Wir sind in Panik losgerannt. In der Eile konnte ich nichts mitnehmen. Bewaffnete hatten unser Nachbardorf überfallen, wir hörten die Schüsse. Ehe die Rebellen bei uns auftauchen konnten, sind wir geflohen." Ihren Mann verlor sie während der panischen Flucht aus den Augen, aber ihre Kinder behielt sie im Blick. Gemeinsam schafften sie es bis Lume. Dort fanden sie Unterschlupf bei einer Familie, die ihnen bis dahin fremd gewesen war. Bahondira: "Ich hätte nie gedacht, dass uns wildfremde Leute aufnehmen würden. Ich bin überrascht und vor allem sehr glücklich." Ihre Gastgeber seien immer noch freundlich, sagt Bahondira. Sie weiß aber, dass sie und ihre Kinder eine Last sind. Doch Bahondira wagt sich immer noch nicht in ihr Zuhause zurückzukehren, denn in den Dörfern rund um Beni hält die Terrorwelle immer noch an. Allein in den vier Monaten von Oktober bis Januar wurden nach offiziellen Angaben mehr als 300 Menschen mit Macheten und anderen groben Waffen brutal ermordet, manche regelrecht zerhackt.

Massaker in Dörfern

Mughanyiri Kambale bezweifelt diese Zahl. Er arbeitet für das Menschenrechtsbüro der MONUSCO: "Mir ist durch die Massaker rund um Beni klar geworden, dass die Welt nicht die geringste Ahnung davon hat, was hier im Kongo los ist. Es stimmt, 300 Menschen sind getötet worden. Aber tatsächlich sind es noch viel mehr! Es sind tausende! In aller Stille, niemand spricht darüber, keinen interessiert das. Hier werden jeden Tag Menschen ermordet. Tausende sterben, aber nur hin und wieder wird über eines der Massaker berichtet. Und dann heißt es schon: "Oh, da gehen schlimme Sachen vor sich!" Dabei ist das nichts gemessen an dem, was hier wirklich Tag für Tag passiert!"

Kambale räumt damit das Scheitern der UN-Mission ein: Sie soll ja laut Mandat die Bevölkerung schützen, ist dazu aber offensichtlich nicht in der Lage. Kambale sagt, das sei auch gar nicht möglich: "Die Rebellen kommen beispielsweise in einer Gruppe von zwanzig, wenn sie dreißig Menschen töten wollen. Das geht dann zack-zack-zack. Mit der Machete ist es eine Sache von drei, höchstens zehn Minuten, jemandem den Kopf abzuschlagen. So ein Massaker geht also schnell. Hinzu kommt das Problem mit der Kommunikation: Es dauert viel zu lange, bis die Leute ein MONUSCO-Camp erreicht haben und Hilfe holen können. Nehmen wir an, das Massaker fängt um 19 Uhr an. Das erfahren dann als erstes die lokalen Autoritäten, die sagen der MONUSCO Bescheid. Bis wir davon erfahren, dauert es also leicht bis zu zwei Stunden."

UNO-Mission im Kongo überfordert

Trotz ihrer rund 20.000 Blauhelme sei die MONUSCO im Kongo überfordert: das Land ist riesig, es gibt kaum befahrbare Straßen. Viele Dörfer sind von der Außenwelt praktisch abgeschnitten oder nur zu Fuß zu erreichen, nach tagelangen Märschen. Das alles ist richtig, und doch nur ein Teil der Wahrheit: Einige der blutigen Massaker werden in unmittelbarer Nachbarschaft von UNO-Stützpunkten oder Armeelagern verübt, und niemand kommt der Bevölkerung zur Hilfe. Auch dann nicht, wenn die Straßen gut asphaltiert und ausgebaut sind. Die UNO-Mission wirkt wie gelähmt, und das aus mehreren Gründen. Erstens blockiert sie sich selbst, denn sie ist intern tief gespalten. Das Verhältnis zwischen dem Kommandanten der MONUSCO, dem Leiter der robusten Eingreiftruppe und dem deutschen Leiter der UNO-Mission Martin Kobler gilt als angespannt.

Das zweite Problem liegt im Mandat begründet: Die MONUSCO soll die kongolesische Armee unterstützen, darf also nicht selbstständig Krieg führen. Aber das Verhältnis zwischen der UNO-Truppe und der kongolesischen Armee ist - vorsichtig ausgedrückt - schlecht. Die Mission wird von der kongolesischen Armee in der Region Beni praktisch boykottiert. Immer wieder verweigert die kongolesische Armee, kurz FARDC, den Blauhelmen nach einem Massaker den Zutritt zum Tatort. In einem Fall zehn Tage lang. Da verweigerte die Armee nicht nur den Blauhelmen den Zutritt, sondern der gesamten UNO-Mission. Eine hochkarätige Delegation sollte vor Ort ermitteln, was genau geschehen war. Das war unmöglich, weil sie nicht zum Tatort kam. Aber welches Interesse hat die FARDC daran, die UNO fernzuhalten? So ein Verhalten führt zu allerlei Mutmaßungen und schürt den Verdacht, dass einige Offiziere mit den bewaffneten Gruppen zusammen arbeiten. In einigen Fällen gab es glaubwürdige Informationen, sie bestätigten eine solche Zusammenarbeit. Für die Massaker in der Region Beni macht die kongolesische Regierung eine islamistische Miliz verantwortlich: die "Allianz der Demokratischen Kräfte" aus dem Nachbarland Uganda, kurz ADF-Nalu. Tatsächlich aber gibt es keine Bekennerschreiben, und auch sonst kaum plausible Belege für diese Behauptung. Moise Kambere Kayitavubya hat deshalb seine Zweifel. Er leitet einen Dachverband von Menschenrechtsgruppen namens GADHOP: "Es ist wirklich schwer, die Hintergründe der Massaker zu verstehen. Nicht zuletzt, weil die Regierung ihre Lesart unbedingt verbreiten will, nämlich dass angeblich die ADF-Nalu verantwortlich ist. Aber die jüngste Attentatsserie hat angefangen, nachdem die ADF-Nalu von der Armee zerschlagen worden war; jedenfalls wurde die Zerschlagung der Miliz behauptet. Aber kann eine Gruppe, die in alle Winde zerstreut ist, solche Massaker organisieren? Das fragt sich die Bevölkerung."

Bevölkerung ist kriegsmüde

Moise Kambere Kayitavubya und andere Menschenrechtler versuchen, selbst vor Ort zu ermitteln. Aber das ist schwierig und braucht seine Zeit. In der Bevölkerung steigt indes der Unmut. Sie verlangt Aufklärung über die Hintergründe der Gewalt:  "Nach solchen brutalen Massakern wäre es nicht überraschend, wenn die Menschen neue Selbstverteidigungsgruppen gründeten. Aber die Folge wären noch mehr Milizen, noch mehr Gewalt. Wir und andere Bürgerrechtsgruppen haben den jungen Menschen deshalb diesmal eingebläut, dass wir nicht noch mehr bewaffnete Gruppen brauchen. Stattdessen haben wir politische Proteste organisiert, gegen die MONUSCO, gegen die Regierung. In Beni haben junge Taxifahrer eine Statue von Präsident Kabila zerschlagen. Ihre Botschaft: "Du existierst für uns gar nicht, weil Du nichts für uns tust." Die Bevölkerung stellt also politische Forderungen. Wir sind der Kriege müde."

In Goma, der Provinzhauptstadt im Osten des Kongo, gehen die Menschen am 22. Januar 2015 auf die Straße. Auch in der Hauptstadt Kinshasa begehrt das Volk im Januar auf. Der Grund: Präsident Joseph Kabila möchte das Wahlgesetz ändern und seine Amtszeit durch einen Trick um viele Jahre verlängern. Während der tagelangen Demonstrationen werden nach Angaben der Opposition mehr als 40 Menschen ermordet, über 350 Menschen verhaftet. Hans Hoebeke arbeitet für die "International Crisis Group". Deren Mitarbeiter beobachten politische Konflikte um sie zu verhindern oder zu lösen: "Die politischen Spannungen nehmen zu, seit der Wahlkalender veröffentlicht wurde. Jetzt weiß man, dass die Wahlen näher rücken. In den Kommunen und Provinzen sollen sie schon Ende dieses Jahres stattfinden, Präsidentschaftswahlen dann Ende 2016. Präsident Kabila darf nicht erneut kandidieren. Bei dieser Wahl steht für die Elite im Kongo also vieles auf dem Spiel. Das schafft Verunsicherung auf allen Ebenen. Interessant an den jüngsten Protesten war, dass sie offenbar nicht von der etablierten Opposition organisiert wurden, die schwach, schlecht organisiert und untereinander zerstritten ist. Auch die traditionellen bürgerrechtlichen Gruppen standen nicht dahinter; sie sind ebenfalls schwach und unzureichend organisiert und dem Regime bestens bekannt."

Hartes Vorgehen gegen Kritiker

Es gibt also neue Akteure auf der politischen Bühne im Kongo. Das könnte Hoffnung schüren, schürt aber derzeit womöglich Gewalt. Die Regierung geht unverkennbar mit harter Hand gegen ihre Kritiker vor. Die Bevölkerung und einige politische Beobachter stellen sich darüber hinaus noch viele weitere Fragen. Hat die Welle der brutalen Gewalt im Osten auch mit den Wahlen zu tun? Sicher ist derzeit nur eins: Durch Terror wird gezielt Panik und Misstrauen verbreitet und die Region destabilisiert. Wem aber nützt die allgemeine Verunsicherung? Teile der Armee, aber auch lokale Politiker und Geschäftsleute scheinen, so sagen Beobachter, ihre Hände im Spiel zu haben. Geht es nur um wirtschaftliche Interessen? Oder um das Begleichen politischer Rechnungen und den Erhalt von Macht? Fragen, auf die es vorerst keine Antwort gibt.

Währenddessen nimmt die Zahl der Opfer zu, der Toten und der Traumatisierten. Ein Krankenhaus in Butembo. Die Stadt ist gut 50 Kilometer von Beni entfernt. Das Haus wird von einer kongolesischen Hilfsorganisation namens FEPSI betrieben und mit Geld aus Deutschland unterstützt. Vor allem Überlebende sexueller Gewalt finden hier Hilfe, und davon gibt es viele: Vergewaltigung ist im Kongo eine Waffe des Krieges. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Opfer auf 25.000 im Jahr. Normalerweise nimmt diese Zahl der Vergewaltigungsopfer jedes Mal zu, wenn neue Kämpfe ausbrechen, sagt Marie-Dolorose Masika Kafanya, eine Mitbegründerin von FEPSI. Bei der jetzigen Welle der Gewalt sei das anders. Diesmal bringen die Täter alle um. Ohne Ausnahme. Bei den wenigen Überlebenden handelt es sich vielleicht mal um ein Kind, das sich irgendwo verstecken konnte. Oder einen Erwachsener, der noch rechtzeitig fliehen konnte. Aber das sind wirklich wenige.

Vergewaltigungen an der Tagesordnung

Eine dieser wenigen ist Izelte Kavira. Die 17-Jährige sitzt in einem Raum, dessen Wände in einem warmen Ockerton gestrichen sind; er wirkt fast wohnlich. Izelte dreht die Schleife ihres Kleides unablässig in der Hand. Die Schleife ist so farbenfroh wie ihr Kleid; es hat ein großes, gelb-violettes Muster. Ihren Sohn, den einjährigen Eli, hat sie zögernd aus der Hand gegeben. Er war zu unruhig während des Gesprächs. Izelte erzählt ihre Geschichte mit monotoner Stimme, als habe sie jedes Gefühl zu ihren Erinnerungen vergessen. Ihr Sohn, sagt sie, sei darin inzwischen ein Lichtblick. Dabei dauerte es eine Weile, bis sie ihn lieben konnte. Eli kam zur Welt, nachdem Izelte von drei Milizionären vergewaltigt worden war, nacheinander, immer wieder. Kurz vorher hatten die Bewaffneten ihre Eltern vor ihren Augen getötet. Bei einem Gewaltmarsch durch den Busch starb wenig später ihr jüngerer Bruder. Sie bedeckte seinen Körper mit Blättern und marschierte immer weiter. Einen Monat schlug sie sich durch den Busch, aß wilde Bananen, trank aus Bächen. Der Gedanke, der sie weiterlaufen ließ: dass in dem Ort Butembo noch eine Tante lebte von der sie annahm, dass sie dort willkommen sei.

"Sie kam abends an, die Nachtwächter gaben ihr ein Bett. Wir haben sie am nächsten Morgen gesehen. Sie war unglaublich schmutzig, die Füße geschwollen, die Augen verquollen. Uns war sofort klar, dass sie psychologische Hilfe braucht." Vivienne Esperance Masika ist Krankenschwester und psychologisch geschult, sie ist seit Izeltes Ankunft für die junge Frau da. Bei FEPSI werden Izelte und andere Überlebende nicht nur medizinisch betreut, sondern auch juristisch beraten. Außerdem bekommen sie Hilfe beim wirtschaftlichen Neustart. Inzwischen wagt Izelte erste Gedanken an die Zukunft: Sie möchte weiter lernen und Wirtschaftsinformatikerin werden. Ihr Sohn, so hofft sie, werde eines Tages zur Schule gehen. Beides aber setzt voraus, dass auch der Osten des Kongo irgendwann friedlich wird.

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