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StartseiteKultur heute"Rendite kann nicht einziges Verlagskriterium sein" 21.03.2014

Kongress "Literatur Digital""Rendite kann nicht einziges Verlagskriterium sein"

Die Veränderung des Schreibens und des Publizierens durch digitale Medien steht im Zentrum des Kongresses "Literatur Digital" am Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Es gehe ihm vor allem darum, "neue Formen des Verlegens zu entwickeln", sagte der Kurator Ingo Niermann im Deutschlandfunk.

Ingo Niermann im Gespräch mit Karin Fischer

Berlin: Buchhandlung des Weltbild Verlages in den Schönhauser Allee Arkaden, die im März 1999 direkt am S- und U-Bahnhof Schönhauser Allee im Bezirk Prenzlauer Berg ihre Pforten öffneten.  (picture alliance / ZB / Hubert Link)
Es gäbe genügend Fälle von tollen Büchern, die renommierte kommerzielle Verlage nicht mehr verlegen würden, da sie sich nicht rentieren, kritisiert Ingo Niermann. (picture alliance / ZB / Hubert Link)
Weiterführende Information
Literatur - Die Zukunft des Buches (Deutschlandradio Kultur, Aktuell, 04.03.2014)
E-Book & Co. - Umblättern mit einem Augenzwinkern (Deutschlandradio Kultur, Elektronische Welten, 02.01.2014)
Elektronische Bücher - "Da entsteht ein völlig neuer Markt" (Deutschlandradio Kultur, Thema, 02.01.2014)

Karin Fischer: Heute ist UNESCO-Welttag der Poesie, und in Berlin feiern den gleich drei Institutionen auf ganz eigene Weise. Die Literaturwerkstatt organisiert eine Lesung in den Räumen der Stiftung Brandenburger Tor; Kulturstaatsministerin Monika Grütters lädt Lyrikerinnen und Lyriker aus sechs Ländern ins Kanzleramt, in ihren Worten "in die Herzkammer der Macht", um dort über Kultur zu diskutieren.

Und im Haus der Kulturen der Welt beginnt ein Kongress, der "Literatur digital" heißt und nach den Veränderungen von Autorschaft, "von Produkt und Produktion" in diesen Zeiten, also in den digitalen Zeiten, handeln will. Der Schriftsteller und Künstler Ingo Niermann hat das Programm mit entwickelt, und ihn habe ich gefragt: Was bedeutet "Autorschaft" heute für Sie?

Ingo Niermann: Autorschaft bedeutet auf jeden Fall nicht einfach nur, das sind die, die Bücher schreiben. Es gibt viele Leute, die vielleicht nie Bücher schreiben, die ich trotzdem als Autoren ernst nehme, und für mich ist nicht nur das Schreiben von Büchern, nicht nur darin bin ich Autor.

Fischer: Die Lyrik, um noch mal auf den Welttag für Poesie zu kommen, ist natürlich ein gutes und großes Feld für diese anderen Arten von Autorship, zum Beispiel für sampeln und schnipseln, sowieso für die neuen Medien, denn Poesie kann man per Twitter oder SMS schön versenden oder zum Beispiel Musik daraus machen.

"Was ist eigentlich das Urheberrecht?"

Dennoch betrifft der Streit ums Urheberrecht nicht so sehr verstörte Dichterinnen und Dichter, denen ihre Verse im Netz abhandengekommen sind oder geklaut werden könnten. Jedenfalls hören wir davon nicht viel. Was ist das drängendste Problem in Sachen Urheberschaft und Urheberrecht im Moment?

Niermann: Uns geht es nicht darum. In dieser ganzen Debatte Urheberrecht, soll man es abschaffen oder beibehalten, wollen wir eine dritte Position einnehmen, nämlich erst mal uns zu fragen, was ist eigentlich das Urheberrecht, was inkludiert das alles. Es inkludiert zum Beispiel Persönlichkeitsrechte des Autors, die Fragen, was passiert später mit meinen Texten, und dem wollen wir uns auf eine sehr grundsätzliche, auch theoretische Weise damit auseinandersetzen.

Fischer: Wie tun Sie das?

Niermann: Mit diesem Kongress zum Beispiel jetzt, dem auch schon mehrere Workshops vorangegangen sind, bei dem wir Juristen hören, bei dem wir Sozialwissenschaftler hören, und schließlich auch – das ist Teil dieses Projekts Fiktion, das diesen Kongress ausrichtet, indem wir selber Bücher verlegen, aber auf andere Weise, als das kommerzielle Verlage tun.

Fischer: "Fiktion" – Sie haben das Stichwort genannt – ist ein Modellprojekt, das gefördert wird durch die Kulturstiftung des Bundes und das im ganz breiten Sinne Veränderungen gesellschaftlicher Art, aber vor allem auch des Schreibens und des Publizierens durch digitale Medien, durch die Digitalisierung untersucht. Warum ist es wichtig, noch mal theoretisch nachzubereiten, was in der Welt da draußen sowieso schon immer geschieht?

Niermann: Ich glaube daran, dass dafür auch Theorie hilft, weil um die Praxis kümmern wir uns ja auch bei Fiktion, eben indem wir auch Bücher verlegen, indem wir sie anders verlegen, indem wir andere Verträge mit den Autoren entwickeln, indem wir Bücher zum Beispiel umsonst anbieten, ohne deshalb das Urheberrecht zu verdammen.

Fischer: Wie funktioniert das und auf welcher Grundlage?

Niermann: Im Moment dadurch, dass wir Förderung haben und wir eine Art von Büchern machen, denen man erst mal keine kommerziellen Chancen einrechnet, also Bücher, die sonst einfach gar nicht verlegt würden, die wir aber für so wichtig, für so bedeutend halten, dass wir sagen, die müssen der Öffentlichkeit trotzdem zugänglich gemacht werden – mit allem, was auch kommerzielle Verlage anbieten, nämlich ein hervorragendes Lektorat, eine hervorragende Öffentlichkeitsarbeit. Sogar Übersetzungen bieten wir an für die Bücher.

Fischer: Warum, Ingo Niermann, ist das nun der Punkt, der für Sie so dringend erscheint, wo doch so wahnsinnig viele Bücher in Deutschland verlegt werden?

Niermann: Wir denken, das sind die Bücher genau, die uns gar nicht interessieren, und wir kennen aus dem Freundes-, aus dem Bekanntenkreis, aus dem Kollegenkreis genügend Fälle von Büchern, wo renommierte kommerzielle Verlage sagen, das ist ein ganz, ganz tolles Buch, aber leider rentiert es sich nicht. Und das kann für uns nicht das einzige Kriterium sein dafür, ob Bücher da sind, ob sie wahrgenommen werden können oder nicht.

"Wichtige Literatur muss auch in Zukunft verlegt werden"

Fischer: Was sind das für Bücher?

Niermann: Das sind Romane. Es geht nicht per se um krasse Avantgarde-Literatur, sondern Bücher – das ist das Kriterium für uns -, die bei uns etwas bewirken, die unser Verständnis von der Welt und uns selbst und von dem, was Literatur ist, auf die Probe stellen.

Fischer: Noch mal zurück zum Kongress, Ingo Niermann. Was erhoffen Sie sich denn an Output?

Niermann: Grundsätzlich überlegend, geht es uns darum, neue Formen des Verlegens zu entwickeln. Und was wir da gerade im Moment mit unserem Projekt Fiktion angefangen haben, das ist wirklich nur ein erster Schritt, und der muss gar keinen Bestand haben. Wichtig ist nur, dass es danach weitergeht, dass es hin zu neuen Formen führt, sodass Literatur, die uns wichtig ist, auch in Zukunft noch sorgsam verlegt werden kann.

Fischer: Ingo Niermann war das über "Literatur Digital", der Kongress hat heute im Haus der Kulturen der Welt in Berlin begonnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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