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StartseiteBüchermarktKonsequent subjektiv17.09.2004

Konsequent subjektiv

Jochen Schmidt: "Gebrauchsanweisung für die Bretagne"

<em> Why does it always rain on me </em>

Von Ralph Gerstenberg

Jochen Schmidt: "Gebrauchsanweisung für die Bretagne" (Piper Verlag)
Jochen Schmidt: "Gebrauchsanweisung für die Bretagne" (Piper Verlag)

Nicht ohne Grund hat Jochen Schmidt die verzweifelte Frage des Travis-Sängers Fran Healy dem ersten Kapitel seines Buches über die Bretagne vorangestellt: Why does it always rain on me? Ja, warum nur regnet es immerzu? Wenn der Grund – wie Healy im weiteren mutmaßt – eine Lüge ist, die er mit siebzehn über die Lippen brachte, dann müssen alle Bretonen in ihrer Jugend lügen, dass sich die Balken biegen. Denn in der Bretagne regnet es angeblich ununterbrochen. "Es gibt dort jeden Tag so einen seltsamen Sprühregen, von dem man nie richtig nass wird", wurde Schmidt von einem Bekannten gewarnt. Abgeschreckt hat ihn das nicht. Im Gegenteil. Schmidt betrachtete die imaginierte Tristesse als willkommene Herausforderung. Und so verbrachte er ein Jahr als stets klammer Student im bretonischen Brest. Literarisch verarbeitet hat er seine Erlebnisse in dem biografischen Entwicklungsroman Müller haut uns raus. Im vergangnen Jahr ist Jochen Schmidt nun für ein paar Monate in die Region des Dauerregens zurückgekehrt. Der Piper-Verlag hatte ihn beauftragt, ein Buch über die Gegend zu schreiben, in der sich zuvor sein Alter Ego im Roman mit der französischen Sprache und einer lyrikbesessenen Pfarrerstochter herumzuschlagen hatte.

Die haben mich gefragt, ob ich’s mache. Und da habe ich lange gezögert, weil ich dachte, ich bin da vielleicht nicht kompetent genug. Außerdem hat man ja als Autor auch so die Pflicht, eigentlich Fiktion zu schreiben. Ich möchte nicht ins Sachbuch abgleiten. Andererseits war das nun auch gerade wieder reizvoll, sich doch journalistisch mehr zu trauen und mehr zu zwingen, vor Ort zu gehen und dann vielleicht auch was für später mitzunehmen, wenn man sich das einmal getraut hat. Denn das war mir schon klar, dass man für so ein Buch nicht nur auf eigene Erinnerungen und Beobachtungen zurückgreifen sollte. Ich fand von Anfang an, das muss reportagehaft sein.

So wird der Schriftsteller zum Reporter. Mit einem Mietwagen klappert Schmidt die bretonische Küste ab, trifft sich mit einem Pater, der die Bibel ins Bretonische überträgt, meidet die Touristenzentren mit ihren Keramikläden und überteuerten Restaurants und bewegt sich zwischen Megalithen und deutschen Bunkeranlagen aus dem Zweiten Weltkrieg auf historischen Pfaden. Dabei ist sein Blick konsequent subjektiv. Der Leser bekommt einen Eindruck davon, was Schmidt beeindruckt, worüber er sich ärgert und was ihn fasziniert. Der Autor ist nicht nur ein wacher Beobachter der zu erkundenden Umgebung, sondern auch seiner eigenen Seelenlandschaft. Und der Leser beobachtet den Autor beim Beobachten. So könnte das Buch auch den Titel tragen: "Schmidt - und wie er die Bretagne sah".

Ich fänd’s albern, als Prosaautor so zu tun, als wäre man ein Sachbuch- oder Ratgeberautor. Sonst könnte das auch sonst irgendwer schreiben. Kann es ja auch. Auf bestimmte Art könnten das andere auch besser. Ich muss halt die Art finden, die ich am besten kann und da bin ich nun mal selbst als Person auch interessant für. Das ist nun mal meine Stärke.

Aus der Konfrontation seiner Person mit Einheimischen und Touristen entsteht oft eine skurrile Komik. Zum Beispiel wenn der verklärt auf einer Klippe sitzende, von romantischen Gefühlen überwältigte Autor jäh aus seinen Gedanken über Rousseau und das Schwindelgefühl gerissen wird: "Guck mal Heinz, da sitzt einer …" Doch was interessiert Jochen Schmidt eigentlich an der Bretagne?

Die Bretagne ist so ein bisschen der Osten Frankreichs, also der Osten vom Westen. Obwohl es im Westen liegt, war es bis vor wenigen Jahren noch so eine Art Armenhaus von Frankreich, sehr im Windschatten der Geschichte. Mich interessiert das Provinzielle, Proletarische daran und die starke Identität, die die dort haben für ihre eigene Region, und auch so eine gewisse Trotzhaltung gegenüber dem Zentrum und dem bürgerlichen Frankreich. Das sind eben Typen, die man dort trifft, die buchstäblich durch Wind und Wetter so geworden sind und durch Alkohol und durch die Landschaft natürlich. Und das ist schon eine der spektakulären Landschaften von Europa. Auf engstem Raum kann man sich da gar nicht satt sehen an Klippen und Ständen und Wäldern.

Die Gebrauchsanweisung für die Bretagne ist Reiseliteratur im besten Sinne. Jochen Schmidt ist fasziniert von der wechselvollen Geschichte der Küstenregion und erzählt lustvoll, was er dort aufschnappt. Anstatt mit Fakten und Serviceinformationen zu langweilen, porträtiert er Leute und durchforstet die Lokalpresse nach regionalen Highlights wie der nationalen Boule-Meisterschaft. Sein Buch ist also kein Reiseführer. Dafür kann es auch von Leuten gelesen werden, die nie in der Bretagne waren und auch nicht vorhaben, demnächst dorthin zu fahren.

Einerseits denke ich, dass die Leute, die es interessiert und die meine anderen Bücher nicht kennen, kaum merken werden, dass ich noch andere Bücher geschrieben habe – leider, weil der Name einfach sehr auswechselbar ist: Jochen Schmidt. Und für mich ist es das erste Buch, an dem ich mich selber fest gelesen habe, als ich es bekommen habe. (…) Das ist eben so geschrieben, dass es leicht und luftig zu lesen sein soll - und trotzdem mit Gefühlen. Wäre natürlich fatal, wenn es mein bestes Buch bisher ist.

Die Frage der Fragen jedes Bretonen kann Jochen Schmidt in seinem Buch über die Bretagne allerdings leider auch nicht beantworten:

Jochen Schmidt
Gebrauchsanweisung für die Bretagne
Piper Verlag, 192 Seiten, EUR 12,90

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