Sonntag, 17.12.2017
StartseiteThemaErste Rabbinerin wird in Deutschland ordiniert16.06.2017

Konservatives JudentumErste Rabbinerin wird in Deutschland ordiniert

Denomination meint so etwas wie eine Abspaltung innerhalb einer Religionsgemeinschaft, die auch die Erneuerung vorhandener Grundsätze zum Ziel haben kann. Für das konservative Judentum oder auch Masorti war so ein Erneuerer Zacharias Frankel. Das nach ihm benannte Potsdamer Zacharias Frankel College feiert nun zum ersten Mal am Sonntag die Ordinierung einer Absolventin.

Von David Dambitsch

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Rabbinerin Gesa Ederberg  (imago/Uwe Steinert)
Rabbinerin Gesa Ederberg (imago/Uwe Steinert)

Zacharias Frankel, ganz und gar ein Mensch des 19. Jahrhunderts, war ein gemäßigt reformorientierter Rabbiner. Zwischen den Anhängern der jüdischen Orthodoxie und den liberalen oder progressiven Juden formulierte er sein Programm des "historisch-positiven" Judentums. Daraus entstand das konservative Judentum, hebräisch genannt Masorti. Einzige Masorti-Rabbinerin in Deutschland ist Gesa Ederberg.

"Für mich ist völlig klar, dass im Judentum das Tun und das Denken ganz eng zusammengehört – und das Tun eben sowohl was die Mitzwot im Alltag angeht, also koscheres Essen, Wohltätigkeit, Shabbat zu halten usw., als auch für mich im Gottesdienst aktiv zu leiten, vorzubeten, zur Tora aufgerufen zu werden, die Segenssprüche sagen zu können, aus der Tora zu lesen. Das sind für mich alles unglaublich wichtige Formeln, um mein Jüdischsein, um meine Verwurzelung einerseits in der jüdischen Tradition und die Beziehung zu Gott, andererseits und die Beziehung zur Gemeinde um mich herum auszudrücken. Da ist für mich die Masorti-Form, die das Tun, das Denken, das Fühlen und das Engagement gleichzeitig anspricht, und zwar ausgewogen gleichzeitig anspricht, einfach das Richtige."

Konservative Juden vor allem in USA

Masorti oder das konservative Judentum ist heute vor allem unter amerikanischen Juden weit verbreitet. Das Potsdamer Zacharias Frankel College ist deshalb der Ziegler School of Rabbinic Studies at American Jewish University in Los Angeles und der Leo Baeck Foundation eng verbunden. Auch die erste Absolventin des Zacharias Frankel College, Nitzan-Deborah Stein Kokin, die nur zur Rabbinerin ordiniert wird, lebt mit ihrer Familie zurzeit in Los Angeles.

"Wir werden voraussichtlich noch nächstes Jahr in Los Angeles bleiben. Da hatte ich ja das vergangene akademische Jahr Gaststudienjahr an unserer Schwesterinstitution gemacht, aus familiären Gründen. Die Familie meines Mannes ist dort ansässig und auch, dass die Kinder ein bisschen Ruhe haben, nicht immer umziehen müssen, würden wir gerne noch ein Jahr dort bleiben. Da kann ich viele Dinge machen: Ich möchte persönlich für mich einfach noch mich festigen in Gottesdienstleitung, Vorbeten, Predigen, und da habe ich viele Möglichkeiten dort. Ich habe jetzt selber keine spezifische Gemeinde dort, also als Gemeinderabbinerin, aber ich werde dort involviert sein in mindestens zwei Synagogen."

"Textstudium und praktische Arbeit verschränken"

Rabbinerin Gesa Ederberg hat Nitzan-Deborah Stein Kokin auf dem Weg in ihr religiöses Amt begleitet.

"Was für mich sehr wichtig ist, ist, dass wir das intellektuelle, das Textstudium und die praktische Arbeit wirklich miteinander verschränken. Wenn ich mich hinsetze und Talmud studiere, dann kann und soll das einfach auch Spaß machen und ein intellektueller Genuss sein. Dann diesen Anspruch auch in die alltägliche Gemeindearbeit mit umzusetzen, das ist vielleicht auch etwas Besonderes, was Masorti als Strömung auch auszeichnet."

Mittlweg fehlt in Deutschland

Das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, gilt bei Masorti als normativ und bindend. Gleichzeitig sind Frauen vollkommen gleichberechtigt als Lehrende und Lernende. Rabbinerin Nitzan-Deborah Stein Kokin will in diesem Sinne wirken.

"Ein ganz großes Ziel für mich ist ein lebendiges, offenes, modernes Judentum, das die Tradition respektiert und hält, doch wieder zu propagieren und vorzuleben. Was ich denke, was uns hier in Deutschland fehlt – wir haben die Orthodoxie, wir haben auch die Reform – dieser Mittelweg. Man kann traditionell sein, sich an die Halacha halten. Masorti heißt ja Tradition. Und die Tradition ehren und doch kritisch sein und modern sein: Das drückt sich in der Gleichstellung der Frauen aus, obwohl der Gottesdienst ganz in Hebräisch ist und ganz traditionell, das drückt sich aus wie ich Kaschrut halte, wie ich die Speisevorschriften halte, so mitten im Leben stehen. Und das ist eines der Ziele, das wieder bekannter zu machen. Viele sind sich dieser Option in ihrer jüdischen Welt gar nicht bewusst."

"Masorti-Stimme hörbarer machen"

Die nächste Generation wird also nicht nachlassen.

"Es ist tatsächlich für mich ein Stück das Aufschlagen eines neuen Blattes. Das sind jetzt 10 Jahre seit meiner eigenen Amtseinführung hier in Berlin, 15 Jahre seit meiner Ordination, das ist ja nun schon ein großes Stück Zeit. Ich denke, dass auch für Masorti jetzt auch noch mal die Zeit gekommen ist, sich noch einmal anders in der deutschen Landschaft zu präsentieren, zu schauen, wo können wir noch mal für die Gesamtheit der jüdischen Gemeinschaft Dinge beitragen, Projekte entwickeln, unseren Bildungsansatz nochmal stärker vertreten und eben vor allem noch mehr Mitstreiter und Mitstreiterinnen gewinnen. Also ich freue mich sehr über die neue Kollegin und dann auch alle anderen Kollegen und Kolleginnen, die danach kommen."

Denn der ersten Absolventin des Zacharias Frankel College sollen viele andere nachfolgen und nicht alle sollen dann nur im Ausland eine Gemeinde finden.

"Wir planen tatsächlich gerade, den Verein als Verein auch nochmal ein Stück weit umzustrukturieren. Uns ist immer noch ganz wichtig, dass wir in den Zentralratsstrukturen arbeiten und eher darauf verzichten, hier noch ein Fähnchen auf die Landkarte zu stecken – da sind nochmal 20 Leute, die sich jetzt als Masorti deklarieren und aus der Einheitsgemeinde ausscheren –, sondern wir wollen in den Einheitsgemeinden weiterarbeiten. Aber vielleicht tatsächlich die Masorti-Stimme da noch mal deutlicher machen als eine Stimme, die im Zusammenklang mit anderen Stimmen hörbarer wird."  

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