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StartseiteBüchermarktKonvention als Stütze17.08.2004

Konvention als Stütze

Sándor Màrai: "Die Nacht vor der Scheidung"

Im Jahre 1989, im Alter von 89 Jahren, hat sich Sándor Márai, der ungarische Schriftsteller, nach über vier Jahrzehnten im Exil, vom Leben enttäuscht, verbittert und, nach dem Tod seiner Frau und seines einzigen Sohnes, völlig vereinsamt, in San Diego, Kalifornien, selbst das Leben genommen. Seine Wiederentdeckung, zunächst in Ungarn, wo bereits ab 1990, sein umfangreiches, über 60 Bände umfassendes Werk, wieder aufgelegt und wieder zu einem großen Publikumserfolg geworden ist, hat er noch erhoffen, aber nicht mehr erleben können. Er war vergessen worden.

Von Martin Lüdke

Sándor Màrai: "Die Nacht vor der Scheidung", Coverausschnitt (Piper Verlag)
Sándor Màrai: "Die Nacht vor der Scheidung", Coverausschnitt (Piper Verlag)

Dabei waren von den späten zwanziger Jahren an die meisten seiner Bücher, auch bei uns, schon einmal erschienen, gelegentlich unter anderem Titel, wie etwa der schmale Roman, der 1942 noch, dem Original näher, Die Kerzen brennen ab hieß und 1998 unter dem Titel Die Glut herauskam, keineswegs sein bestes, aber mit weitem Abstand sein erfolgreichstes Buch. Von Italien aus trat Die Glut zum neuerlichen Triumphzug an. Es wurde, in fast allen europäischen Ländern, zum Bestseller. Seit der Die Glut ist Márai zum Begriff geworden, seitdem werden, in stetiger Folge, seine Bücher wieder herausgebracht, darunter auch die wirklich guten, etwa Die jungen Rebellen oder seine Erinnerungen, eines seiner besten Bücher überhaupt, die Bekenntnisse eines Bürgers.

Denn Sándor Márai war - ein Bürger. Ein zu spät Geborener. Doch anders als Joseph Roth, mit dem man ihn schon früh und auch gerne verglichen hat, blickte Márai nicht wehmütig zurück, sondern sah so nüchtern wie traurig nach vorn. Er beobachtete den Zerfall einer Welt, die einmal die seine gewesen war, und er beschrieb Figuren, die, wie er, jeden Halt unter dem Boden verloren hatten. Er war ein großer Psychologe, was ihm nicht nur zum Vorteil gereichte. Er hat seine Einfühlung zuweilen bis zur Perfektion gebracht und ist dabei, vielleicht sogar deshalb, so manches Mal in die seichte Unterhaltung abgerutscht.

Der eben herausgekommene Roman Die Nacht vor der Scheidung, der 1951, in gleicher, nur geringfügig überarbeiteter Übersetzung und unter gleichem Titel schon einmal auf deutsch erschienen war, zeigt beides: die enormen Fähigkeiten dieses Autors und seine unverkennbaren Schwächen.

Márai erzählt zwei mit einander verschränkte Lebensgeschichten von zwei ehemaligen Schulkameraden, die zwar nie eng miteinander verbunden gewesen, aber sich doch immer mal wieder über den Weg gelaufen waren und sich letztendlich schicksalhaft ineinander verschlungen haben.

Christoph Kömüves, ein noch jüngerer ungarischer Richter aus guter, ja bester Familie, arbeitet zur Zeit als Scheidungsrichter. Er trennt gescheiterte Ehen, obwohl es seinen konventionellen, ja konservativen Auffassungen zutiefst widerspricht. Im Büro hat er noch die Akten des kommenden Tages durchgesehen und dabei festgestellt, dass sich sein ehemaliger Schulfreund Imre Greiner scheiden lassen will. Auch Greiners Frau kennt er, zwar eher nur flüchtig, aber doch, wie sich herausstellen wird, aus einer, für das Leben aller Beteiligten, entscheidenden Begegnung. Greiner, unterdessen zu einem ebenso beliebten wie erfolgreichen Arzt geworden, stammte aus einfachen, ja ärmlichsten Verhältnissen und hatte sich, dank der Unterstützung eines Onkels, diese achtbare Position erarbeiten und die junge Anna Fazekas, aus guter, wenn auch verarmter Familie, heiraten können.

Als am schon späten Abend der Richter mit seiner Frau nach Hause kommt, meldet das Dienstmädchen, dass ein Besucher, der sich nicht abweisen ließ, auf Kömüves warte: Imre Greiner, der Arzt, dessen Scheidung für den nächsten Morgen angesetzt ist.

Greiner entschuldigt sich für den späten, nicht angemeldeten Besuch. Bittet um ein Gespräch und erklärt: "Es betrifft nämlich ein wenig auch … dich!" und sagt dann:

"Die Verhandlung kann morgen nicht stattfinden."

Der Richter will etwas erwidern, doch der Arzt fällt ihm ins Wort:

"Die Verhandlung kann nämlich morgen nicht stattfinden, weil ich heute meine Frau getötet habe."
Und dann beginnt Imre Greiner sein Leben zu erzählen, seine Herkunft, seine Entwicklung, seine Heirat, seine Ehe zu beschreiben, bis hin zu dem Augenblick, in dem ihm urplötzlich etwas klar geworden war:

"Ich richte die Zeiger der Standuhr, sie geht drei Minuten nach. In diesem Augenblick … Ach, ich kann es nicht begründen, warum, ich kann nur sagen, wie es war, auch wenn es unglaubwürdig klingt … In diesem Augenblick denke ich: All das hat keinen Sinn!"

Auf diese Diagnose hin hat Márai seinen Roman geschrieben. Eine Geschichte des Zerfalls. Im ersten, deutlich längeren Teil wird uns Christoph Kömüves, der Richter, der aus einer renommierten Juristenfamilie stammt und noch eine viel versprechende Karriere erwarten darf, vorgestellt. Korrekt, begabt, vielleicht etwas "zu pedantisch", wie ein alter Gerichtspräsident befürchtet, aber innerlich schon etwas verunsichert. Er empfindet es nicht als seine "Pflicht", "alles zu verstehen, sondern einfach nur: festzustellen." Das "große Erdbeben" nach dem ersten Weltkrieg hatte die Gesellschaft mächtig erschüttert. Kömüves sieht die nur notdürftig übertünchten Risse in den Fassaden. Er sieht also die Krise, in die das Bürgertum, seine Klasse, geraten ist. Und ganz offensichtlich war es das Bestreben Márais, die persönliche Krise seiner Figuren mit den gesellschaftlichen Erschütterungen zu verknüpfen, zu zeigen, wie die Welt aus den Angeln fällt und ihre Bewohner den Halt verlieren.. Ausführlich, ja auch umständlich, sogar betulich wird die Entwicklung des jungen Richters dargestellt, bis, weit nach Hälfte des Romans, der alte Schulfreund plötzlich auftaucht und mit seinem Bekenntnis, er habe seine Frau umgebracht, wieder Spannung in die Handlung bringt.

Wir erfahren, dass Kömüves, unmittelbar, also nur einige Tage vor seiner Verlobung, Anna Fazekas, Greiners spätere Frau, kennen gelernt hatte. Beide spürten offenbar, um das Unaussprechliche dieser Begegnung zu benennen, ‚etwas’. Doch ihre Begegnung blieb, so schien es, folgenlos. Greiner war zu dem Schulfreund gekommen, um auf eine einzige Frage Antwort zu erhalten.

"Verteidige dich nicht, dazu besteht kein Grund. Es beschuldigt dich niemand. Niemand kann dafür. Nur, ich hätte eine Frage an dich, eine einzige Frage. (…) Hast du in diesen acht oder zehn Jahren von Anna geträumt."

Greiner gesteht seiner Frau durchaus zu: "Sie liebte mich auf ihre Art, aber sie war an dich gebunden. So etwas hält man nicht für möglich – auch ich konnte es nicht glauben …"

Hier driftet nun endgültig der Roman ins Triviale ab. Die Verbindung zwischen den gesellschaftlichen Umwälzungen und der persönlichen Krise der Protagonisten wird nur behauptet, nicht gestaltet. Hinzu kommt ein fast mystischer Zug. Am Ende, Imre Greiner hat sich im Morgengrauen verabschiedet, zieht Christoph Kömüves für sich ein Resümee. "Ja, heute Nacht ist er einen weiten Weg gegangen. Man muß demütig leben, weil zwischen Einschlafen und Erwachen ein unbekannter Wille wirkt." Und er nimmt sich vor, an die Welt zu glauben und einer "Familie und einer größeren Gemeinschaft zu dienen", weil sie ihm "kostbar" ist. Amen – möchte man sagen. Nur, das wäre verkehrt. Denn so schlecht, wie er endet, ist dieser Roman weiß Gott nicht. Die psychologische Tiefenschärfe der Figuren ist beachtlich. Die Milieu-Beschreibungen sind prägnant. Und außerdem gewinnt der Roman nun hier wieder Halt. Denn Márai versteht es zu zeigen, wie der Zerfall von Normen und Lebensformen, die Erosion des "Sinns", von Konventionen aufgehalten werden kann. Es mag zwar nur die Tünche auf den Fassaden sein, aber, wie es scheint, sie hält – für ihn, den Richter. Und, vielleicht, ja auch noch für uns.

Sándor Màrai
Die Nacht vor der Scheidung
Piper Verlag, 220 S., EUR 17,90

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