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StartseiteKultur heuteLeiko Ikemura im Berliner "Haus am Waldsee"27.02.2016

Konzeptuelle MalereiLeiko Ikemura im Berliner "Haus am Waldsee"

Als Professorin für Malerei gehörte Leiko Ikemura bis zu ihrer Emeritierung vergangenes Jahr zu den prägenden und einflussreichsten Lehrpersönlichkeiten in Deutschland. Das Haus am Waldsee ehrt sie nun mit einer Einzelausstellung mit Malereien, Fotografien und Plastiken der letzten Jahre.

Von Carsten Probst

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Wenn man Leiko Ikemura früher auf ihre japanischen Wurzeln angesprochen hat, reagierte sie eher verschlossen. Sie hatte kein Interesse daran, in irgendeine Beziehung zur japanischen Kunstgeschichte, den Klischees von Fujiyama-Aquarellen und Kirschblütenstillleben gesetzt zu werden. Vor dem Hintergrund der japanischen Mitschuld am Zweiten Weltkrieg erschien ihr die westliche Kultur offener, weltläufiger, die sozialen und Geschlechterverhältnisse weniger erstarrt.

Umso mehr überrascht es, plötzlich großformatige Gemälde von ihr zu sehen, die sich offenkundig an japanischer Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts orientieren; Keramikfiguren, die vielleicht auf die japanische Keramiktradition anspielen; fotografische Stillleben von Blüten und Vasen. Die Räume im Berliner Ausstellungshaus am Waldsee sind in Metallic-Gold, Tiefblau und Weiß gehalten und scheinen die schlichten, eleganten Innenräume japanischer Paläste zu zitieren.

Beinah gestische Malereien

Doch damit beginnt für den Besucher eigentlich erst der Weg über einen wahrhaft schwierigen Grat. Denn bei genauerem Hinsehen ist in dieser Ausstellung nichts so, wie es scheint. Die Gemälde mit den japanischen Landschaften haben nichts mit der hochkontrollierten Maltradition Japans und ihren scharfen Konturen und klaren Farben zu tun. Sie sind im Gegenteil beinah gestische Malereien, wirken verwischt, die Farben in irdenen, zuweilen düsteren Tönen gehalten, ohne klare Konturen.

Überall scheint das Trägermaterial der Bilder hindurch. Die Künstlerin hat Pigment mit Öl direkt und in einem Schwung auf Jutestoff aufgetragen, der grobporig durch die Farbe hindurch scheint. Seltsame, schemenhafte Wesen lagern im Vordergrund, denen diese Landschaften wie Traumgesichte erscheinen. Diese Gestalten setzen sich in den Keramiken fort, in großen Hohlkörpern, die wie amputierte Gliedmaßen auf dem Boden liegen und wie aus der Form gezogene Kinder- oder Mädchenköpfe wirken. Wahrhaft schwarze Melancholie breitet sich in abstrakten Gesichtern aus, die als Tableau von Kohlezeichnungen in einem Seitenkabinett hängen. Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Blumenstillleben in eleganten japanischen Keramikvasen, doch die Blumen sind europäisch und sind zerrupft, geknickt und verwahrlost.

Nach vier Jahrzehnten ihres künstlerischen Lebens in Europa, dreien davon in Deutschland, kündet Ikemuras Spätwerk von einer Transformation. Sie selbst nennt es so. Die japanische Kunstgeschichte rückt wieder in den Blick, aber zurückkehren kann Ikemura nicht. Die Geschichte beider Kontinente sitzt ihr im Nacken, auch wenn sie niemals direkt in Ikemuras Werk zum Ausdruck kommt. Europäische und japanische Erfahrung lassen sich nicht vermischen, sagt sie. Aber zugleich zeugen die in Berlin ausgestellten Arbeiten von der Qual eines zerrissenen Blicks, von einem Leben mit und zwischen beiden Prägungen.

Künstlerische Mittel sparsam eingesetzt

Formen des Ausdrucks und der Wahrnehmung durchdringen sich nicht, sondern sie stoßen wie in Traumbildern aneinander zu einem Gefühl der Weltfremdheit. So ist Ikemuras Werk unvermittelt zu einer berührenden, überaus sinnlichen Suche nach Antworten geworden, wo sie als Künstlerin tatsächlich Ausdruck finden kann. Sie forscht in atavistischen Bildtypen, schnellen, notathaften Zeichnungen ebenso wie sorgsamen Setzungen von Skulpturen und Malerei im Raum. Philosophische, transzendente Fragen sollen die kulturellen Grenzen überwinden: Die Trauer über den Tod der eigenen Mutter; der epochale Schrecken über die Katastrophe in Fukushima; sie lassen Figuren und Landschaften zu einem versammelten Memento Mori werden. Die bewusst eingesetzte Sparsamkeit ihrer künstlerischen Mittel signalisiert dem Betrachter, dass Kunst sich als einfache, elementare Geste verstehen lässt und dass darin für beide, für die Künstlerin und für den Betrachter, ein tröstlicher Gedanke liegen kann im Angesicht einer ziemlich wilden Gegenwart.

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