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StartseiteInterview"Man macht zu viele faule Kompromisse" 27.10.2016

Konzert-Absage in der Türkei"Man macht zu viele faule Kompromisse"

Das Auswärtige Amt hat eine Aufführung der Dresdner Sinfoniker über den Völkermord an den Armeniern gestoppt. Die SPD-Politikerin Lale Akgün zeigte für die Absage des Konzerts im deutschen Generalkonsulat in Istanbul kein Verständnis. Das sei ein "Entgegenkommen an der falschen Stelle", sagte sie im Deutschlandfunk.

Lale Akgün im Gespräch mit Sandra Schulz

Die nordrhein-westfälische SPD-Politikerin Lale Akgün (imago )
Die nordrhein-westfälische SPD-Politikerin Lale Akgün (imago )
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Das Konzert hätte ein weiterer Schritt sein können, die Wunden der Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Kunst- und Kulturfreiheit im Land werde immer weiter eingeschränkt – mit der Aufführung der Dresdner Sinfoniker hätte man ein Zeichen setzen können, so Akgün.

An staatlichen Bühnen in der Türkei würden seit Beginn der Theatersaison keine ausländischen Autoren mehr gespielt. Nur noch Stücke türkischer Autoren, die "mit der türkischen Nation übereinstimmen", schafften es auf die Bühnen des Landes. Kunst und Kultur in der Türkei würden mittlerweile immer mehr als "entartete Kunst" angesehen. Nicht alle Menschen in der Türkei seien mit den Grenzen der Kulturfreiheit einverstanden – denen hätte man mit dem Konzert eine Unterstützung anbieten können.

Die türkische Regierung verstehe zurzeit unter Kunst-und Kulturfreiheit ein "osmanisches Disneyland". Sicherheitsbedenken, die unter anderem zur Absage des Konzerts geführt hatten, weist Akgün zurück. "Jeder Mensch, der sich gegen die Regierung äußert, ist gefährdet." Man mache da "zu viele faule Kompromisse".


Das Interview in voller Länge:

Sandra Schulz: War das eine gezielte Provokation, naiv oder einfach transparent? Es solle um die Aufarbeitung der schmerzvollen armenisch-türkischen Geschichte gehen, hieß es in der Einladung, die unter anderem an den türkischen Präsidenten Erdogan ging: Die Einladung zu einer Aufführung der Dresdener Sinfoniker in Istanbul. Gegeben werden sollte im Kaisersaal des deutschen Generalkonsulats das Stück "Aghet", das sich, um es mit dem Bundestag zu sagen, mit dem Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich beschäftigt. Die Einladung hatten die Sinfoniker dem türkischen Präsidenten auf eigene Faust geschickt. Was auch immer ihr Motiv war, das kann und wird offen bleiben, denn das Konzert fällt aus. Die Mitteilung aus dem Auswärtigen Amt war, die Räumlichkeiten des Generalkonsulats in Istanbul stünden nicht zur Verfügung. In der Mitteilung steht nichts von dem hoch schwierigen Verhältnis zwischen Berlin und Ankara, über die türkische Verstimmung angesichts der Armenien-Resolution im Bundestag im Sommer, oder über die Grenzen der Kunstfreiheit, und über all das wollen wir aber in den kommenden Minuten sprechen. Am Telefon ist die SPD-Politikerin und frühere Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. Guten Morgen!

Lale Akgün: Guten Morgen.

Schulz: Verstehen Sie, dass das Auswärtige Amt seine Räumlichkeiten für die Aufführung von "Aghet" nicht zur Verfügung gestellt hat?

Akgün: Nein, das verstehe ich nicht, weil ich glaube, das ist Entgegenkommen an der falschen Stelle. Wenn man sich die Einladung noch mal anschaut, wo es ja auch darum geht, die Wunden der Vergangenheit aufzuarbeiten und die Meinungs- und Kunstfreiheit zu thematisieren, dann kommen zwei Dinge zusammen, an denen wirklich hätte gearbeitet werden müssen.

"Sicherheitsprobleme gibt es in der Türkei wahrscheinlich im Moment an jeder Ecke"

Schulz: Aber die "Süddeutsche Zeitung", die zitiert einen Diplomaten mit den Worten, faule Eier an der Fassade, die wären unser geringstes Problem gewesen. Das ist die Andeutung eines auch schwerwiegenden Sicherheitsproblems. Ist es da nicht nachzuvollziehen, dass es jetzt diese Absage gab?

Akgün: Wissen Sie, Sicherheitsprobleme gibt es in der Türkei wahrscheinlich im Moment an jeder Ecke. Aber es gibt noch ein weiteres Problem, nämlich dass die Kunstfreiheit und Kulturfreiheit immer mehr eingeschränkt wird, und an der Stelle hätte man ein Zeichen setzen können. Sie müssen sich vorstellen, dass seit dem 4. Oktober, seit Beginn der neuen Theater-Saison an türkischen staatlichen Bühnen keine ausländischen Autoren mehr gespielt werden dürfen, nur noch türkische Autoren, die mit der türkischen Moral und Nation übereinstimmen. Sie müssen sich vorstellen, dass der Oberbürgermeister von Ankara, Melih Gökcek, Ballett als obszön bezeichnet und sagt, es wäre ein Schauen zwischen die Beine. Wir kommen immer mehr in eine Richtung, in der Kunst und Kultur in der Türkei, um das Wort zu benutzen, als entartete Kunst angesehen werden, und da hätte doch so eine Musikaufführung etwas dagegensetzen können.

Schulz: Frau Akgün, Sie schildern etwas, was sicherlich hier in Deutschland viele Menschen nicht verstehen können, zumal sich uns die Nackenhaare sträuben, wenn wir die Formulierung von der entarteten Kunst hören. Aber definieren wir hier in Deutschland die Grenzen der Kunstfreiheit in der Türkei?

Akgün: Sie müssen sich vorstellen, dass in der Türkei nicht alle Menschen mit den Grenzen der Kulturfreiheit einverstanden sind. Sie hätten denen eine Unterstützung angeboten, die für Kunst- und Kulturfreiheit sind. Die türkische Regierung versteht im Moment ja unter Kunst- und Kulturfreiheit so ein, ich sage mal, Disneyland osmanisches Reich. Sie wollen die Kunst und Kultur so darstellen oder so gestalten, wie es die Osmanen gemacht haben, was übrigens auch völlig falsch ist, denn das osmanische Theater wurde unter anderem von einem Armenier Gül Agop gegründet. Nicht mal das wissen sie. An der Stelle muss man ganz deutlich sagen, sind gerade die Menschen in der Türkei, die sich für Kunst und Kultur einsetzen, mundtot gemacht worden.

"Ich finde, man macht zu viele faule Kompromisse"

Schulz: Frau Akgün, aber wenn ich mir das Szenario fiktiv vorstelle, wenn es zu dieser Aufführung gekommen wäre, die Sinfoniker hätten wahrscheinlich gefühlt mit einer Hundertschaft Personenschützer anreisen müssen. Wäre das die Atmosphäre für eine künstlerische historische aufklärerische Diskussion gewesen, wie wir sie uns wünschen?

Akgün: Sie gehen immer wieder auf diesen Sicherheitsaspekt ein. Ich glaube, dass im Moment in der Türkei jeder, jeder Mensch, der sich gegen die Regierung äußert, gefährdet ist. Es wäre auch ein Zeichen vor diesen Menschen gewesen, so etwas trotzdem aufzuführen. Ich finde, man macht zu viele faule Kompromisse, wenn es um die Türkei geht, Stichwort Flüchtlingspolitik, und sieht nicht, wie sich eigentlich Stück für Stück in der Türkei das Netz der Diktatur zusammenzieht.

Schulz: Aber es ist ja nicht nur der türkische Präsident Erdogan, der mit dem Begriff Völkermord an den Armeniern nicht nur ein großes Problem hat, sondern das sogar als beleidigend sieht, was sicherlich auch für sehr viele Türken gilt. Ist das eine Art der Auseinandersetzung, diese Menschen massenhaft vor den Kopf zu stoßen?

"So eine Aufführung ist ja auch kein Massenphänomen"

Akgün: Sie müssen sich vorstellen, so eine Aufführung im deutschen Generalkonsulat in Istanbul ist ja auch kein Massenphänomen. Das wird ja nicht im Fernsehen übertragen. Das wäre eine Eliten-Kunstvorstellung gewesen. Es wären auch wirklich nur Menschen da hingekommen, die Interesse gehabt hätten. Aber natürlich hätten bestimmte Zeitungen empört berichtet. Aber wissen Sie, wenn das so ist, dann kann man sagen, wir geben die Türkei auf. Alles andere, was man im Moment sagt, wir wollen den Faden nicht abreißen lassen, wir wollen die Menschen unterstützen, die im Moment unterdrückt werden, wo bleibt denn das dann?

Schulz: Die SPD-Politikerin und frühere Bundestagsabgeordnete Lale Akgün zum Schluss unseres Gesprächs mit einer Gegenfrage. Ganz herzlichen Dank für das Interview heute Morgen hier bei uns im Deutschlandfunk.

Akgün: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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