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StartseiteSpielweisenMusik zum Hören - oder Sehen?01.02.2017

Konzert-DVDsMusik zum Hören - oder Sehen?

Opulente Opernaufführungen entfalten in Bild und Ton eine besonders starke Wirkung. Aber gilt das auch für Konzertaufnahmen auf DVD? Ein Blick auf zwei neue Beethoven-Produktionen zeigt die Vor- und Nachteile des Mediums.

Von Marcus Stäbler

Der Dirigent Herbert Blomstedt 2006 während einer Probe in der Philharmonie in Köln (picture-alliance / dpa / Hermann Wöstmann)
Dirigiert Beethovens Neunte auf DVD: Herbert Blomstedt (picture-alliance / dpa / Hermann Wöstmann)

Musik: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 2

Der Dirigent Leon Fleisher ist ein echter Blickfang; mit seinem vollen grauen Haar und dem olivfarbenen Teint hebt er sich von der dunklen Umgebung ab. Er sitzt ganz nahe beim Orchester. Die Kommunikationswege zwischen ihm und der Kammerphilharmonie Amadé sind kurz, deshalb muss Fleisher gar keine großen Gesten machen. Ein kurzer Blick in Richtung Flöte reicht als Einsatz völlig aus – und wenn Beethovens Musik etwas energischer wird, neigt Fleisher leicht den Kopf nach vorn und runzelt die Stirn, um den Charakterwechsel anzudeuten.

Musik: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 2

Blick ins Geschehen

Schon in der Orchestereinleitung zu Beethovens zweitem Klavierkonzert rückt der Zuschauer hinein ins Geschehen. Spannend, die Interaktion zwischen Dirigent und Orchester genau zu verfolgen. So nahe wie hier, in der 2014 entstandenen Konzertaufnahme aus der Zeche Zollverein in Essen, kommt man den Musikern im Saal selbst normalerweise nicht. Beim Einsatz des Klaviers schauen wir der Pianistin Margarita Höhenrieder buchstäblich auf die Finger.

Musik: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3

"Mittendrin statt nur dabei", lautete der Werbespruch eines deutschen Sportsenders im Fernsehen – er gilt auch als Motto für einen Großteil klassischer Konzertfilme, die der musikalischen Aktion durchs Orchester folgen wie einem Spielball auf dem Fußballfeld. Aber immer nur die Instrumente heran zu zoomen, die gerade das Thema haben, wäre auf Dauer eintönig. Deshalb beschränken sich erfahrene Konzertfilmregisseure wie Ute Feudel natürlich nicht darauf, den Motiven und Soloauftritten hinterher zu hecheln. Sie wechseln die Perspektive, umkreisen das Orchester oder zeigen die Musiker in Nahaufnahme.

Musik: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3

Kehrseite der Bilder

Das kann spannend sein, wenn sich etwa die emotionale Beteiligung der Interpreten im Gesichtsausdruck spiegelt. Aber diese Nähe hat auch eine Kehrseite. Wenn die Kamera frontal an die damals 58-jährige Pianistin Margarita Höhenrieder heran fährt, sieht man eben nicht nur ihren konzentrierten Gesichtsausdruck, sondern unweigerlich auch die gerötete Haut am Hals und im Dekolleteebereich. Ist sie gestresst? Man registriert vielleicht leichte Ringe unter den Augen und fängt an, über ihr Alter nachzudenken, ohne es zu wollen.

Musik: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3

Natürlich ist das alles vollkommen menschlich, aber es fühlt sich zu privat an, einer Interpretin so auf die Pelle zu rücken – und es verstärkt die Wirkung der Musik auch überhaupt nicht, sondern lenkt von ihr ab. Dabei sollte das Entscheidende doch sein, wie fein die Pianistin hier sangliche Linien und dynamische Nuancen formt, wie sie Beethovens Phrasen gemeinsam mit Leon Fleisher atmen und erblühen lässt – ob nun im zweiten Beethoven-Konzert oder im dritten, das die beiden 2015, also ein Jahr später, mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn aufgeführt haben. Auch dort gelingt ihnen eine lebendige und wunderbar organische Interpretation.

Musik: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3

Mit Fleisher verbindet Margarita Höhenrieder eine langjährige künstlerische Beziehung. Der große amerikanische Pianist und Dirigent war ihr Lehrer, als sie während der 80er Jahre in Baltimore studierte. Von seinem Einfluss und seinen musikalischen Ideen hätte man gern noch mehr erfahren als im kurz geratenen Bonusfilm auf der DVD, der Interviewschnipsel und Probenausschnitte mit viel Musik auf 17 Minuten streckt, aber dabei die spannenden Fragen offen lässt – auch die ganz entscheidende danach, wie man der Musik Form und eine unwiderstehliche Logik geben kann. Hier verschenkt die Produktion eine dicke Chance, die eine DVD eigentlich bietet. Auch deshalb hinterlässt die Aufnahme der beiden Beethoven-Klavierkonzerte einen etwas zwiespältigen Eindruck – obwohl sie wunderbar musiziert ist und die Kommunikation zwischen Dirigent und Orchester sehr schön einfängt.

Musik: Beethoven, Sinfonie Nr. 9

Schörkelloses Sylvesterkonzert

Die zweite aktuelle Beethoven-DVD verzichtet gleich ganz auf Zusatzmaterial. Sie beschränkt sich auf einen gut 70-minütigen Konzertmitschnitt aus dem Leipziger Gewandhaus vom 31.12. 2015. Damals dirigierte Herbert Blomstedt eine Aufführung von Beethovens neunter Sinfonie.

Musik: Beethoven, Sinfonie Nr. 9

Die Aufnahme dokumentiert ein geradezu blindes Verständnis zwischen dem Gewandhausorchester und seinem Ehrendirigenten. Herbert Blomstedt weiß, dass er sich auf den Klangkörper verlassen kann. Er verzichtet auf einen Taktstock und formt den Klang und die Spannungsbögen der neunten Sinfonie mit bloßen Händen und einer Mimik, die von seinen ausdruckvollen Augenbrauen dominiert wird. Alles, was Blomstedt macht, wirkt ganz natürlich und uneitel, ob er Einsätze mit einem kleinen Fingerzeig andeutet, weiche Bläserpassagen kurz mit geschlossenen Augen genießt oder doch einmal die Arme zu einer großen Geste ausbreitet, um einen majestätischen Akkord zu umarmen.

Musik: Beethoven, Sinfonie Nr. 9

Besondere Aura

Ute Feudel, dieselbe Regisseurin wie bei der anderen Beethoven-Produktion, fängt die besondere Aura von Blomstedts Dirigat sensibel ein. Man spürt eine tiefe Liebe zur Musik und sein Vertrauensverhältnis zum hellwachen Orchester, das ihm jeden Wunsch von den Augen abliest und hinreißend spielt. Durch die größere Besetzung und den größeren Saal hat die Autorin hier mehr Variationsmöglichkeiten für ihre Bilder, sie wahrt etwas mehr Distanz zu den Musikern und bleibt gerade deshalb näher bei der Musik. Darum gibt es auch nur ganz wenige Momente der Irritation – etwa wenn Herbert Blomstedt bei Steigerungen die Backen aufbläst oder der Tenor Christian Elsner beim Singen die Unterlippe extrem weit aufklappt und nach vorne schiebt.

Musik: Beethoven, Sinfonie Nr. 9

Solche Details hätte man nicht unbedingt aus der Nähe sehen müssen. Aber sie bleiben die absolute Ausnahme. Insgesamt konzentriert sich der Film auf das Wesentliche; er lässt den Zuschauer an einer packenden Aufführung Teil haben, die im Chorfinale eine mitreißende Wucht entfaltet. Hier hat die DVD tatsächlich einen Mehrwert gegenüber der CD  – weil es dem Film gelingt, den Geist des Konzerts auch optisch einzufangen und abzubilden.

Musik: Beethoven, Sinfonie Nr. 9

Ludwig van Beethoven
Klavierkonzerte Nr. 2 und 3
Leon Fleisher, Margarita Höhenrieder, Kammerphilharmonie Amade, Württembergisches Kammerorchester Heilbronn
Accentus 5168825

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 9
Simona Saturova, Mihoko Fujimura, Christian Elsner, Christian Gerhaher, MDR Rundfunkchor, GewandhausChor und -Orchester Leipzig
Leitung: Herbert Blomstedt
Accent 4481739

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