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StartseiteDie neue PlatteKonzert klassisch02.06.2011

Konzert klassisch

Historische Live-Aufnahmen von Gould und Rostropowitsch

Um historische Live-Aufnahmen mit Mstislaw Rostropowitsch und Glenn Gould geht es in der heutigen Sendung, um Einspielungen, die für Kenner und Sammler von besonderem Interesse sind, denn die meisten dieser Tondokumente erscheinen jetzt zum ersten Mal auf einem kommerziellen Tonträger. Am Mikrofon begrüßt Sie dazu Norbert Hornig.

Von Norbert Hornig

Der kanadische Meisterpianist Glenn Gould am 15. Mai 1959 in London (AP Archiv)
Der kanadische Meisterpianist Glenn Gould am 15. Mai 1959 in London (AP Archiv)

Eine echte Rarität ist der Mitschnitt sämtlicher Suiten für Violoncello Solo von Johann Sebastian Bach mit Mstislaw Rostropowitsch vom Festival "Prager Frühling" 1955. Er ist jetzt in einer Koproduktion mit dem Tschechischen Rundfunk auf dem Label Supraphon erschienen.

J. S. Bach
Suite für Violoncello solo Nr. 1 G-Dur BWV 1007
6. Gigue
CD 1 Track 06
Dauer: 1:42
Mstislaw Rostropowitsch (Violoncello)
LC 00358 Supraphon SU 4044-2


Lange Zeit wurden die Suiten für Violoncello solo von Johann Sebastian Bach als Studienliteratur angesehen, erst mit Pablo Casals eroberten sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch das Konzertpodium und gehören seitdem zum eisernen Bestand der Celloliteratur. Kein Cellist kann diesem Werkzyklus ausweichen, so schwierig er auch sein mag. Rostropowitsch bezeichnete ihn einmal als die "Bibel" der Cellisten. Sein Respekt vor Bach war so groß, dass er erst 1991, im Alter von bereits 65 Jahren, eine Studioaufnahme in Angriff nahm. Das lange Zögern begründete er damals so:

"Ich bin sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, Bach aufzunehmen. Weil Bach wie der Himalaja, wie der Mount Everest ist. So ein Riesenberg. Wenn ich dabei wirklich etwas falsch machen würde, könnte ich mir das nicht verzeihen. Deshalb muss das Maximum geben, alles, wozu ich in der Lage bin."

Rostropowitsch starb 2007. Es ist Spekulation, ob die jetzt erstmals veröffentlichte Live-Aufnahme vom Festival "Prager Frühling" 1955 seinen hohen Ansprüchen, wie er sie vierzig Jahre später formulierte, genügt hätte. Verehrer des großen Cellisten werden diese Aufnahme jedoch mit Freude als eine sensationelle Entdeckung begrüßen, spielt der hier gerade einmal 28-Jährige doch mit einer Unbefangenheit, die keinerlei ängstlichen Respekt vor der Größe dieser Musik erkennen lässt:

J. S. Bach
Suite für Violoncello solo Nr. 2 D-moll BWV 1008
3. Courente
CD 1 Track 09
Dauer: 1:48
Mstislaw Rostropowitsch (Violoncello)
LC 00358 Supraphon SU 4044-2


Rostropowitsch lernte die Cellosuiten von Johann Sebastian Bach bereits im Cellounterricht bei seinem Vater kennen. Als Student am Moskauer Konservatorium feilte er weiter an seiner Interpretation und spielte schließlich einige Suiten in öffentlichen Konzerten. Sein Lehrer Semjon Kozolupow war begeistert und schrieb voller Anerkennung:

"Wunderschön spielte er die Fünfte Suite, eine der schwierigsten und in der Interpretation kompliziertesten. Ich spürte, dass Mstislaw fähig war, Stil, Form und Inhalt dieses bemerkenswerten Bachschen Werkes auszudrücken."

1951 schließlich wagte sich der junge Rostropowitsch an eine komplette Aufführung der Suiten an zwei Abenden. Im Publikum saß auch der renommierte Kritiker Lev Ginzburg, der sein Spiel treffend so umschreib:

"Die Züge von Rostropowitschs Interpretation - die markanten Melodielinien, die klare Führung der Stimmen, der Reichtum in Timbre und Melodik, das Gefühl für die Form und die lebhaften rhythmischen Elemente - trugen zu einer tiefen und wahrhaften Aneignung des Inhaltes der Musik Bachs bei."

Fast könnte man meinen, Ginzburg hätte hier eine Rezension der Aufnahme vom "Festival Prager Frühling" 1955 vorausgenommen:

J. S. Bach
Suite für Violoncello solo Nr. 5 C-moll BWV 1011
2. Allemande (Ausschnitt)
CD 2 Track 08
Dauer: 1:30
Mstislaw Rostropowitsch (Violoncello)
LC 00358 Supraphon SU 4044-2


Mstislaw Rostropowitsch war ein Musiker, der den Kontakt zu seinem Publikum suchte. Auf dem Podium war er ganz in seinem Element und wuchs, zuweilen vor Temperament überschäumend, über sich hinaus. Ganz im Gegensatz zu seinem Pianistenkollegen Glenn Gould, der nach Jahren des Konzertierens eine immer größere Distanz zum Publikum aufbaute. 1964, im Alter von 31 Jahren, zog er sich schließlich ganz vom Konzertpodium zurück, um sich künstlerisch in der abgeschlossenen Welt des Schallplattenstudios zu verwirklichen. Dort, wo über die moderne Aufnahmetechnik alles kontrollierbar war, fühlte er sich wohlsten. Geradezu verächtlich blickte er nach der Flucht aus dem öffentlichen Musikleben auf seine frühere Konzerttätigkeit zurück:

"Ich glaube, ich wollte nie wirklich Konzerte geben. Ich dachte, das sei etwas, wo man einfach nur durch musste. Etwas, was man tun musste, wenn man sich zu etablieren wollte...mir schien das nicht sehr produktiv zu sein... Man spielt immer dieselben abgenutzten Stücke, die man auch schon aufgenommen hat. Und man betrügt - man versucht mit so wenig Arbeit wie möglich durchzukommen und spielt alles irgendwie gleich. Und es setzt ein ungeheurer Verlust an Fantasie ein, es gibt keine Notwendigkeit mehr, besonders auf die Imagination zu vertrauen. Und man wird sehr schnell alt. Es ist ein schreckliches Leben."

Ohne Frage: Diese radikal klingenden Äußerungen machen Konzertmitschnitte von Glenn Gould nur noch interessanter und begehrenswerter. Jetzt hat das kanadische Label "West Hill Radio Archives" eine Box mit sechs CDs herausgebracht, die ausschließlich Live-Aufnahmen des Pianisten enthält, viele davon, insgesamt fast fünf Stunden Musik, sind Erstveröffentlichungen.

Die Edition "Glenn Gould in Concert" ist die bislang umfangreichste Dokumentation des Pianisten in Live-Aufnahmen, die zwischen 1951 und 1960 entstanden. Sie bildet wesentliche Teile seines Repertoires ab, von Bach, Mozart, Beethoven und Brahms angefangen bis hin zu Schönberg, Webern und Krenek.

Es ist auch faszinierend zu hören, mit welcher unglaublichen Brillanz Glenn Gould als 18-jähriger Highschool-Student Carl Maria von Webers Konzertstück op. 79 spielte, ein Werk, das er nur auf Wunsch seines Klavierlehrers einstudiert hatte und nur einmal öffentlich aufführte - 1951 mit dem Toronto Symphony Orchestra:

Carl Maria von Weber
Konzertstück op. 79 (Ausschnitt)
Glenn Gould (Klavier)
Toronto Symphony Orchestra
Leitung: Ernest MacMillian
CD 4 Track 07
Dauer: 3:07 - Applaus
LC 11637 WHRA 6038 (6 CDs)


Das Konzertstück op. 79 von Carl Maria von Weber ist nur ein markantes Beispiel dafür, wie charismatisch und mitreißend Glenn Gould als Live-Interpret auf dem Podium wirkte. Diese legendäre Aufnahme des kanadischen Rundfunksenders CBC ist in Sammlerkreisen bestens bekannt.

Zu den Novitäten der Edition "Glenn Gould in Concert" gehören u. a. Aufnahmen von Bachs "Goldberg-Variationen" und von Joseph Haydns Klaviersonate Nr. 49 vom Vancouver Festival 1958, eine Aufnahme von Mozarts Klavierkonzert Nr. 24 mit dem New York Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Leonard Bernstein von 1959 oder der Live-Mitschnitt von Beethovens fünftem Klavierkonzert mit dem Buffalo Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Josef Krips vom Juni 1960. Das Werk gehörte nicht zu Glenn Goulds Favoriten, er spielte es nur selten und suchte die Gründe dafür bei Beethoven. So sei etwa der dritte Satz besonders "pedantisch" und "uninspiriert" komponiert, äußerte er einmal einem Freund gegenüber. In der Aufnahme mit Josef Krips, die übrigens zu den klangtechnisch besten der Edition gehört, zeigt sich Gould jedoch ganz und gar nicht uninspiriert von Beethovens Musik, im Gegenteil:

Ludwig van Beethoven
Aus: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op.
3. Satz (Rondo: Allegro)(Ausschnitt)
Glenn Gould (Klavier)
Buffalo Philharmonic Orchestra
Leitung: Josef Krips
CD 4 Track 03
Dauer: 2:26
LC 11637 WHRA 6038 (6 CDs)



Klassiker wie Beethovens fünftes Klavierkonzert bilden in der Edition "Glenn Gould in Concert" den Gegenpol zur Musik des 20. Jahrhunderts, namentlich zu Schönberg, Webern und Krenek, denen die sechste CD gewidmet ist.

Schon als Klavierstudent war Gould von Neuer Musik fasziniert, er besaß die außergewöhnliche Fähigkeit, selbst hochkomplexe musikalische Strukturen verständlich darzustellen.

Auch in seinen Konzerten setze Gould immer wieder Werke des 20. Jahrhunderts auf das Programm, mit Vorliebe Stücke von Schönberg und Webern. Auf seiner ersten Tournee nach Übersee 1957 hatte Gould u. a. die dritte Klaviersonate von Ernst Krenek im Gepäck. Er bezeichnete das Werk einmal "als eines der prächtigsten Beispiele der zeitgenössischen Klavierliteratur". Die Live-Aufnahme der Sonate aus dem Konservatorium in Leningrad gehört zu den raren Erstveröffentlichungen der Edition "Glenn Gould in Concert".

Auch wenn die Klangqualität sich nicht auf der Höhe der damaligen Zeit befindet, dürfte dieser Live-Mitschnitt ein Leckerbissen für Gould-Enthusiasten sein:

Ernst Krenek
Aus: Klaviersonate Nr. 3
3. Satz (Scherzo)
Glenn Gould (Klavier)
CD 6 Track 29
Dauer: 1:21
LC 11637 WHRA 6038 (6 CDs)


Die Neue Platte im Deutschlandfunk. Heute stellten wir Ihnen Veröffentlichungen aus dem Bereich "Historische Aufnahmen" vor, die bei Supraphon und beim "Label West Hill Radio Archives" erschienen sind. Die Sendung ging zu Ende mit dem Scherzo aus der Klaviersonate Nr. 3 von Ernst Krenek, einem Live-Mitschnitt mit Glenn Gould aus dem Leningrader Konservatorium vom Mai 1957.

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