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StartseiteMusikjournalStart zum Projekt Mekomot in Stavenhagen20.10.2015

KonzertreiheStart zum Projekt Mekomot in Stavenhagen

Das Konzertprojekt Mekomot will Orte vergessenen und neuen jüdischen Lebens aufspüren und ins Bewusstsein zurückholen - mit neuer Musik. Fünf Werke junger Komponistinnen und Komponisten jüdischer Herkunft, kombiniert mit liturgischen Gesängen, sollen alte und neue Synagogen zum Klingen bringen. Die Konzertreihe bereist rund 20 jüdische Gotteshäuser in mehreren Bundesländern, Polen und Litauen. Erste Station war Stavenhagen in Mecklenburg Vorpommern, wo die historische Synagoge zurzeit eine Baustelle ist.

Von Magdalene Melchers

Die jüdische Synagoge in Stavenhagen (Mecklenburg-Vorpommern), aufgenommen am 15.10.2015. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Die jüdische Synagoge in Stavenhagen (Mecklenburg-Vorpommern), aufgenommen am 15.10.2015. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
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Sarah Nemtsov: "Ich habe die Komponisten angesprochen als jüdische Komponisten für dieses Projekt zu schreiben und habe auch schon bewusst ästhetisch sehr unterschiedliche Kollegen angesprochen, in der Hoffnung, dass etwas sehr spezielles und unterschiedliches herauskommt. Ich bin sehr glücklich weil sich alle Komponisten auf ihre Weise sehr, sehr tief mit dem Thema beschäftigt haben."

Die Komponistin Sarah Nemtsov erlebte als Kind die Wiederbegründung der jüdischen Gemeinschaft in Oldenburg. Mit dem Projekt Mekomot - Orte lenkt sie vorrangig auf die Synagogen Aufmerksamkeit, die nach der Schoa bis heute nur noch Erinnerungsorte sind. Musik ist im jüdischen Gottesdienst ein zentrales Element und das Projekt Mekomot bringt alte jüdische Gesänge im Wechsel mit zeitgenössischen Kompositionen in Synagogen.

"Ich bin sehr glücklich weil sich alle Komponisten auf ihre Weise sehr, sehr tief mit dem Thema beschäftigt haben."

Die Besetzung der Werke übersetzt das biblische in ein heutiges Instrumentarium. Anstelle von Laute, Leier und Trommel erklingen E-Gitarre, Harfe und Schlagzeug. Doch ein archaisches Instrument ertönt bis heute in Synagogen und beim Projekt Mekomot, sagt der Trompeter Damir Bacikin:

"Das einzige Instrument, das seit biblischen Zeiten bis heute besteht, ist das Widderhorn."

Damir Bacikin spielt mit namhaften Ensembles für Neue Musik, in Theatern wie dem Berliner Ensemble oder in Jazz Formationen.

"Dieses Mal bei dem Mekomot-Projekt benutzen wir die Schofar in der Form, ich kann sagen in einer zeitgenössische Funktion, wo ich auch ganz viel zeitgenössische Artikulationen biete, dafür benutze ich die Trompete und auch mit der Schofar verbinden kann, das heißt, der Kontakt war zunächst ziemlich minimalistisch und jetzt haben wir das ganze Niveau entwickelt und alles, was ich mit dem Trompetenspiel benutze."

So scheint Musik sowie der Klang der Instrumente erhaben über Zerstörungen.

Sarah Nemtsov: "Ja, einerseits ja, andererseits nein und darum geht es jetzt hier auch in dem Projekt zum Beispiel, denn wir haben auch alte traditionelle Gesänge, jüdische Gesänge drin und auch dort gibt es zum Beispiel Traditionen, die einfach verloren wurden. Zum Teil an bestimmten Orten wurden von Kantoren bestimmte Melodien komponiert und eingebracht. Gesänge, die an den Ort gebunden sind, die auch zum Teil mit der Region zu tun haben, so etwas ist durch die Pogrome, durch die Verfolgung, durch die Vernichtung und Zerstörung auch verloren gegangen."

Assaf Levitin: "Es ist Ashrei was ich gesungen habe mit den Komponisten, sie sind fast ausnahmslos ohne jeglichen Background."

Kantor Assaf Levitin stellt seine Stimme souverän in den Dienst liturgischer Lieder im Wechsel zu fünf Uraufführungen. Am vergangenen Wochenende erfüllte die Synagoge in Stavenhagen im Müritz-Gebiet erstmalig nach der Schoa wieder Musik.

Israelis, wenn sie nicht religiös sind, dann gehen sie nie in die Synagoge und die meisten Komponisten sind solche. Sie hatten heute beim Frühstück Bedenken geäußert, ob sie das überhaupt machen sollen, ob das ehrlich sein wird und ich habe gesagt, wisst ihr, das ist eigentlich kein richtiger Bestandteil vom Gebet, dieses Ashrei, das Gebet beginnt mit einem anderen Text, das ist ein Vorgebet und insofern kann man das machen und bei allen Religionen gibt es zum Beispiel die Psalmen. Und danach kamen zwei Komponisten zu mir, das fühlt sich sehr gut an, das ist ein Teil von mir und ich habe gesagt, ihr wisst gar nicht, wie sehr das ein Teil von euch ist. Das ist eine Art, als ob man sich erinnert und nicht, als ob man das zum ersten Mal lernt.

Der in Israel geborene und seit 2003 in Berlin lebende Komponist Eres Holz schrieb für das Projekt Mekomot ein Kaddisch - eines der wichtigsten jüdischen Gebete.

"Ich habe mich auch gefragt, bevor ich das Stück komponiert habe, wie gehe ich damit um, will ich jetzt in die Zukunft schauen oder hineinvertiefen in die Gefühle, in den Verlust und das zelebrieren, diesen Schmerz. Es war eine schwere Entscheidung und dann musste ich für das Morbide transzendieren.

Es explodiert bei mir die große Frage der Identität. Wenn ich glauben würde, wenn ich mich jetzt entscheide, ich glaube wieder an Gott, wie kann ich es überhaupt tun, nach so einem Ereignis. Diese Mekomot, diese Orte, sie provozieren in gewisser Weise solche Fragen."

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