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StartseiteBüchermarktKoreanische Literatur. Ein Radio-Essay28.10.2002

Koreanische Literatur. Ein Radio-Essay

Wer denkt, dass die Welt der gedruckten Bücher mit Gutenberg ihren Anfang nahm, der wird in Korea eines besseren belehrt. Denn dort, in dem kleinen asiatischen Staat, der hierzulande noch immer im Schatten des großen chinesischen Bruders steht, wurde die erste metallene Buchstabentype erfunden, und das 200 Jahre vor dem 'Mann des Jahrtausend' aus Mainz. Voller Stolz verweist das Land demnach auf die lange und reiche Überlieferung seiner literarischen Schätze; und das umso mehr, da noch die heutigen Autoren dort so populär wie öffentlich einflussreich sind.

Claudia Kramatschek

In Deutschland ist von diesem literarischen Schatz noch immer nur ein Bruchteil zu entdecken - und das, obwohl die deutsche Literatur im Gegenzug in Korea auf große Beachtung stößt. Dies Ungleichgewicht aber soll sich ändern, wenn es nach dem Willen und Wagemut zweier Kleinverlage geht, die bereits seit ein paar Jahren koreanischen Autorinnen und Autoren vornehmlich der Gegenwart einen festen Platz in ihrem Programm einräumen. 25 Titel sind mittlerweile lieferbar in der kleinen ostfriesischen Edition Peperkorn; alleine 12 Bände sind der Lyrik gewidmet, die in Korea einen hohen Stellenwert einnimmt, daneben gibt es Romane und Erzählungen, aber auch literaturwissenschaftliche und kulturhistorische Abhandlungen sowie Bücher zum koreanischen Sprachunterricht. Auf Prosa und Lyrik ausgerichtet ist dagegen die sogenannte Edition Moderne koreanische Autoren, die der in Bielefeld ansässige Pendragon Verlag 1998 initiierte und die nunmehr 14 Titel umfasst. Einladung genug, so sollte man denken, um auf Entdeckungsreise zu gehen und erste Bekanntschaft zu schließen mit einem literarisch - und kulturellem fremden Terrain, so Günter Butkus, der Verleger des Pendragon Verlages:

Man liest sie natürlich wie jeden anderen Roman erst einmal, weil es auch gute Geschichten sind und die koreanischen Autoren auch gute Erzähler sind. Aber trotzdem ist das Leben, was dort beschrieben wird, uns und vor allem auch die Denkweise und auch die gesellschaftlichen Normen, die da noch bestehen, das ist uns sehr fremd. Das können wir erst einmal vielleicht nicht nachvollziehen. Aber das ist ja dann auch das Überraschende: weil (..) so findet über die Literatur ja dann auch ein Kulturaustausch statt.

Für diesen Kulturaustausch aber, der Einblick erlaubt in die Denk- und Lebensweisen des koreanischen Alltags, ist umso mehr gesorgt, da das literarische Schaffen des Landes untrennbar verknüpft ist mit den Wechselfällen der politischen Geschichte und den gesellschaftlichen Veränderungen, die daraus für die Menschen resultierten. Vor allem die Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben tiefe Spuren nicht nur im Gedächtnis des Volkes hinterlassen, sondern auch in der Literatur: Denn die wandelte sich spätestens seit der allmählichen Öffnung des Landes ab den 60er Jahren immer mehr zu einer kritischen wie wirklichkeitsverändernden Instanz, mit dessen Hilfe die Gesellschaft um- und mitgestaltet wurde. So wundert es nicht, dass drei Themenkomplexe die Werke der Gegenwart auffallend bestimmen: zum einen die Teilung des Landes 1945 und der sogenannte Bruderkrieg zwischen Nord- und Südkorea in den Jahren 1950 und 1953; dann die seit den 60er Jahren das Land umwälzende Industrialisierung; und nicht zuletzt die Entfremdung des Individuums in der nunmehr von Konsum, Kapital und Verstädterung gekennzeichneten Gesellschaft, die zugleich um ihre traditionellen Werte ringt. Der Aufbruch in die Moderne aber, der sich mit dieser literarischen Aufarbeitung der Geschichte verband, verdankte sich jener Autorengeneration, die nach 1945 geboren wurde, die sogenannte Hangul-Generation. Denn die erlernte als erste Generation des Landes nicht mehr das Japanisch der ehemaligen Kolonialherren, sondern die eigene Nationalsprache. Somit war auch ein Anfang gegeben für ein neues, nicht allein nationales Selbstbewusstsein, das sich zugleich literarisch offenbarte, so etwa in der allmählichen Abkehr vom traditionellen Realismus.

Da muss man natürlich sagen, dass es auch in der koreanischen Literatur Generationssprünge gibt. Die ältere Generation schreibt (..) noch in gewissem Sinne tradierter. Also da ist sehr viel auch das Thema der Umbruch, der in Korea stattfindet, also von einem Agrarland zu einem Wirtschaftsland in relativ kurzer Zeit, und auch der Bruderkrieg, und auch die Teilung ist bei den älteren Autoren immer noch ein großes Thema. Und bei den jungen Autoren ist es so: Das ist uns dann auch vielleicht wieder ein bisschen näher, da ist es einfach so: Ob die Romane dann in Seoul spielen oder in New York spielen, ist dann nicht mehr so ganz so ausschlaggebend, sondern da geht es um das Lebensgefühl, was die beschreiben.

Ein Lebensgefühl, das sich beispielsweise, wie im Fall der 1947 in Seoul geborenen Autorin OH Jung-Hee, als ein Gefühl der umgreifenden Orientierungslosigkeit erweist, dem sie in ihrem nun bei Pendragon erschienenen Roman "Vögel" Stimme verleiht - indem sie aus der Sicht eines jungen heranwachsenden Mädchens von einer Welt erzählt, die im Zerfall begriffen ist, da die überlieferten Regelwerke im Zusammenleben der Menschen nicht mehr gelten. 12 Jahre ist die Ich-Erzählerin alt, als sie plötzlich für sich und ihren jüngeren Bruder alleine sorgen muss, da der Vater, ein Bauarbeiter, in einer anderen Stadt Arbeit gefunden hat. Die Mutter ist schon lange tot, die neue Freundin verlässt den Vater, da er sie schlägt. Allein auf sich gestellt, beobachtet das Mädchen die anderen Bewohner des Hauses: den einsamen Herr Lee, der sich mit seiner Vogelwitwe unterhält; die Fabrikeheleute Herr und Frau Mun, die sich als ein lesbisches Paar erweisen; Frau Yonsuk, die gelähmt ans Bett gefesselt ist; Herr Chong, der als Mörder entlarvt werden wird.

Auch wenn es Abend wurde, ging der Mann von Frau Yonsuk nicht arbeiten. Die Zeiten waren schlecht. Es kam auch nur noch selten vor, dass man das Ehepaar in seinem Zimmer fröhlich reden oder lachen hörte. Ich konnte nicht mehr so oft wie früher zum Zeitvertreib in das Zimmer von Frau Yonsuk gehen, denn beide blickten mürrisch drein und waren schlecht gelaunt. Ob Frau Yonsuk auch von ihrem Mann geschlagen wurde? Wenn Männer kein Geld verdienen und arm werden, schlagen sie ihre Frauen und werfen ihre Kinder hinaus. Die Vermieterin wurde mit jedem Tag grimmiger, wie eine Hexe. "War euer Vater inzwischen hier? Was für ein Mensch ist das bloß?" Jederzeit riss sie unsere Zimmertür sperrangelweit auf und kochte vor Ärger.

Langsam aber sicher erwächst aus dem episodenhaften Roman eine von Armut und Gewalt geprägte Welt, in der es vor allem gilt, das Prinzip Hoffnung nicht an den allgegenwärtigen Kampf um das Überleben zu verraten; eine drohende Verrohung der menschlichen Seele, der die Autorin durch den Blick des Kindes umso mehr Schärfe verleiht.

Auf der Suche nach der eigenen Position in der von Umwälzung gekennzeichneten koreanischen Gesellschaft ist auch die Ich-Erzählerin im Roman "Das Zimmer im Abseits". Den publizierte die in Korea äußerst beliebte und erfolgreiche Autorin SIN Kyongsuk - überhaupt spielen Autorinnen eine herausragende Rolle im literarischen Leben des Landes - bereits 1995, die deutsche Übersetzung erschien bei Pendragon im vergangenen Herbst. 1963 in einem Dorf im Südwesten Koreas geboren, gehört sie zu jener Generation, die den Krieg nicht mehr unmittelbar erlebt hat. Es ist eine von seelischen und physischen Verletzungen unabhängige Generation, und dementsprechend offen gelingt hier auch die Annäherung an die Geschichte des Landes - von der SIN Kyongsuks eigene Biographie ebenso Spiegel ist wie ihr Roman. Darin schildert das alter ego der Autorin im Rückblick auf ihr Leben, wie sie als junge Frau aus einem Dorf darum ringt, Schriftstellerin zu werden, während sie sich gleichzeitig in einer jener städtischen Fabriken als Arbeitskraft verdingen muss, denen die blühende Wirtschaft von Korea ihren Aufschwung verdankt.

Ausbildungsstätte... Ich, die Sechzehnjährige, stehe morgens um sechs Uhr im Heim auf. Nach aufmunternder Musik macht man Gymnastik. Dann säubert man für die Gemeinschaft den Raum, der einem zugeteilt worden ist, reiht sich in die Schlange zum Waschen ein und sitzt dann beim Frühstück. Ich sehe zum ersten Mal das Essenstablett, auf dem Suppe, Reis und Beilagen zusammen gereicht werden. Das Geschirr ist mir fremd, und auch das Kimchi schmeckt merkwürdig. Daheim auf dem Land werden meine Schüsseln für Reis und Suppe jetzt auf der Ablageleiste an der Küchenwand ordentlich aufgehoben sein. (..) Die Ausbilder nennen uns unisono Industrielle Arbeitstruppe. Wenn sie uns das Löten beibringen, sagen sie auch, als Industrielle Arbeitsgruppe seid ihr... Im Heim der Ausbildungsstätte klebt, wie im Kindergarten, an jeder Zimmertür ein Schild mit dem Namen einer Blume. Wie hieß das Zimmer, in dem ich war? Rose? Lilie? Lediglich eine Erinnerung, daß über dem hölzernen Schlafplatz ein Schließfach für privates Eigentum angebracht war. Einige Jahre nach meinem Leben im Heim begann im Fernsehen eine Nonsense-Serie mit dem Namen 'Stillgestanden', deren Text eine ehemalige Kommilitonin schrieb.

Angesiedelt in Seoul zwischen 1979 und 1982, spielt der Roman - der durch seine Mischung zwischen Fiktion und Fakten ebenso besticht wie durch eine expressive Sprache - somit nicht nur vor dem Hintergrund des Studentenaufstandes im Mai1980 in Kwangju, der blutig niedergeschlagen wurde und eine Militärregierung an die Macht des Landes brachte. Wie nebenbei entsteht zugleich ein beispielhaftes Porträt für die Veränderungen der koreanischen Gesellschaft als Ganzes: hier die Ausbeutung des Volkes, das selbst von Scham ergriffen ist über die Armut, in der es leben muss, und der beginnende Kampf der Arbeiter um ihre Rechte; dort die Entfremdung derer, die zwar zu Wohlstand und Bildung gelangen, doch damit die altgedienten Bindungen zur Familie und zum gewohnten Umfeld verlieren. Kurzum: ein Roman über den Riss zwischen Tradition und Moderne, der noch das Korea der Gegenwart als Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen durchquert.

Bedenkt man den langen und langsamen Weg der Annäherung, den das Land - Süd- wie nun auch Nordkorea - bereits hinter sich hat, so ist jedoch eine Veröffentlichung im Pendragon Verlag umso erfreulicher: der nun ebenfalls im Herbst publizierte Roman "Menschen aus dem Norden. Menschen aus dem Süden" aus der Feder des 1932 geborenen LEE Hochol. Denn Hochol ist der erste Autor aus Nordkorea, den die Edition vorweisen kann, und er vertritt somit auch jenes literarische Erbe, das Korea noch bis Ende der 80er Jahre durch verlegerische Zensur schlicht verleugnete; denn erst ab diesem Zeitpunkt durften Werke der nordkoreanischen Literatur auch in Südkorea erscheinen.

Was den Roman - dessen Titel tatsächlich programmatisch zu verstehen ist - aber vor allem so bedeutend auch für hiesige Leser macht, ist seine luzide Mischung einer politischen aber unparteiischen Bestandsaufnahme und menschlicher Empathie. Denn Hochol - der selbst als junger Volksarmist in Gefangenschaft geriet und später als Demokrat verfolgt werden sollte - liefert aus dem Blick eines am eigenen Leib Betroffenen heraus eine Chronik des von Krieg und Teilung traumatisierten Korea. Und das aus der Sicht von beiden Seiten des Landes, denn dies- wie jenseits der koreanischen Grenze schildert Hochol sowohl Opfer als auch Täter des Krieges - und porträtiert sie vor allem als eines: als Menschen.

Als wir an jenem Tag erst gegen Abend in Kansong ankamen und der Platz zum Schlafen bestimmt wurde, tauchte ein unbekannter Militärpolizist vor uns auf. Von der Statur her erinnerte er zwar an den Mann aus Chimnampo, von dem wir uns tags zuvor getrennt hatten, aber schon auf den ersten Blick war er nicht so drahtig, sondern im Ganzen bäurischer. Man hatte ihn wohl in der vor ein paar Tagen zurück eroberten Gemeinde Kansong stationiert. Die Hände auf dem Rücken verschränkt, stand er vor uns und brummte: "Macht doch das Licht aus! Die Sonne ist doch noch gar nicht untergegangen. Glaubt Ihr, Strom ist umsonst? Auch wenn er den reichen Yankees gehört, den Spitznasen.

Das verblüffte mich etwas. Auch in Nordkorea verwendeten wir zwar die abwertende Bezeichnung "Russki" für sowjetische Soldaten, aber an einem Ort mit nur halbwegs offiziellem Charakter wäre das unmöglich gewesen. In Südkorea war man da viel offener. Jeder schien laut auszusprechen, was er sagen wollte, ohne sich vor der Obrigkeit zu fürchten. Für mich, der ich fünf Jahre lang nur im Norden gelebt hatte, war das ziemlich überraschend.

Auch Hochols Roman ist von solcher Offenheit geprägt, und so wundert nicht, dass dieses Buch als ein Werk erachtet werden kann, das ganz von jenem Geist der Versöhnung geprägt ist, dem sich nunmehr auch von offizieller Seite aus die beiden Teile des Landes immer mehr verschreiben. Dennoch, so betont Günter Butkus, stellt der Roman bei allem politischen Tauwetter eine auch gewagte Form der Annäherung dar:

Der hat sich sozusagen selber frei geschrieben und hat die Annäherung gemacht, und das ist durchaus auch umstritten unter seinen Kollegen. Denn da gibt es immer noch eine sehr starke Apathie: Fast jede südkoreanische Familie hat unmittelbar unter dem Krieg gelitten. Als ich in Korea war, ist mir das auch erst bewusst geworden. Weil wirklich jeder sagen kann: mein Onkel ist gestorben, mein Bruder ist gestorben, meine Schwester ist vergewaltigt worden.

Doch bei aller Geschichtsgesättigtheit der koreanischen Gegenwartsliteratur sei nicht zu vergessen, dass sie eben auch das ist: Literatur. Und die zu erkunden, lohnt sich schon jetzt. Übrigens auch für gute Übersetzer - denn die sind in Deutschland ebenso noch Mangelware. Das ist der einzige Wermutstropfen im koreanischen Meer der Geschichten.

Alle besprochenen Romane erschienen im Pendo-Verlag.

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