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StartseiteInformationen am MorgenWut auf das Gesundheitssystem09.08.2017

KosovoWut auf das Gesundheitssystem

Es fehlt an Geld, Geräten und Fachkräften: Im Kosovo herrschen katastrophale Zustände in der gesundheitlichen Versorgung. Reiche Kosovaren reisen zur Behandlung längst ins Ausland. Ein wenig Mut machen Freiwillige, die sich um Patienten kümmern. Das Tragische: Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Von Andrea Beer

Zeichen des Roten Kreuzes aus Kosovo an einem Fahrzeug (dpa / Matthias Schrader)
Im Kosovo leiden die Menschen unter der schlechten gesundheitliche Versorgung. (dpa / Matthias Schrader)
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An einem kleinen Infostand in Pristina steht sich die braunhaarige Albana Scholja schon seit Stunden die Beine in den Bauch. Sie studiert Politik, doch heute sammelt sie Geld für einen 13-jährigen Jungen. Dieser leidet an einer Erbkrankheit, die nicht geheilt, aber behandelt werden könnte.

"Er kann sich zur Zeit nicht bewegen. Seine Mutter hat uns kontaktiert, denn wir haben schon öfter Geld für Kranke gesammelt. Dass ihr Sohn im Kosovo nicht behandelt werden kann, ist nicht nur eine Geldfrage. Das System ist einfach nicht gut, denn die Krankenhäuser haben völlig veraltete Ausstattungen." 

Großes Chaos im Gesundheitssystem

So engagierte Menschen wie die 23-jährige Albana Scholja, die machen Blerim Syla zwar Mut, aber er bleibt wütend auf das Gesundheitssystem. Syla ist Präsident der Gewerkschaft der Gesundheitsunion in Pristina. Diese vertritt rund 1.000 Ärzte, sorgt für Fortbildungen, hat die Ausbildung von Studierenden und die Rechte von Patienten im Auge. Aus seinem Hochhausbüro hat Blerim Syla einen guten Blick über Pristina. Doch die Aussichten auf ein effektives Gesundheitssystem würden ihm deutlich besser gefallen.  

"Unser Gesundheitssystem besteht aus drei Teilen, was für großes Chaos gesorgt hat. Die Versorgung von Kranken ist nicht ausreichend finanziert und auch noch durch unterschiedliche Gesetze geregelt."

Teil eins sind die rund 30 Familien-Gesundheitszentren im Land. Diagnose und Behandlung sind hier aber nur begrenzt möglich, denn es fehlt an Geld, Geräten und Fachkräften. Teil zwei sind die sechs regionalen Krankenhäuser. Dort gibt es Labore und Röntgenabteilungen. Aber auch hier fehlt das Geld. Und dann wäre da noch Teil drei; die staatliche Uniklinik in der Hauptstadt Pristina mit immerhin 2.500 Betten. 

Krankenversicherung? Fehlanzeige

Diese drei staatlichen Systeme sind zwar grundsätzlich umsonst, aber völlig unterfinanziert  und damit korruptionsanfällig. Eine Krankenversicherung gibt es auch nicht, kritisiert der Gewerkschafter Blerim Syla und für eine  Reform fehle der politische Wille. Die Folge für die Kranken? Verheerend.

"Die Patienten oder auch wir von der Gewerkschaft wissen oft nicht, wo Kranke denn nun hingehen sollen, und so wandern sie dann von einer Klinik zur nächsten. Und bekommen nicht die Hilfe, die sie brauchen."

Kosovaren mit Geld lassen sich deswegen privat behandeln oder fahren ins Nachbarland Mazedonien. Laut Weltbank zahlen kosovarische Patienten jährlich bis zu einhundert Millionen Euro für Behandlungen im Ausland. Für Curr Gjojaj sind nicht die Ärzte sondern der Geldmangel das Problem. Er ist Direktor der staatlichen Uniklinik in Pristina und Chef von 6.700 Mitarbeitern. Allein für neue Geräte seien mindestens 50 Millionen Euro nötig, meint er. Von maroden Gebäuden ganz zu schweigen. Curr Gjojaj sieht deswegen die Politik am Zug,

Gesetze liegen seit drei Jahren in der Schublade

"Seit dem Kosovokrieg wollen wir das System weiterentwickeln. Die Gesetze liegen seit drei Jahren in der Schublade. Auch eins für eine Krankenversicherung, aber es wird leider nicht umgesetzt. Das Budget für uns hingegen wurde weniger. Mit anderen Worten, wenn es nicht genügend Finanzen gibt, gibt es auch Beschwerden. All das macht es uns schwer, gute Arbeit zu leisten, die die Bürger zu Recht von uns verlangen.

Die Studentin Albana Schojla wird also wohl noch häufiger Spenden für kranke Kosovaren sammeln müssen, damit sie sich im Ausland behandeln lassen können. Sie selbst hofft, dass ihre schwere Krankheiten erspart bleiben.

"Nur Polizisten und Soldaten haben eine Krankenversicherung. Aber wenn ich ernsthaft krank werden sollte dann versuche ich auch ins Ausland zu gehen. Ich hoffe nur, dass ich dann nicht vorher sterbe."

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