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StartseiteWissenschaft im BrennpunktKraft aller Elemente - Energiequellen für die Zukunft01.05.2007

Kraft aller Elemente - Energiequellen für die Zukunft

Teil 4: Stürmische Aussichten

In keinem Land der Welt wird soviel Strom aus Windenergie produziert wie in Deutschland: 2006 war es genug, um etwa zehn Millionen Haushalte zu versorgen. Noch stehen alle 18.000 Windräder auf dem Land. Die ersten im Meer sollen im nächsten Jahr nördlich von Borkum gebaut werden. Allerdings gibt es nur dann Strom, wenn Wind weht.

Von Monika Seynsche

Windräder zur Stromgewinnung (AP)
Windräder zur Stromgewinnung (AP)

Lehnhoff:" Ich find das einfach total klasse, weil man da wirklich spürt, wie der Wind auf die Anlage wirkt und welche Kraft der Wind hat und man auch sehr gut merkt, dass sich ständig alles ändert. Und wenn man bedenkt, dass da vorne ein Rotor dranhängt, der eine Fläche von mehr als einem Hektar hat, dann kann man sich wirklich vorstellen, was da alles passiert auf dieser Fläche und dass es sehr unterschiedliche Windverhältnisse allein in diesem Bereich gibt. "

Ein Windrad von gewaltigen Ausmaßen: Der graue Turm ragt 100 Meter in den Himmel. Drei Rotorblätter streichen durch die Luft, rot-weiß gestreift, jedes einzelne so lang wie ein zehnstöckiges Gebäude hoch ist. Sie drehen sich scheinbar gemächlich, dabei schneiden die Rotorspitzen mit 180 Stundenkilometern durch die Luft. Das alles in Bewegung gesetzt von einer Windströmung, die am Boden nur als leichte Brise zu spüren ist.

Der Koloss steht in einem Industriegebiet am Rande von Bremerhaven - auf dem Trockenen. Dabei hat er an Land nichts zu suchen. Der Fuß des Ungetüms gleicht einer startbereiten Rakete: drei schräg angelegte Pfeiler stützen den Turm des Windrads.

" Man muss sich das so vorstellen, dass wir hier am Meeresgrund stehen, zwei Meter über uns beginnt diese Struktur. Diese Gründungsstruktur ist natürlich dann offshore nicht begehbar und in etwa 25, 30 Meter Höhe wäre dann erst der Wasserspiegel. "

Martin Lehnhoff geht langsam über den gedachten Meeresgrund auf die Metallkonstruktion zu. Der Geschäftsführer der Firma Multibrid hat zusammen mit seinen Kollegen ein Windrad speziell fürs Meer entwickelt. Die Stützkonstruktion am Fuß des hellgrau gestrichenen Turms soll dafür sorgen, dass er auch im sandigen Meeresboden stehen bleibt und den anrollenden Wellen standhält.

In Computersimulationen klappt das. Ob es auch in der Praxis funktioniert, soll sich im nächsten Jahr zeigen. Dann will die Firma ihre ersten Windräder in die Nordsee stellen, 45 Kilometer vor Borkum. Ganz ohne Risiko ist das Vorhaben nicht. So weit von der Küste entfernt hat noch niemand versucht, Windenergie zu gewinnen, sagt Jens Peter Molly, der Leiter des Deutschen Windenergie Instituts DEWI. Aber, fügt er hinzu, es könnte sich lohnen:

" Also die Windgeschwindigkeiten sind deutlich höher als an Land und man kann sagen dass der Energieertrag jetzt mal ganz grob gesprochen etwa doppelt so hoch sein kann wie an Land. "

Denn auf dem Meer weht der Wind nicht nur kräftiger, sondern auch stetiger als an Land: Keine Bäume, Berge und Täler, die ihn abbremsen könnten. Und dort, wo sich die Nachfolger des Bremerhavener Windrads drehen sollen, ist der Wind ganz besonders kräftig: die Deutsche Bucht gilt als eines der besten Windreviere der Welt.

" Unser Ziel ist es auf jeden Fall ein Stück weit die Potentiale auch auf dem Meer zu nutzen und da ist das ganz klare Ziel 25.000 MW bis 2025/2030. "

Thorsten Falk ist Referent im Bundesumweltministerium und zuständig für die Windenergie. 25000 Megawatt - das entspricht der Leistung von mehr als 20 modernen Atomkraftwerken. Noch dreht sich allerdings kein einziges Windrad vor der deutschen Küste. Und das, obwohl schon 2006 der erste Windpark ans Netz gehen sollte. Deutschland wollte mit einer Weltneuheit von sich Reden machen und als erstes in großen Wassertiefen weit vor der Küste Wind ernten. Doch dann sind den Deutschen die Schotten zuvor gekommen und haben im vergangenen Sommer die ersten Offshore-Windenergieanlagen gebaut, die nicht im flachen Wasser direkt vor der Küste steht.

" Ja, das Projekt ist schon in dieser Hinsicht einzigartig, das muss man schon sagen. In 45 Meter Wassertiefe hat noch niemand eine Windenergieanlage aufgebaut im Meer und das war das erste Mal. "

Martin Skiba leitet die Abteilung Offshore bei dem Hamburger Anlagenhersteller Repower, der das Windrad vor die schottische Küste gestellt hat. Bis heute steht es allerdings still.

" Die Anlage ist noch nicht richtig in Betrieb genommen worden das ist uns noch nicht möglich gewesen. Wir haben zunächst mal die Erfahrung gesammelt, also außer ein paar kleinen Testläufen, dass die Offshorelogistik eines der ganz großen Probleme, Herausforderungen ist, der man sich zuwenden muss. Die Zugänglichkeit der Anlage im Winter war ausgesprochen katastrophal. Mit dem vorhandenen Boot dort, was von der Ölbohrplattforminsel operiert hat, war es also selten möglich die Anlage dann auch zu erreichen, weil der Wellengang einfach zu hoch war. "

Eigentlich sollten sich vor Schottlands Küste jetzt sogar schon zwei Anlagen drehen. Aber den Aufbau der zweiten Anlage hat schlechtes Wetter im vergangenen Herbst verzögert.

Martin Lehnhoffs Offshore-Windrad mit dem Raketenfuß liefert dagegen schon Strom. Aber es steht auch noch in Bremerhaven auf dem Trockenen. Immerhin ist der Hafen nicht weit, die Luft salzig und das Wetter unberechenbar: ideale Trainingsbedingungen. Das harsche Nordseeklima macht den Anlagen zu schaffen. Deswegen, erzählt Martin Lehnhoff, versuchen die Ingenieure, das Windrad und seine Innereien so gut es geht zu schützen. Ein solcher Schutzmechanismus verbirgt sich in der Tür, durch die der Ingenieur jetzt in den Turm des Windrads tritt: eine unscheinbare rechteckige Gitterstruktur.

" Wenn man alle Türen schließt und deswegen alles hermetisch abgeschlossen ist, dann startet das Luftaufbereitungssystem und ein großer Ventilator setzt sich in Bewegung und baut den Druck innerhalb der Anlage auf. Hier ist jetzt ein leichter Überdruck entstanden, etwa in der Größenordnung wie man den im Flugzeug merkt, nur wenige Millibar, die aber dafür sorgen, dass die Strömung nur noch die richtige Richtung nimmt. "

In dem bis eben noch windstillen Innenraum entsteht auf einmal ein Luftzug. Durch die Gitterstruktur in der Tür dringt die Luft von außen ein, streicht über Martin Lehnhoffs Kopf und weht den Turm empor. Das Aufbereitungssystem in der Tür filtere das Salzwasser aus der Meeresluft heraus, erklärt der Ingenieur. Und der Überdruck soll verhindern, dass an anderen Stellen ungefilterte Meeresluft in das Windrad gelangt. So wollen die Ingenieure dafür sorgen, dass die Anlage nicht von innen verrostet.

Der Rost ist eines von mehreren großen Problemen von Offshore-Windparks:

Sommer 2004: der dänische Windkraftanlagenhersteller Vestas gibt bekannt, dass alle Transformatoren und einige Generatoren seiner Anlagen im Meereswindpark Horns Rev verrostet sind - die Maschinenhäuser aller achtzig Anlagen müssen abmontiert und an Land repariert werden - eine Katastrophe für die Firma.

April 2005: Die Firma Enercon setzt ihr erstes Offshore-Windrad in den Schlick vor Wilhelmshaven, oder besser: versucht, es zu setzen. Das Fundament verbiegt sich - die Arbeiten werden abgebrochen und nicht wieder aufgenommen.

Enercon - der deutsche Marktführer in der Windenergie - zieht sich daraufhin komplett aus dem Offshore-Geschäft zurück, und konzentriert sich wieder aufs Land. Die Risiken seien ihm viel zu groß, sagt der Geschäftsführer Aloys Wobben:

" Also ich brauche für mein Konzept das Offshore nicht. Wir haben bisher eine hervorragende Sache vorangetrieben und wir wollen natürlich auf dem niedrigsten Risiko weitermachen, und nur weil man glaubt, dort kriegt man schneller eine Baugenehmigung, dann haben Sie vielleicht ein Problem gelöst aber das größere noch nicht. "

Für ihn ist die Zugänglichkeit der Offshore-Anlagen das größte Problem. Ein Windrad, das mitten in der Nordsee steht, kann man nicht mal eben so besuchen, um etwas zu reparieren. Schon gar nicht im Winter bei schlechtem Wetter. Geht ein Teil kaputt, steht die Anlage im Zweifelsfall wochenlang still. Und jeder Stillstand kostet Geld.

Das wissen auch die Firmen, die dennoch an der Offshore-Idee festhalten. Das Multibrid-Windrad in Bremerhaven soll sich unter allen Umständen drehen, wenn es einmal vor der Küste steht: die wichtigsten und empfindlichsten Teile der Anlage haben die Ingenieure doppelt eingebaut.

Um zu zeigen, wie das System funktioniert, lädt der Geschäftsführer Martin Lehnhoff zu einer Fahrt im Servicefahrstuhl ein: der enge Gitterkäfig rattert etwa 100 Meter durch den Windradturm in die Höhe.

Auf einer kleinen Plattform steigt der Ingenieur aus und deutet auf ein Schaltpult an der Wand.

" Hier kann man auch sehr, sehr gut sehen was wir mit Redundanz meinen. Alle Komponenten zum Beispiel an diesem Hydrauliksystem sind doppelt vorhanden. Alle Hydraulikkreise sind in zwei Hälften geteilt, so dass auch da, wenn irgendeine Komponente, ein Ventil ausfällt, ein Schlauch ausfällt, das niemals bedeutet, dass die Anlage deswegen komplett stillstehen muss. "

Der Ingenieur ist sich trotz der Rückschläge seiner Konkurrenten sicher, dass Windsammeln auf dem Meer auch bei großen Wassertiefen möglich ist. Diese Ansicht teilt Peter Schaumann. Der Leiter des Instituts führ Stahlbau an der Universität Hannover erforscht Tragstrukturen für Windenergieanlagen auf dem Meer. Er hält die technischen Herausforderungen auf See für groß, aber beherrschbar.

" Die Frage ist, zu welchen Kosten ist es beherrschbar, das ist die viel interessantere Frage. und diese Antwort können wir heute noch nicht geben. weil ich persönlich erwarte, dass all diese Anlagen noch Optimierungspotential haben, die aber erst dann weiter genutzt werden können, wenn wir die ersten Anlagen, die jetzt ja angekündigt sind im Testfeld Borkum West, gebaut haben und dort vor Ort auch Erfahrungen gesammelt haben über die Beanspruchung dieser Konstruktion, über die dort herrschenden Verhältnisse hinsichtlich der Wellenlasten und, und, und. "

Der ursprünglich für 2006 geplante Offshore-Windpark in der Deutschen Bucht soll nun 2008 entstehen - 45 Kilometer nördlich von Borkum. Noch steht hier nur die Forschungsplattform FINO 1 auf der seit 2003 Windstärken gemessen und die Auswirkungen der Anlage auf die Meeresumwelt untersucht werden. Im nächsten Jahr sollen hier zwölf Testanlagen gebaut werden, sechs will die Firma Multibrid bauen und auch Repower will sechs Anlagen aufstellen - obwohl die Firma schon Erfahrungen in Schottland sammelt.

Skiba: " Ja wir brauchen das unbedingt. Wenn Sie in Schottland oben die beiden Anlagen ein halbes Jahr laufen haben oder ein Jahr, dann können Sie es noch lange nicht verantworten 80 oder 100 Anlagen - und über diese Parkgröße sprechen wir - im nächsten Jahr dann in einem Windpark verbauen zu wollen. "

Wenn sich die 12 Windräder bewähren, könnten sich im nächsten Schritt bis zu 200 Anlagen in Borkum West drehen. Ein Seekabel wird den Strom dann vom Windpark über die Insel Norderney ans Festland bringen. Ende 2007 sollen die Bauarbeiten auf Norderney beginnen. Wer die enormen Kosten für die Netzanbindung der Offshore-Windparks übernehmen muss, war lange Zeit unklar. Bis Ende vergangenen Jahres das Infrastrukturplanungsbeschleunigungsgesetz in Kraft trat. Laut diesem Wortungetüm müssen nicht die Windparkbetreiber, sondern die Netzbetreiber die Stromkabel im Meer bezahlen. Damit werden die Offshore-Windparkbetreiber mit den Kraftwerksbetreibern an Land gleichgestellt, die auch nicht selbst für ihren Anschluss ans Stromnetz aufkommen müssen. Eine enorme Erleichterung für die Windparkbetreiber auf dem Meer.

Viele Windradbauer bleiben trotzdem an Land. Dort ist die Technik jetzt schon ausgereift, die Risiken sind minimal und die Kilowattstunde Strom lässt sich viel billiger produzieren, als auf dem Meer. Heute decken die Windräder an Land
fünf Prozent des deutschen Strombedarfs und das Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft: Die freien Flächen an Land gehen zwar langsam zu Neige, aber die meisten Anlagen, die sich seit Anfang der Neunziger auf Hügeln, weiten Feldern und hinter den Küstendeichen drehen, sind heute veraltete Technik. Damals waren 150 Kilowatt elektrische Leistung Standard - heute schaffen die modernsten Anlagen sechs Megawatt. Das heißt, ein einziges solches Windrad liefert mehr Strom, als 40 Anlagen der ersten Generation. Genug, um mehrere tausend Haushalte mit Strom zu versorgen. Und je mehr Leistung ein Windrad bringt, desto höher sind auch die Gewerbesteuereinnahmen der jeweiligen Gemeinde. Gleichzeitig sind die neuen Windräder wesentlich leiser als die alten und drehen sich deutlich langsamer. Das schont nicht nur die Ohren und Augen entnervter Anwohner. Die ruhigen Bewegungen der Rotorblätter sind auch für Vögel besser kalkulierbar, so dass weniger Tiere gegen die Anlagen prallen. Deshalb will das Bundesumweltministerium alte Windräder durch neue ersetzen, so Thorsten Falk:

" Da ist eben Ziel, dass viele kleine Windenergieanlagen die wir derzeit haben an Land konzentriert werden an bevorzugten Eignungsgebieten, die aus Natur- und Umweltschutz auch Sinn machen, bevorzugten Standorten und dort mit weniger Anlagen aber im Endeffekt einer höheren installierten Leistung und damit einem höheren Stromertrag. "

Zusammen mit Technikern, Raumplanern und Juristen haben Thorsten Falk und seine Kollegen vom BMU in den letzten Monaten untersucht, was ein solches Repowering bringen könnte.

" Man geht davon aus, dass eigentlich an den jeweiligen Standorten eine Leistungssteigerung so um das zwei- bis dreifache möglich wäre, wenn man halt eben nicht diese Höhenbegrenzungen hat. "

Macht rein theoretisch deutlich mehr als 40 tausend Megawatt Leistung - soviel wie 30 moderne Atomkraftwerke liefern könnten. Aber eben nur theoretisch. Denn dafür müssten Anlagen gebaut werden, die deutlich höher als 100 Meter sind. Je höher man kommt, desto stetiger und kräftiger weht der Wind auch auf dem Land. Technisch sind solche Anlagen gar kein Problem. Das größte Windrad der Welt, die E112 der Firma Enercon ist bis zu 180 Meter hoch. Nur, aufstellen darf man einen solchen Riesen an Land fast nirgendwo. Denn jedes Windrad, das höher als 100 Meter ist, muss beleuchtet werden, um verirrte Flugzeuge vor dem hohen Turm zu warnen. Das schreibt die Flugsicherung vor. An dieser Beleuchtung, weiß Carlo Reeker vom Bundesverband Windenergie aus Erfahrung, scheiterten die meisten Genehmigungsverfahren für moderne und damit hohe Windräder.

" In einigen Regionen mehr, in anderen weniger ist es ein Punkt, wo die Bevölkerung sagt: uns stört das System, wir wollen es nicht, denkt euch was aus, wie ihr hier zu einer Reduzierung der Lichtstärke kommt, und dann können wir über Genehmigungen reden. "

Ein kleines blinkendes rotes Licht klingt nach einer Lappalie. Stehen aber 30, 40 Windräder nebeneinander, haben die Anwohner ein ständiges Blitzlichtgewitter vor ihren Fenstern: Also hat sich Carlo Reeker etwas ausgedacht und sich für eine Änderung der "Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Kennzeichnung von Luftfahrthindernissen" eingesetzt. Mit Erfolg: Anfang April entschied die Bundesregierung, dass das rote Warnlicht bei guter Sicht gedimmt werden darf. Carlo Reeker möchte noch einen Schritt weitergehen, und die störenden Lichter zu einigen Zeiten komplett abschalten.

" Es gibt Regionen da haben sie das ganze Jahr kein Flugzeug, das in diesen Bereich überhaupt rein fliegt auch nicht annähernd fliegt. Und wir haben gesagt, das könnte man eigentlich dann auch so regeln indem man die Anlagen dann komplett abschaltet. Ich stell es mir immer so vor oder beschreibe es wie einen Bewegungsmelder, wenn Sie in den Garten gehen, geht das Licht an und hier ist es so, wenn sich ein Flugzeug der Anlage nähert, geht das Befeuerungssystem an. "

Wie das vor sich gehen könnte, ohne die Flugsicherheit zu gefährden, soll in den kommenden Monaten ein Forschungsprojekt herausfinden, das der Bundesverband Windenergie in Auftrag gegeben hat. Solange das Problem nicht gelöst ist, werden viele Genehmigungsbehörden auch weiterhin nur dann ein Windrad genehmigen, wenn es niedriger als 100 Meter ist. Obwohl das weder technisch noch ökologisch oder wirtschaftlich sinnvoll ist. Aber die Höhenbegrenzung ist nur ein Problem. Einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen empfehlen jetzt größere Abstände als früher zwischen einer Windenergieanlage und dem nächsten Wohnhaus, und gehen damit weit über die gesetzlichen Regelungen des Bundes hinaus. Wenn die Genehmigungsbehörden diesen Empfehlungen folgen, können viele veraltete Anlagen nicht durch effizientere ausgewechselt werden.

Trotz aller Widerstände an Land und aller Widrigkeiten auf dem Meer: Die Windenergie ist die einzige erneuerbare Energie, die ab sofort in großen Mengen zur Verfügung steht. Selbst wenn nur alle alten Windräder an Land durch neue ersetzt würden, könnte man innerhalb kurzer Zeit nicht wie heute fünf, sondern zehn bis 15 Prozent des deutschen Strombedarfs decken. Ohne den Wind wird Deutschland die Energieprobleme der nächsten Jahrzehnte nicht lösen. Denn bei allen anderen erneuerbaren Energiequellen ist entweder - wie bei der Wasserkraft - das Potential schon ausgeschöpft, oder die Technik steckt noch in den Kinderschuhen, wie bei der Erdwärme, der Biomasse oder der Solarenergie. CO2-freie Kohlekraftwerke, bei denen das Klimagas aus den Abgasen herausgefiltert und im Boden eingelagert wird, werden einer aktuellen Studie des Bundesumweltministeriums zufolge frühestens 2020 kommerziell verfügbar sein. Zu spät - und auch dann nur noch auf Zeit. Die weltweiten Reserven an Kohle, Erdgas, Erdöl und auch Uran sind endlich.

Einen entscheidenden Haken allerdings hat die Windenergie: Manchmal weht kein Wind. Anders als Atomenergie, Kohle, Gas, Erdwärme und Biomasse ist die Windenergie, genauso wie die Sonnenenergie nicht immer nutzbar.

" Deswegen muss konventionelle Kraftwerksleistung in entsprechender Höhe weiterhin vorgehalten werden, "

meint Christoph Maurer, Geschäftsführer der auf Elektrizitätsnetze spezialisierten Beratungsfirma CONSENTEC, einer Ausgründung der RWTH Aachen.

" Und das nächste Problem ist, dass die Einspeisung aus Windenergie nur eingeschränkt vorhersagbar ist. Es gibt also immer Prognosefehler, Prognoseabweichungen und um diese auszugleichen, weil das Gleichgewicht zwischen Erzeugung und Last jederzeit sichergestellt sein muss, muss man wiederum konventionelle Kraftwerke vorhalten, die so genannte Reserveleistungen bereitstellen um genau diese Prognoseabweichungen auszugleichen. "

Auf die konventionellen Reservekraftwerke möchten viele Windenergieforscher in Zukunft verzichten. Eine zentrale Voraussetzung dafür ist der Ausbau der Stromnetze. Die Forscher des Kasseler Instituts für Solare Energieversorgungstechnik zum Beispiel träumen von einem Hochleistungs-Stromnetz, das ganz Europa überspannt. Denn auch wenn der Wind regional schwankt: über den Kontinent gemittelt weht er sehr gleichmäßig. Und je stärker die Windenergieanlagen vernetzt sind, desto besser lassen sich Flauten abfangen. Allerdings wäre ein solches Netz teuer - sehr teuer. Deswegen setzen viele Wissenschaftler auf Energiespeicher.

Die mit Abstand effektivste Methode, Energie zu speichern, ist gleichzeitig die simpelste und billigste: mit Pumpspeicherkraftwerken. Das sind zwei miteinander verbundene Stauseen in unterschiedlichen Höhen. Ist überschüssiger Strom da, pumpt man Wasser aus dem unteren See in den oberen. Braucht man Strom, muss man nur die Tore öffnen - das Wasser strömt zurück ins Tal und treibt dabei Turbinen an. 70 bis 80 Prozent der Energie bleiben bei dieser Speicherform erhalten. Hans-Jürgen Haubrich leitet das Institut für elektrische Anlagen und Energiewirtschaft an der RWTH Aachen und untersucht, wie sich Windenergie ins Stromnetz integrieren lässt.

" Ich glaube, dass auf Dauer die Windenergie an die Speicherung gebunden sein wird und da ist nur das Problem, dass wir heute Speicher dieser Typen, die wir hierfür brauchen, das sind Energiespeicher großer Mengen und großer Leistungen nur in einer Technik heute zur Verfügung haben und das sind die Pumpspeicherkraftwerke, die aber in den Regionen, wo der Wind weht, und das ist Flachland da oben, kaum verfügbar sein werden und insgesamt in Deutschland nur sehr eingeschränkt noch ausbaubar sind. So dass wir also uns nach neuen Speichertechniken umsehen müssen. "

Eine mögliche Alternative steht in einem zugigen Verschlag an der Universität Oldenburg. Ein Raum, keine 20 Quadratmeter groß. Hans-Peter Waldl ist einer ihrer Erfinder. Der Physiker ist Geschäftsführer der Windenergie-Beratungsfirma Overspeed, einer Ausgründung der Universität Oldenburg:

" Das ist unser Wasserstoffsystem. Jemand hat mal gesagt: Garagenfeeling. Also es ist sehr zugig hier. Das ist Absicht, weil Wasserstoff, weiß man, ist hochexplosiv, ist nicht ganz einfach in der Handhabung, deswegen hat man absichtlich das sehr gut belüftet, wo also praktisch der Wind durch pfeift und man sich deswegen um Ansammlungen von Wasserstoff erst mal keine Sorgen machen muss. "

Der Wasserstoff in diesem Verschlag soll die launische Windenergie in Zukunft so zuverlässig machen, wie ein schnurrendes Kohlekraftwerk, erzählt der Physiker. In einem grauen Stahlschrank an der Kopfseite des Verschlags sitzt der so genannte Elektrolyseur und zerlegt mit Hilfe von Strom Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff. Den Wasserstoff speichern Hans-Peter Waldl und seine Kollegen in mannshohen roten Gasflaschen am anderen Ende des Raums. Bei einer Flaute können sie damit eine Brennstoffzelle speisen und wieder Strom erzeugen.

Allerdings gerade genug, um ein kleines Motorboot anzutreiben - das ganze ist noch ein Forschungsprojekt im Modellmaßstab. Es ist der erste Versuch überhaupt, mit Wasserstoff Windenergieschwankungen im Stromnetz auszugleichen. Und die Forscher wollen den Windstrom nicht nur speichern, sondern durch die gezielte Abgabe des Stroms auch noch Geld verdienen. Sie basteln an einer Software, die Windprognosen, die aktuellen Preise an der Strombörse und die Energiemenge im Speicher berücksichtigt und aus allen dreien berechnet, wann es günstiger ist, den Windstrom zu speichern und wann es sich lohnt, wieder Strom ins Netz zu schicken.

" Also wir denken, dass es kommerziell sinnvoll sein wird in Deutschland so ungefähr 2015 und das ist die Zeit, wo man dann auch die entsprechenden Komponenten haben muss in der entsprechenden Größe, also Elektrolyseur und Brennstoffzelle. "

Noch liegt der Wirkungsgrad der kleinen Anlage bei traurigen 20 bis 25 Prozent. Hans-Peter Waldl und seine Kollegen peilen 50 Prozent an. Aber auch das würde noch bedeuten, dass die Hälfte der Energie beim Speichern verloren ginge. Das ist für Hans-Jürgen Haubrich von der RWTH Aachen inakzeptabel. Seine Hoffnung liegt in Huntorf:

Der Bus hält an einer Straßenkreuzung im Nichts östlich von Oldenburg bei einer Handvoll verstreuter Häuser. Zwei Kilometer die Straße entlang, dann einmal nach links abbiegen: zwischen verlassenen Schafweiden steht eine etwas angegammelte Baracke aus den 70er Jahren, dahinter ragt eine große Backsteinhalle mit einem Schornstein auf.

" Da kann ich mich nur wundern, dass die Fachwelt das zum großen Teil überhaupt nicht weiß. Ich stelle das selber fest bei Tagungen, wenn ich dann mal über Huntorf berichte, dass sich die Leute die Augen reiben, nachdem sie sich intensiv mit irgendwelchen Grundsatzuntersuchungen befasst haben, dass es so was überhaupt schon seit fast 30 Jahren gibt und funktioniert. "

Fritz Henken-Mellies ist der Leiter des nahe gelegenen Kraftwerks Farge und oberster Chef von Baracke und Backsteinhalle. Das, worüber die Fachwelt so wenig weiß, ist der erste Druckluftspeicher der Welt, gebaut 1978 in Huntorf. Bis heute eine - fast - einzigartige Angelegenheit - es gibt weltweit genau zwei. Und eigentlich ein Auslaufmodell. Aber die launische Windenergie hat das Experiment in Huntorf wieder interessant gemacht. Unter der Baracke verbergen sich zwei riesige Höhlensysteme, ausgesolt aus einem Salzstock. Zusammen bieten sie so viel Platz, dass der Kölner Dom hineinpassen würde. Das Prinzip dieses Druckluftspeichers ist einfach: Wenn überschüssiger Strom im Netz ist, presst man mit seiner Hilfe Luft in die Höhlen. Sobald wieder Strom gebraucht wird, lässt man die Luft herausströmen und treibt mit ihr Turbinen an.

" Sie sehen da hinten so ein kleines Gebäude. Die Rohrleitung, die da rein führt, oder rauskommt, wie man will und hier ins Kraftwerksgebäude geht, das ist die Luftleitung. "

Fritz Henken-Mellies dreht sich um und zeigt auf ein mit Metalllamellen abgedecktes Rechteck in der Backsteinwand des Kraftwerksgebäudes, etwa zwei mal drei Meter groß. Durch diese Öffnung wird die Luft aus der Umgebung angesaugt, erzählt er, zusammengepresst und dann mit Erdgas gekühlt. Denn durch den hohen Druck erhitzt sich die Luft und zu warm darf sie nicht sein, wenn sie in die Salzkavernen kommt.

Hier drinnen versteht man kaum noch das eigene Wort. Es ist warm. Die stickige Luft riecht nach Schmieröl. Am Ende der lang gestreckten Halle ragt ein silbriger Metallzylinder in die Höhe, eingezäunt von einem schwarzen, mit Leitern bewehrten Gerüst.

" Ja was Sie hier sehen ist die Gasturbine, hier ist der Abdampfstutzen und hier oben drauf sind die Brennkammern. Wir gehen gleich noch mal das Gerüst hoch, dann können Sie das etwas besser sehen. "

Wird Energie gebraucht, schicken Fritz Henken-Mellies und seine Kollegen die Druckluft in diese Brennkammern. Dazu kommt Erdgas, das verbrannt wird und die Luft erhitzt. Sie dehnt sich aus und treibt die Turbine und den Generator an. An die Gasturbine schließen sich hintereinander aufgereiht mehrere rot angestrichene Maschinengehäuse an.

" Da drüben diese Aufbauten das sind die Brennkammern da haben wir zwei Stück von für die Gasturbine, als nächstes kommt dieser Motor, der auch gleichzeitig als Generator arbeitet, als Generator dann wenn die Turbine betrieben wird, als Motor dann wenn er den Verdichter antreiben muss und der Verdichter schließt sich hier an. Und die verdichtete Luft, das hatte ich schon gesagt, die muss man abkühlen und dazu gibt es hier diverse Kühler, da gehen wir jetzt gleich mal dran vorbei. "

Der Druckluftspeicher in Huntorf erreicht einen Wirkungsgrad von 45 Prozent. Veraltete Technik, sagt Hans Jürgen Haubrich: würde man die Wärme, die beim Zusammenpressen der Luft entsteht, speichern und mit ihr - statt mit Erdgas - später die Luft in den Brennkammern wieder erhitzen, könnte mit Druckluftspeichern ein Wirkungsgrad von bis zu 70 Prozent erreicht werden. Adiabat nennt sich dieses Verfahren ohne zusätzliches Erdgas. Einen Druckluftspeicher mit dieser Technik will der baden-württembergische Stromversorger EnBW demnächst in Norddeutschland bauen. Noch suchen die Ingenieure nach einem passenden Standort. Davon gibt es hier oben theoretisch viele. Denn Salzstöcke im Untergrund sind in Norddeutschland weit verbreitet. Solt man sie aus, entstehen luftdichte Höhlen, wie in Huntorf. Wenn es nach Hans Jürgen Haubrich geht, könnten solche Speicher dem Wind zu einer ganz neuen Karriere verhelfen.

" Was mit der Speicherung verbunden ist, ich brauch keine Regelreserve mehr, sondern der Wind liefert selbst die Regelreserve in dieser Form der gespeicherten Energie in den Druckluftspeicherkraftwerken und das ist natürlich ein ganz wichtiger Aspekt. Hier kann man auf diesem Regelreservenmarkt auch sehr viel Geld verdienen, das heißt, der Wind könnte hier ganz andere Märkte sich erschließen, während er heute weht wann er will und selbst Reserve benötigt könnte er in dieses Reservegeschäft einsteigen. "

Windenergie ist keine bequeme Energie, denn sie lässt sich nicht einfach ein- und ausschalten. Um sie zu nutzen, müssen neue Speicher angelegt und die Stromnetze ausgebaut werden. Aber wenn man diese Probleme in den Griff bekommt, hat der Wind eine enorme Kraft.

" Ungefähr 110 Tonnen die sich da im Wind drehen! Und man spürt sehr gut, wie der Wind tatsächlich in der Lage ist, diese große Masse in wenigen Bruchteilen von Sekunden zu beschleunigen oder abzubremsen und dadurch kriegt man ein bisschen ein Gefühl davon, welche Kraft und Macht im Wind steckt. "

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