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StartseiteDie neue PlatteKraftvoll-zupackend bis empfindsam-zart20.02.2011

Kraftvoll-zupackend bis empfindsam-zart

Trio Parnassus spielt Niels Gades Werke für Klaviertrio

Ausdrucksstarke Themen und pointierte Rhythmen zeichnen die Werke des dänischen Komponisten Niels Wilhelm Gade aus. Seinen Kompositionen für Klaviertrio hat das Trio Parnassus jüngst eine CD gewidmet. Erschienen ist sie bei Dabringhaus und Grimm.

Von Maja Ellmenreich

1843-1848 arbeitete Gade mit dem Gewandthausorchester Leipzig (Stock.XCHNG / Jean-Pierre Ceppo)
1843-1848 arbeitete Gade mit dem Gewandthausorchester Leipzig (Stock.XCHNG / Jean-Pierre Ceppo)

Guten Morgen! Redakteurin am Mikrofon ist Maja Ellmenreich.

Ein Plakat soll über dem Bett des jugendlichen Niels Wilhelm Gade in Kopenhagen gehangen haben. Darauf in großer Schrift: "25 Jahre". Das war das selbst gesteckte Ziel des angehenden Komponisten: Mit 25 wollte er etwas erreicht haben. Der Motivationstrainer von heute fühlt sich da bestätigt, schließlich predigt er: Wer seine Pläne visualisiert, der wird mit Erfolg belohnt. Und so war’s offensichtlich auch schon im 19. Jahrhundert, denn Niels Wilhelm Gade erreichte sein Ziel: Mit 23 bereits gewann er für sein erstes Orchesterwerk einen Preis.

Einige von Gades Kammermusikwerken, die das Trio Parnassus jüngst aufgenommen hat, und die ich Ihnen heute vorstellen möchte, sind sogar noch früher entstanden. Zum Beispiel dieser Satz aus dem Jahr 1836. Gerade mal 19 Jahre alt war Niels Wilhelm Gade damals.

Niels Wilhelm Gade: Scherzo für Klavierquartett cis-Moll (Ausschnitt)

Ein Anfang, der Versuch, ein Klavierquartett zu komponieren. Gade tauchte gerade in die Welt der Kammermusik ein, als er dieses Scherzo für Klavier, Geige, Bratsche und Cello schrieb. Wohlgemerkt - 19 Jahre alt war er damals, seit zwei Jahren spielte er Geige in der königlichen Kapelle in Kopenhagen und traf sich mit seinen Kollegen auch regelmäßig zum Kammermusizieren. In dieser Zeit also, in der zweiten Hälfte der 1830er-Jahre, probierte er es selbst mit dem Komponieren.

Niels Wilhelm Gade: Scherzo für Klavierquartett cis-Moll (Ausschnitt)

Dieses Scherzo kreist um eine Handvoll eingängiger Melodien. Souverän reicht sie Niels Wilhelm Gade von der einen Stimme zur anderen. Es entsteht eine dicht gewebte Struktur, die bereits erahnen lässt, wie meisterlich der Däne eines Tages Formen und Proportionen beherrschen wird. Doch noch ist Niels Wilhelm Gade, der von einem gewissen Andreas Peter Berggreen in Musiktheorie und Komposition unterrichtet wird, noch ist er am Anfang. Er ist unsicher und nicht immer glücklich mit den Ergebnissen seiner Arbeit: Mehrfach vernichtet er Kompositionsversuche, meist bleiben nur einzelne Sätze erhalten – wie dieses Scherzo für Klavierquartett.

Niels Wilhelm Gade steckt noch in der Findungsphase: Er spielt im Orchester, geht auf Reisen, lernt das kompositorische Handwerk, widmet sich der Kammermusik und beschäftigt sich leidenschaftlich gern mit Literatur. 1839 bringt er beides zusammen – Wort und Musik. Er schreibt kammermusikalische Programmmusik: einen Klaviertrio-Satz mit einem inhaltlichen Fahrplan. Von traurigem Beisammensein ist da die Rede, von einem Helden, vom Kampf gegen die Gefühle, von standhaftem Widerstand und einem abschließenden Lebewohl. Niels Wilhelm Gade schreibt mit den Stimmen von Klavier, Violine und Violoncello eine Geschichte nieder.

Programmmusik im Kleinformat, das ist eine Seltenheit im 19. Jahrhundert und zeigt, wie kreativ Gade schon in jungen Jahren war, und dass er den Mut besessen hat, Neues auszuprobieren. Lange Zeit wurde er von der Musikgeschichtsschreibung auf die Rolle des Nachmachers reduziert. Er sei bloß seinen Vorbildern und Freunden Mendelssohn und Schumann gefolgt, hieß es.

Es steht außer Frage, dass die langsame Einleitung zu Gades Programmmusiksatz für Klaviertrio Züge von beiden trägt. Aber das ist zum einen kein Vorwurf, den man einem 22-Jährigen machen sollte. Und zum anderen gehen der innige Ton und die klangliche wie formale Ausgewogenheit einzig und allein auf Gades Konto.

Niels Wilhelm Gade: Adagio aus Klaviertrio-Satz b-Dur (Ausschnitt)

Ganz intim spielt das Trio Parnassus, grazil, fast an der Grenze zum Zerbrechlichen. Die drei Musiker sprechen eine zutiefst romantische Sprache: Es wird gemeinsam geseufzt, sich aufgebäumt und wieder entspannt. Die Geigerin Yamei Yu, der Cellist Michael Groß und der Pianist Chia Chou verstehen sich darauf, eine Stimme, einen Atem, einen Pulsschlag zu finden.

Seit nahezu 30 Jahren treffen sie immer wieder den richtigen Ton für die Musik, die gerade auf ihren Notenpulten liegt. Sie sind – wenn es den Ausdruck gibt – "Vieleinspieler". Sie haben das Feld des Klaviertrio-Repertoires eingehend bearbeitet: Angefangen bei Mozart, Beethoven, Brahms und Schumann haben sie sich vorgewagt zu unbekannteren Namen wie Woldemar Biegel, Benjamin Godard und Philipp Scharwenka.

In seiner Vita wirbt das Trio Parnassus mit dem Fakt, dass es bis heute sämtliche Klaviertrios von sage und schreibe 20 Komponisten eingespielt habe. Partner war stets das Qualitätslabel "mdg" – Musikproduktion Dabringhaus und Grimm. Hier ist auch die jüngste Aufnahme des Trio Parnassus erschienen: Alle Werke, die Niels Wilhelm Gade für Klaviertrio geschrieben hat, ergänzt noch durch einen Satz für Klavierquartett. Dafür haben sich die Parnassus-Musiker wieder mal den Bratschisten Thomas Selditz zu Hilfe geholt – ihr bewährter Partner für’s Quartett.

Für Stahlsaiten und modernen Flügel hat sich das Trio Parnassus entschieden. Von kraftvoll-zupackend bis empfindsam-zart reicht die Palette ihres Spiels. Auf der neuen Gade-CD gibt es nur einige wenige Stellen, bei denen die technische Präzision hinter der emotional-musikalischen Intensität zurückbleibt. Da klingt der eine oder andere Schleifer nicht mehr nach romantischem Überschwang, sondern ist schlichtweg zu viel des Guten. Aber – wie gesagt – das sind nur einige wenige Stellen.

Niels Wilhelm Gade: Finale, Allegro con fuoco aus: Trio, op. 42

Das Finale aus Opus 42, einem Klaviertrio in f-Dur: das Einzige, das Niels Wilhelm Gade je abgeschlossen hat. Entstanden ist es in den 1860er-Jahren. Da hatte Gade bereits aufregende Jahre im Ausland hinter sich und leistete – zurück in seiner Heimat – wertvolle Arbeit für das dänische Musikleben. Er bekleidete als Dirigent und Organist wichtige Posten in Kopenhagen, rief ein neues Orchester ins Leben und bereitete die Gründung eines Musikkonservatoriums vor. Sein Wunsch: In Kopenhagen sollte es auch eine Ausbildungsstätte für Berufsmusiker geben.

So hatte es Niels Wilhelm Gade in Leipzig kennen und schätzen gelernt. In die damalige Musikmetropole hatte ihn 1843 ein Reisestipendium geführt. Und in Leipzig sollte Gade in Windeseile große Erfolge feiern: Das Gewandhausorchester führte seine Werke auf, er machte Bekanntschaft mit Mendelssohn und Schumann, durfte bald selbst das Gewandhausorchester dirigieren und am neu gegründeten Konservatorium unterrichten. Diese für Gade menschlich und musikalisch so wertvolle Zeit dauerte bis 1848, dann drohte der Schleswig-Holsteinische Krieg, und Gade kehrte zurück nach Kopenhagen. Das hatte er ohnehin immer vorgehabt.

Der Einfluss von Robert Schumann, der auch Gade große Hochachtung entgegenbrachte, überdauerte die Heimkehr. Wenige Jahre später nur schrieb Gade für Klaviertrio-Besetzung eine Reihe sogenannter Novelletten, kurze Charakterstücke, ähnlich den Novelletten, die Schumann einst für Klavier komponiert hatte. In nur wenigen Minuten entfalten sie jeweils einen ganz eigenen Charakter, erzählen eine eigene Geschichte, zeichnen ein eigenes Bild. Jede einzelne Novellette kann für sich stehen, doch Gade hat sie meisterlich als Zyklus angelegt.

Und auch sonst zeugen sie von den eigenschöpferischen Stärken des dänischen Komponisten: Er verstand sich auf ausdrucksstarke Themen und pointierte Rhythmen, auf instrumentale Gleichberechtigung und wohlproportionierte Formen. Kurzum: Er war alles andere als ein Nachahmer!

Niels Wilhelm Gade: Moderato aus Noveletten, op. 29

Niels Wilhelm Gade. Seinen Werken für Klaviertrio hat das Trio Parnassus die jüngste CD gewidmet. Erschienen ist sie beim Label "mdg" – Musikproduktion Dabringhaus und Grimm; vorgestellt im Deutschlandfunk, empfohlen von Maja Ellmenreich.

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