Sonntag, 19.11.2017

Krankmeldung von Air Berlin-PilotenFehlender Anstand

Das Verhalten der Piloten von Air Berlin, sich im Netz zum kollektiven Krankfeiern zu verabreden, sei feige und habe nichts mehr mit einem gerechtfertigten Anspruch im Arbeitsrecht zu tun, kommentiert Thomas Weinert. Jeder Investor werde sich fragen, ob er sich so ein Betriebsklima leisten will.

Von Thomas Weinert

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"Annulliert" steht am 12.02.2015 am Flughafen Köln-Bonn (Nordrhein-Westfalen) auf einer Anzeigetafel neben einigen Flügen der Fluggesellschaft Germanwings (Aufnahme mit Zoomeffekt). Die Vereinigung Cockpit hat ihre Mitglieder für den 12. und 13.02. zum Streik aufgerufen. Foto: Marius Becker/dpa
Nichts geht mehr, nachdem Piloten von Air Berlin sich im Netz zum kollektiven Krankfeiern verabredet haben, kritisiert Thomas Weinert.
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"Das ist ein Spiel mit dem Feuer!" Der Vorstand von Air Berlin hat mit dieser Metapher nicht so ganz unrecht. Zumal es sich ohnehin nicht ziemt, im Kontext Flugzeug mit dem Feuer zu spielen. Aber viel anderes fällt einem auch nicht ein, wenn man das bewerten soll, was die Piloten von Air-Berlin sich da gerade leisten. Eine kollektive Krankmeldung in der jetzigen Situation ihres Arbeitgebers – das ist so ziemlich das Fieseste, was man sich ausdenken kann.

Gegenüber dem eigenen Vorstand allemal, aber vor allem gegenüber den Kolleginnen und Kollegen der Verwaltung und des Bodenpersonals. Sie will nach derzeitigem Stand der Dinge keiner der potenziellen Übernahmekandidaten haben, die Piloten jedoch werden wohl übernommen werden von Lufthansa, Easyjet oder wem auch immer. Wenn es, um auf das Spiel mit dem Feuer zurückzukommen, dazu überhaupt kommt.

Netzverabredung zum kollektiven Krankfeiern

Denn bei den Verhältnissen, die offensichtlich bei Air-Berlin herrschen, wird sich jeder Investor fragen, ob er sich so ein Betriebsklima leisten will und kann. Die Piloten der Lufthansa haben wenigstens gestreikt und sich im Rahmen des großzügigen deutschen Arbeitsrechts gewehrt, als sie gegen die Vorstellungen ihrer Geschäftsleitung sich meinten wehren zu müssen. Dafür sind Streiks da, wenn die eine Seite Produktivität will und die andere Seite mehr Geld und Privilegien. Sich aber im Netz zu verabreden zu einem kollektiven Krankfeiern, das ist nun wirklich von nichts mehr gedeckt, was mit Anstand zu tun hat oder mit einem gerechtfertigten Anspruch im Arbeitsrecht.

Verhandlungen mit Investoren werden erschwert

Und dieses Gehabe nun auch noch am zweiten Tag weiter durchzuziehen, das ist feige und wird bei Air-Berlin wohl dazu führen, dass der ganze Laden am Boden bleibt. Auch wenn immer zwei Seiten dazugehören, ein solches Verhalten in der Belegschaft überhaupt denkbar zu machen, den Kollegen, die kurzfristige Dienstpläne bestücken müssen, den tut man so etwas nicht an und den Passagieren übrigens auch nicht. Mit dem Management von Air-Berlin – vor allem dem der Vergangenheit – hat man zugegebener Maßen wenig Mitleid, aber unter diesen Konditionen jetzt mit potenziellen Investoren zu verhandeln und das unter Zeitdruck bis übermorgen – das wünscht man wirklich niemandem.

Es ist allemal zum Überleben praktisch, erst recht für Piloten, in Krisensituationen die Nerven zu behalten. Dass sie es bei Air-Berlin in weiten Teilen nicht tun, ist übrigens auch aus anderen Gründen wenig beruhigend. Der einzige Unterschied zum Spiel mit dem Feuer im eigentlichen Sinn: Das Flugzeug explodiert. Air-Berlin dagegen implodiert.

Thomas Weinert (Deutschlandradio / Bettina Straub)Thomas Weinert (Deutschlandradio / Bettina Straub)Thomas Weinert, Jahrgang 1960, geboren in Hamburg. Studium Kommunikationswissenschaft in München, Volontariat bei SAT1/Telebörse in Frankfurt am Main. Seit 1990 Redakteur in der Wirtschaftsredaktion des Deutschlandfunk, von 2008 bis 2016 Ressortleiter Programmcontrolling, seit 2016 Korrespondent für das Land Berlin.

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