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StartseiteThemen der WocheAfroamerikaner fördern und fordern23.08.2014

Krawalle in FergusonAfroamerikaner fördern und fordern

Die Todesschüsse auf den afroamerikanischen Michael Brown in Ferguson wirkten wie ein Funken, der Dynamit zur Explosion bringt, kommentiert Christoph von Marschall, "Der Tagesspiegel", im DLF. Schwarze Menschen seien die größten Verlierer der Wirtschaftskrise - und verharrten zuweilen in ihrer Opferrolle.

Von Christoph von Marschall, "Der Tagesspiegel"

In der US-Kleinstadt Ferguson nimmt die die Polizei einen schwarzen Demonstranten fest. (AFP / Michael B. Thomas)
In der US-Kleinstadt Ferguson nimmt die die Polizei einen schwarzen Demonstranten fest. (AFP / Michael B. Thomas)
Weiterführende Informationen

Ereignisse in Ferguson: Obama im politischen Dilemma (Deutschlandfunk, Eine Welt, 23.08.2014)

Unruhen in Ferguson: "Obama kann die Probleme gar nicht lösen" (Deutschlandfunk, Interview mit Joyce Mushaben, 22.08.2014)

Schwarze in Ferguson: "Gefühl, nicht repräsentiert zu sein, trägt zur Eruption bei" (Deutschlandfunk, Interview, 21.08.2014)

US-Rassismusdebatte: Polizei erschießt erneut Schwarzen (Deutschlandfunk, Aktuell, 20.08.2014)

Ein Graben trennt weiße und schwarze Amerikaner in ihrem Bemühen zu verstehen, was da geschehen ist und was es bedeutet. Ein Graben trennt auch Amerikaner und Deutsche. Nur zwei Fakten sind unstrittig: Ein weißer Polizist hat vor zwei Wochen den schwarzen Teenager Michael Brown erschossen. Es folgten tagelange Straßenkrawalle. Wie es dazu kam und warum, dazu kursieren unterschiedliche Interpretationen. 80 Prozent der Afroamerikaner sehen Ungerechtigkeiten zwischen den Rassen als Ursache; diese Auffassung teilt nicht einmal die Hälfte der Weißen. Zwei Drittel der Schwarzen meinen, die Polizei habe überreagiert; nur ein Drittel der Weißen sieht das ebenso.

In Deutschland lautet die gängige Deutung: Rassismus und weiße Polizeigewalt gegen schwarze Jugendliche seien allgegenwärtig. Daran habe weder der erste schwarze Präsident etwas geändert noch die Jahrzehnte alten Förderprogramme für Schwarze unter dem Namen "Affirmative Action". Benachteiligung und Segregation gibt es auch heute in Amerika. Sie reichen aber nicht als Erklärung für die Unruhen. Tödliche Schüsse aus Polizeiwaffen fallen nahezu täglich, zu Gewaltexzessen führen sie nur ganz selten. Ferguson ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Todesschüsse wirkten wie Funke

Die Todesschüsse auf Michael Brown wirkten wie der Funke, der einen Haufen Dynamit zur Explosion bringt. Dieser Sprengstoff ist eine Folge der Wirtschaftskrise. Sie hat vielerorts in Amerika zugeschlagen, doch in wenigen Gemeinden so brutal wie in Ferguson. Die Vorstadt von St. Louis ist ein Extrembeispiel für Amerikas Wirtschaftsmodell von "Boom and Bust". In guten Zeiten verdankt das Land ihm ein dynamischeres Wachstum, als Europäer es kennen; zur Kehrseite gehört ein rasanter sozialer und ökonomischer Abstieg in der Krise.

Vor einem Jahrzehnt bestand die Bevölkerung noch zu zwei Dritteln aus weißer Mittelschicht. Heute ist die Einwohnerschaft zu zwei Dritteln schwarz; ein Viertel lebt unterhalb der Armutsgrenze. Vor der Krise lag die Arbeitslosenrate bei fünf Prozent, heute bei 13 Prozent. Weiße zogen weg auf der Suche nach neuen Jobs, zurück blieben weniger mobile Schwarze. Die Hauspreise stürzten ab. Dank des Preisverfalls konnten Afroamerikaner mit moderatem Einkommen zuziehen. Aber auch ihnen fehlten bald die Jobs. So hat sich die Zahl der Wohngeldbezieher verdreifacht.

Verteilung der politischen Macht änderte sich nicht

Die Einwohnerschaft änderte sich, die Verteilung der politischen Macht freilich nicht. Die Wahlämter blieben in der Hand der Weißen. Dazu gehören der Bürgermeister und die Stadträte, aber auch der Polizeichef und der Staatsanwalt, der nun entscheidet, ob gegen den weißen Todesschützen Anklage erhoben wird. Das ist den Weißen nicht unbedingt anzulasten. Sie gehen in höherer Zahl zur Wahl und sind besser organisiert. Doch dieses Missverhältnis hat zur Eruption beigetragen.

Was könnten - und müssten - die Afroamerikaner selbst tun, um ihre Lage zu verbessern? Diese Frage wird in Amerika zu Recht offensiver diskutiert als in Deutschland. Sie enthält zwar unterschwellig den Vorwurf, die Schwarzen seien ein bisschen selbst schuld. Aber sie trifft einen wunden Punkt. Einerseits haben Afroamerikaner nicht die selben Chancen zu sozialem Aufstieg wie Weiße. Andererseits gibt es gute Argumente gegen die angeblich entscheidende Rolle der Hautfarbe: Schwarzen Einwanderern aus Afrika gelingen Aufstieg und Integration weit besser als den in Amerika geborenen Schwarzen. Soziologen erklären das so: Wer in Amerika als schwarzes Kind aufwachse, lerne von seiner Umgebung, sich als Opfer zu betrachten, das keine Chance habe. Schwarze Einwanderer tun das nicht. Sie glauben an ihre Chance im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der jeweilige Glaube werde zur "self fulfilling prophecy".

Afroamerikaner müssen gefördert und gefordert werden

Obama und "Affirmative Action" sind nicht wirkungslos. Der erste schwarze Präsident ist der wandelnde Beweis, dass Aufstieg bis ganz an die Spitze möglich ist. Das macht manchen Mut. Dank der Förderprogramme ist eine schwarze Mittelschicht entstanden. Afroamerikaner leiten bedeutende Unternehmen. Fortschritt gibt es also durchaus, jedoch für zu wenige. Der Weg zu Chancengleichheit und Selbstverantwortung dauert länger als erhofft. Vor allem die wirtschaftliche Emanzipation hinkt hinterher. So ist die Gewalt in Ferguson eine Mahnung. Amerikas schwarze Bürger brauchen weiterhin doppelte Unterstützung: Fördern und Fordern.

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