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Kreditklemme und Steuerdruck

Italiens Mittelstand in Existenznot

Von Kirstin Hausen

Nach objektiven Kriterien sind sehr viele Unternehmen in Italien nur beschränkt kreditwürdig.
Nach objektiven Kriterien sind sehr viele Unternehmen in Italien nur beschränkt kreditwürdig. (picture alliance / dpa - Lars Halbauer)

Die italienischen Banken tun sich schwer damit, in der Krise Geld zu verleihen. Gleichzeitig versucht die Regierung, die Schwarzarbeit im Lande auszumerzen. Beides setzt insbesondere den mittelständischen Unternehmen zu.

"Meine Rücklagen habe ich restlos aufgebraucht, auch meine privaten Ersparnisse", erzählt der Unternehmer Giuseppe Iudici, der bis vor zwei Jahren Schönheitsfarmen mit Kosmetikprodukten belieferte. Als das Geld ausging, habe er sich bei mehr als zehn verschiedenen Banken um ein Darlehen bemüht, erfolglos. Seine Firma mit zwölf Angestellten hat daraufhin Konkurs gemacht. Seitdem ist Iudici in Italien ein gefragter Talkshowgast. Denn er spricht freimütig über sein berufliches Scheitern und die anschließende Lebenskrise. Anders als die Mehrheit der Kleinunternehmer und Mittelständler, die vor Sorgen nicht mehr schlafen können, aber aus Scham niemanden einweihen. Der Psychologe Luigi Policastro hat ein Notfalltelefon speziell für klein- und mittelständische Unternehmer eingerichtet. Denn sie leiden unter der Krise am meisten:

"Solidarität und gegenseitige Hilfe sind wichtig in so dramatischen Momenten, weil wir uns dann zu einer Gruppe zugehörig fühlen und nicht mehr so allein. Aber gefragt sind hier auch die staatlichen Institutionen."

Einen nationalen Hilfsfonds für in Existenznot geratene Kleinbetriebe fordert die Handwerkerinnung in der Region Venetien. Mehr als die Hälfte der Firmen, die seit Jahresbeginn in Venetien Pleite gegangen sind, waren nämlich Handwerksbetriebe. Betroffen sind besonders Zulieferer, die teures Material zur Weiterverarbeitung ankaufen müssen, sobald sie einen Auftrag bekommen. Sie gehen in Vorkasse und bleiben, wenn es schlecht läuft, monatelang auf ihren Rechnungen sitzen oder werden gar nicht bezahlt, weil der Auftraggeber in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Wenn dann die Bank kein Überbrückungsdarlehen gewährt, wird es heikel. So geschehen in der Nähe von Verona, wo der Bankrott einer Firma für Polstermöbel den Niedergang von einem Dutzend Zulieferer nach sich gezogen hat. Wer nur einen großen Kunden hat, riskiert viel.

"Man muss gerade die Klein- und Mittelständler oft persönlich kennen, um sie richtig einschätzen zu können", sagt Federico Ghizzoni, Chef der Großbank Unicredit. Die Kreditvergabe sei in Krisenzeiten ein schwieriges Geschäft. Und daran habe auch die Leitzinssenkung durch die Europäische Zentralbank nichts geändert. Geld gebe es jetzt zwar billiger für die Banken, aber wer es dann verleihe, wolle es trotzdem wiederbekommen. Bei den Kreditnehmern scheint diese Maßnahme bisher also gar nicht anzukommen:

"Ich ändere gerade die Bewertungskriterien für potenzielle Kreditnehmer aus dem Mittelstand. Wir müssen uns auf objektive Fakten stützen, also auf die Bilanz und Informationen rund um das Unternehmen, aber genauso wichtig ist es, dass wir unsere Kunden gut kennen. Deshalb haben wir die Kreditvergabe und das Risikomanagement dezentralisiert und machen das vor Ort. So verstehen wir besser, mit wem wir es zu tun haben und können auch Kredite vergeben an Unternehmer, die sie aufgrund der objektiven Fakten nicht bekommen würden."

Nach objektiven Kriterien sind sehr viele Unternehmen in Italien nur beschränkt kreditwürdig. Denn der Inlandskonsum stagniert, was bedeutet, dass die Verkaufszahlen sinken, während die Produktionskosten nahezu gleich bleiben. Die Wirtschaftsprognosen für die nahe Zukunft sind schlecht, und der Steuerdruck steigt. Alle diese Faktoren zusammen können selbst ein gesundes Unternehmen gefährden. Es retten sich Dienstleister mit geringen Fixkosten, zum Beispiel Übersetzer, die von Zuhause arbeiten oder Unternehmen mit mehreren Geschäftsfeldern, die je nach Marktlage den einen oder den anderen Zweig ausbauen. Und wer kann, schafft schwarze Reserven, statt bei der Bank um Kredit zu betteln, beobachtet der Jungunternehmer Davide D`Ambrosio:

"Steuern zahlen diejenigen, die keine Möglichkeit haben, sie zu hinterziehen. Ich arbeite ausschließlich für Firmenkunden, für Gemeinden, auch für die Region Lombardei und ich muss meinen Kunden Rechnungen ausstellen. Wer dagegen mit Privatkunden arbeitet, der kann einen Teil seiner Einnahmen verschleiern."

Denn in Krisenzeiten will jeder sparen. Und ohne Rechnung gibt es für Privatkunden einen "Sconto" also einen Preisabschlag von mindestens zehn Prozent. Darüber freut sich der Käufer, weil er weniger zahlt, und der Verkäufer, weil er seine Einnahme nicht versteuern muss. Nur der Staat verliert Geld. Und das will Regierungschef Mario Monti nicht länger hinnehmen. Der Kampf gegen die Schwarzarbeit hat bei ihm Priorität.

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