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StartseiteKommentare und Themen der WocheGlaubt gefälligst!29.04.2018

Kreuz, Kippa und KulturkampfGlaubt gefälligst!

Die bayerische Regierung will Kreuze im Eingangsbereich von Behörden aufhängen lassen. Der Staat sei jedoch zur Religionsneutralität verpflichtet, kommentiert Christiane Florin. Er habe nicht zu entscheiden, welche Religion die wahrste, deutscheste und dienlichste sei.

Von Christiane Florin

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Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident (CSU), hängt ein Kreuz im Eingangsbereich der bayerischen Staatskanzlei auf. (dpa/Peter Kneffel)
Auf dem Feld der Religion wäre ein Politiker-Typus gefordert, der anders als Markus Söder (CSU) ohne Hammerschläge auskomme, meint Dlf-Kommentatorin Christiane Florin (dpa/Peter Kneffel)
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Jesus trug keine Lederhose. Er war kein Deutscher und genau genommen auch kein Christ. Das Kreuz, an dem er nur mit einem Lendenschutz bekleidet hing, taugt in den Augen der bayerischen Landesregierung trotzdem zum Aushängeschild Bayerns, Deutschlands, des christlichen Abendlandes. Vom Leidenden zur Leitkultur-Ikone - das geht in Zeiten wie diesen ganz schnell, noch schneller als wie wenn man mit dem Transrapid vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen - Sie wissen schon.

Die bayerische Regierung will, dass Kreuze im Eingangsbereich von Behörden aufgehängt werden als "sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Rechts- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland."

Wer sich ein wenig in der deutschen Rechtsordnung auskennt, weiß, dass Kreuze in staatlichen Einrichtungen Juristen Kopfzerbrechen bereiten. Der Staat ist zur Religionsneutralität verpflichtet, trotz Präambelgott und gelegentlicher Gottähnlichkeit bayerischer Ministerpräsidenten. Der Staat hat nicht zu entscheiden, welche Religion die wahrste, deutscheste und dienlichste ist. Insofern zeugt auch ein Satz wie "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" von Grundgesetzfremdheit.

Das Kreuz als eine Mischung aus Wahrzeichen und Waffe

Juristen widersprechen Söder. Ausgewiesene Kreuz-Kenner aus Theologie und Kirche sind sogar erbost. Von Blasphemie, Instrumentaliserung, Degradierung des zentralen Glaubenssymbols zum Bayern-Logo, reden sie. Über den Wohnungstüren hängen immer seltener Kruzifixe. Heinrich Bedford-Strohm, Chef der Evangelischen Kirche in Deutschland, bekundet trotzdem nur gequälte Freude darüber, dass der Freistaat diese Lücke füllt. Söder hat sich oft darüber beklagt, dass sich die Kirchen in die Flüchtlingspolitik einmischen und auf Nächstenliebe ohne Obergrenze pochen. Nun nimmt er ihnen das Kreuz ab und modelt es zu einer Mischung aus Waffe und Wahrzeichen um.  

Hohn und Spott dürfte er einkalkuliert haben, die Empörung der Anderen gehört zu dieser Identitätspolitik. Doppelnamige Theologinnen und Theologen sind ohnehin nicht Söders Zielgruppe. Er zelebriert den C-Kult für die eigene Gemeinde, Trump hat das mit den Evangelikalen vorgemacht. Die Anderen mögen den Kopf schütteln, die Eigenen haben auf solche Zeichen gewartet. Umfragen zeigen ein wachsendes Bedürfnis der Deutschen nach christlicher Kultur, was immer das auch sein mag. Söder weiß es: Ein Längsbalken, ein Querbalken, einmal wir, einmal die – und schon steht die Abwehr. Der Held hebt das Kreuz und der Gegner, heiße er nun AfD oder Islam, zerfällt zu Staub. Das kennt man, nein nicht aus der Bibel, aber aus schlechten Vampirfilmen.

Das Kreuz, das Söder mit dem Holzhammer in seinem Dienstsitz anbrachte, sieht wie ein Pluszeichen aus. Ein Politprofi wie er weiß natürlich: Wenn er den AfD-Ähnlichkeitswettbewerb bei der Wahl im Herbst nicht gewinnt, folgt dem Hosianna das Kreuziget-ihn. Die CSU ist in diesem Punkt bibelfest.

Alle Augen aufs Kreuz und alles wird gut. So einfach wird es nicht, nicht einmal in Bayern. Dafür ist Religion zu sichtbar. Am Mittwoch versammelten sich in Berlin und anderen Städten Tausende, um ein Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen. Muslimische Frauen waren darunter, die eine Kippa über dem Kopftuch trugen. Ein gutes Beispiel dafür, dass im öffentlichen Bild vieles schief ist. Identitätspolitiker erzeugen den Eindruck: Der Andere, der Feind, das ist der mit dem anderen Glauben. So entstehen "Die Muslime". "Die Juden" wiederum werden per Bindestrich vereinnahmt für eine christlich-jüdische Kultur, die es in dieser Harmonie nie gab. Und "Die Christen" haben sowieso Toleranz, Nächstenliebe und die Gleichberechtigung der Frau erfunden. So steht es in einem Buch, das seit Wochen die Bestsellerlisten anführt.

Wahlkampf ist eine schlechte Ausrede für Kulturkampf

Identität ist mehr als Religion. Religion ist mehr als Identität. Religion wird überschätzt und unterschätzt zugleich. Gerade weil alles so kompliziert ist, wäre ein Politikertypus gefordert, der auf diesem sensiblen Feld ohne Hammerschläge und vernageltes Wir-sind-die-besten auskommt. Der Koalitionsvertrag hat in dieser Hinsicht eine Chance vertan: Darin kommt der Islam vor allem als Sicherheitsrisiko vor, das Christentum in Kirchengestalt als Partner des Staates und das Judentum als floskelhafte Freude über jüdisches Leben in Deutschland. Es fehlt ein Konzept für eine multireligiöse und multi-nicht-religiöse Gesellschaft.

Die sich aufgeklärt Wähnenden murmeln das Mantra "Religion ist Privatsache". Söder und die Seinen recken das Kreuz in die Höhe. Gegen Hass werden Gartenzwergbuddhas als Achtsamkeitsapostel aufgestellt und das Gros der Deutschen lanciert Stoßgebete, dass dieser Religionszauber bald vorbei gehen möge. Religion ist das Irrationale, Politik auf diesem Feld braucht gerade deshalb Vernunft. Wahlkampf ist eine schlechte Ausrede für Kulturkampf. Und Kulturkampf ist Wahnsinn.

Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin ( Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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