• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteInterview"Das sind wirklich Untergangsszenarien"12.08.2017

Krieg im Jemen"Das sind wirklich Untergangsszenarien"

Cholera, Al-Kaida, Flüchtlingsströme: Über 20 Millionen Jemeniten brauchen humanitäre Hilfe, sagte Wolfgang Jamann, Generalsekretär von CARE International im Dlf. Doch es fehle "offensichtlich der politische Wille, diesen Konflikt zu beenden, an dem auch viele Geld verdienen."

Wolfgang Jamann im Gespräch mit Stefan Heinlein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein jemenitisches Mädchen in einem verarmten Dorf vor den Toren der Stadt Hodeidah am 23. Juli 2017. In der Gegend herrscht akuter Wassermangel. (AFP / Abdo Hyder)
Sauberes Trinkwasser ist Mangelware im Jemen. Wolfgang Jamann, Generalsekretär von CARE International, kritisiert die mangelnde Bereitschaft der Beteiligten, den Konflikt zu beenden. Denn viele profitierten "von großen Waffendeals." (AFP / Abdo Hyder)
Mehr zum Thema

Cholera im Jemen Der Krieg verschärft die Lage

Die humanitäre Katastrophe im Jemen Verdrängt und nicht wichtig genug

Epidemie im Jemen Wahl zwischen Verdursten und Cholera

Cholera im Jemen Seuche ungeahnten Ausmaßes

Jemen Der in Vergessenheit geratene Bürgerkrieg

Stefan Heinlein: Seit mehr als zwei Jahren tobt ein Bürgerkrieg im Jemen. Rebellen kämpfen mit Hilfe aus dem Iran gegen die von den Saudis unterstützte Regierung – ein Konflikt weitgehend vergessen von der Weltöffentlichkeit. Das bitterarme Land versinkt im Chaos, eine Choleraepidemie bedroht vor allem die Schwachen in der Bevölkerung. Nur wenig Hilfe kommt aus dem Ausland, auch weil der internationale Flughafen in der Hauptstadt Sanaa geschlossen ist. In Genf erreichen wir jetzt den Generalsekretär der Hilfsorganisation Care International, Wolfgang Jamann. Guten Morgen, Herr Jamann!

Wolfgang Jamann: Schönen guten Morgen!

"Das sind wirklich Untergangsszenarien, die hier drohen"

Heinlein: Sie waren erst kürzlich für mehrere Tage im Jemen, was sind Ihre Eindrücke, wie groß ist die Not der Menschen vor Ort?

Jamann: Ja, wir sind etwa eine Woche durch das Land gereist, die Not ist wirklich dramatisch. Viele Menschen haben nicht mehr genug zu essen, die Wirtschaft ist zusammengebrochen, und die Versorgung des Landes ist eigentlich komplett gekippt. Viele Menschen leiden natürlich unter dem Krieg, sie müssen ihre Dörfer verlassen, sie fliehen innerhalb des Landes, etwa drei Millionen Menschen sind intern vertrieben. Und dazu kommt jetzt die Choleraepidemie, es sind ja 400.000 Menschen betroffen. Wir haben in jedem Dorf eigentlich Cholerafälle gesehen, und die Gesundheitsstationen sind darauf überhaupt nicht vorbereitet, und es droht, dass diese Epidemie, dass diese Situation komplett außer Kontrolle gerät. Das sind wirklich Untergangsszenarien, die hier drohen.

Bomben behindern humanitäre Hilfseinsätze

Heinlein: Wie stark betrifft denn diese Krise, dieser Bürgerkrieg, diese Epidemie die Menschen im ganzen Land, oder sind da nur einige wenige Regionen im Jemen davon betroffen?

Jamann: Eigentlich ist der ganze Jemen betroffen. Es ist ein Bürgerkrieg zwischen mehreren Parteien. Nicht nur die Regierung und die Rebellen, sondern Al-Kaida ist unterwegs, es gibt einige bewaffnete Gruppierungen der ehemaligen Regierung, das heißt, es wird im ganzen Land gekämpft, es wird auch im ganzen Land bombardiert. Die arabische Koalition bombardiert große Teile insbesondere des Nordjemen, sodass auch unsere Mitarbeiter, unsere Helfer sich eigentlich nie sicher fühlen können. Die Vereinten Nationen sagen, dass von den 27 Millionen Menschen, die im Jemen leben, über 20 Millionen humanitäre Hilfe brauchen, das heißt, 70 Prozent der Bevölkerung des Jemen sind direkt betroffen.

"Große Unterernährungszahlen, insbesondere von Kleinkindern"

Heinlein: Das ganze Land ist betroffen, sagen Sie – unter diesen Umständen, wie stark oder wie sehr können Sie oder andere Hilfsorganisationen dann überhaupt Hilfe leisten für die betroffenen Menschen vor Ort?

Jamann: Fast alle Hilfsorganisationen gemeinsam mit der UN haben geschaltet auf lebensrettende Maßnahmen. CARE arbeitet seit 25 Jahren im Jemen, wir haben früher Entwicklungsprojekte dort durchgeführt, auch sehr erfolgreich. Jetzt sind große Teile des Landes, auch übrigens dieser Projekte zerstört, Gesundheitsstationen sind zerstört worden. Wir versuchen jetzt, eine doppelte Art von Hilfe anzubieten: Sauberes Wasser, Hygiene, Latrinen, damit die Cholera sich nicht weiter ausbreitet, und auf der anderen Seite die Menschen mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Es gibt schon große Unterernährungszahlen, insbesondere von Kleinkindern. Das Ganze scheitert oder droht zu scheitern daran, dass wir eben keinen zureichenden Zugang haben zu den Menschen, und zwar sowohl in das Land zu kommen, das ist schon nicht einfach, und dann sich innerhalb des Landes zu bewegen, auch das droht an allen möglichen Hindernissen – Sicherheit, Straßensperren und so weiter – oft zu scheitern.

"Selbsthilfekräfte des Landes sind eigentlich komplett erschöpft"

Heinlein: Also der Flughafen ist geschlossen, ein großes Problem für Sie als Hilfsorganisation – wie kommen denn die Hilfsgüter ins Land?

Jamann: Der Flughafen ist lediglich geöffnet durch UN-Flüge, ansonsten ist der Flughafen eigentlich komplett zerstört. Man landet dort, sieht zerbombte Gebäude, zerstörte Flugzeuge. Zweimal am Tag kann ein kleiner UN-Flieger landen, das Rote Kreuz, die Ärzte ohne Grenzen können einfliegen, aber das ist natürlich bei Weitem nicht genug. Eigentlich bräuchte man auch einen ungehinderten Zugang zum Hafen in Hodeidah, der ist auch bombardiert worden in den letzten Monaten, und kommerzielle Schiffe, Frachter und so weiter können hier auch nur unter großen Schwierigkeiten anlaufen, was ja im Prinzip bedeutet, dass die Selbsthilfekräfte des Landes eigentlich komplett erschöpft sind. Man kann realistischerweise keine 20 Millionen Menschen mit humanitärer Hilfe versorgen, man muss eigentlich dafür sorgen, dass die sich in irgendeiner Art und Weise selbst helfen können, und die Blockade dieses Landes verhindert das derzeit.

"USA, europäische Länder oder Akteure in diesen Ländern profitieren von dem Konflikt"

Heinlein: Ich habe in meiner Anmoderation gesagt, dieser Konflikt im Jemen ist weitgehend vergessen von der Weltöffentlichkeit – stimmt diese Aussage, lässt die Weltgemeinschaft den Jemen, die leidenden Menschen vor Ort tatsächlich im Stich?

Jamann: Ja, das muss man differenziert sehen. Also die internationale Gebergemeinschaft hat hier im April in Genf eine große Konferenz mit finanziellen Zusagen geleistet. Auch die Bundesregierung hat über 120 Millionen Euro mittlerweile zur Verfügung gestellt, finanziert auch CARE vor Ort. Es gibt immer noch eine Finanzierungslücke von über einer Milliarde Euro. Es ist nicht so, als ob die internationale Gemeinschaft diesen Konflikt komplett vergessen hat, allerdings fokussiert sich eigentlich alles auf die humanitäre Hilfe. Die Ursachen des Konfliktes, die Ursache der Not wird nicht adäquat angegangen. Der Konflikt muss gelöst werden – dazu gehören natürlich die Anrainerstaaten, die arabischen Staaten, aber auch die Weltgemeinschaft –, und wir wissen alle, dass hier die USA, auch europäische Länder oder Akteure in diesen Ländern auch von dem Konflikt profitieren, indem sie große Waffendeals machen, das haben wir ja in den Medien ausreichend zur Kenntnis genommen. Das heißt, hier fehlt offensichtlich der politische Wille, diesen Konflikt zu beenden, an dem viele auch Geld verdienen.

"Bizarre Situation, dass Afrikaner versuchen, in den Jemen zu fliehen"

Heinlein: In dieser Woche, Herr Jamann, gab es Meldungen über afrikanische Bootsflüchtlinge, die vor der Küste des Jemen von Schleppern über Bord geworfen wurden. Haben Sie eine Erklärung, können Sie uns erklären, warum Menschen versuchen, in so ein kaputtes Bürgerkriegsland wie dem Jemen zu fliehen.

Jamann: Ja, das ist ja eine bizarre Situation, dass Afrikaner versuchen, in den Jemen zu fliehen. Wir haben auch von Syrern gehört, die nach Somalia fliehen. Das ist ja eigentlich überhaupt nicht mehr zu erklären, ist meiner Meinung nach nur noch ein Anzeichen dafür, wie verzweifelt die Menschen in dieser Region sind, sie wissen ja oft gar nicht, wo sie hingebracht werden von Schleppern. Mir hat man vor Ort gesagt, wissen Sie, wenn die drei Millionen, die sich innerhalb des Jemen auf der Flucht befinden, sich Richtung Europa aufmachen würden, dann würdet ihr uns auch mehr Aufmerksamkeit schenken. Das ist eine bittere Wahrheit. Ich glaube, darauf dürfen wir nicht warten. Wir haben die Verpflichtung, die humanitäre Verpflichtung sicherlich, diesen Menschen zu helfen, und dazu gehört es eben auch, dort hinzuschauen, wo die Menschen noch nicht sich auf den Weg gemacht haben übers Mittelmeer.

"Diese Krisen sind menschengemacht"

Heinlein: Erschwert diese doppelte Fluchtbewegung – also Afrikaner, die versuchen, in den Jemen zu fliehen, und Jemeniten, die versuchen, nach Afrika zu fliehen – noch einmal Ihre Arbeit als Hilfsorganisation?

Jamann: Die Hilfsorganisationen insgesamt sind an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Wir haben Dürre in Ostafrika, wir haben Krieg im Norden von Nigeria, wir haben Syrien, Libyen, der Jemen, im Prinzip ist die humanitäre Gemeinschaft an der Grenze dessen, was sie leisten kann. Es sind 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, das ist noch mal eine ganz besondere Herausforderung, diese Menschen zu finden, diesen Menschen zu helfen. Wir können als humanitäre Helfer das Elend der Not natürlich nicht gänzlich beseitigen, wir können tun, was wir können mit unserer Professionalität, allerdings brauchen wir eine andere Art des Herangehens an die Ursachen für diese humanitäre Not. Es kommt nicht von ungefähr, diese Krisen sind menschengemacht.

Heinlein: Im Deutschlandfunk heute Morgen der Generalsekretär der Hilfsorganisation CARE International, Wolfgang Jamann. Herr Jamann, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören nach Genf!

Jamann: Auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk