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Seit 17:05 Uhr Kulturfragen
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKrieg im Namen der Religion21.10.2010

Krieg im Namen der Religion

Internationales Symposium "Religionen: Weltfrieden"

Entwickeln sich Religionen zur Ursache von Bluttaten? Welchen Einfluss haben die religiösen Gebote der Gewaltfreiheit? Seit gestern diskutieren Konfliktforscher aus aller Welt auf dem Internationalen Kongress "Religionen und Weltfrieden" in Osnabrück.

Von Matthias Hennies

Religion ist oft nur oberflächlich Ursache von Konflikten. (AP)
Religion ist oft nur oberflächlich Ursache von Konflikten. (AP)

Sunniten schießen auf Schiiten, Hindus verbinden Tempel von Sikhs – und umgekehrt –, der christliche Westen führt Krieg in islamischen Ländern: Man könnte meinen, religiös begründete, gewalttätige Konflikte seien zur größten Bedrohung des Friedens geworden. Tatsächlich bestätigt der Friedensforscher Andreas Hasenclever, dass die Zahl von Konflikten mit religiöser Dimension leicht zugenommen hat:

"Das liegt aber auch daran, dass religiös motivierte Konflikte länger dauern und daher länger in den Kriegsstatistiken auftauchten. Bei der Ursachenfrage wird gestritten, es gibt einige, die behaupten, dass religiöse Differenzen als Konfliktursache ernst zu nehmen sind, andere Kollegen meinen, dass Religionen ein Phänomen sind, das andere Kriegsursachen überlagert."

Hasenclever, Professor an der Universität Tübingen, ist überzeugt, dass die Religion meist als Deckmantel dient, um den wirklichen Grund für Gewalt und Krieg zu verbergen: Streit um Ressourcen etwa, ein drastisches Wohlstandsgefälle oder ethnische Unterschiede.

Warum immer wieder der Glauben genutzt wird, um andere Interessen zu maskieren, bringt Markus Weingardt auf den Punkt:

"Religionen sind dafür besonders geeignet, weil es da nicht nur um Werte, um Identität geht, sondern es geht darüber hinaus noch um das Transzendente. Und dadurch gewinnt es ein ganz anderes Gewicht. Wenn ich mal davon überzeugt bin, dass mein Anliegen ein heiliges ist, dann ist es ein kleiner Schritt, den Gegner zu verteufeln und dann ist es noch ein kleiner Schritt, es als heilige Pflicht, als eine Form von Gottesdienst zu begreifen, den Gegner zu bekämpfen. Und zwar mit allen Mitteln."

Wer behauptet, sein Anliegen sei gottgewollt, kann eben nicht widerlegt werden. Was jenseits der physischen Welt liegt, im Transzendenten, lässt sich nicht nachprüfen. Dr. Weingardt, der für die Forschungsstelle der Evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg arbeitet, ist aber auf die gegenteilige Wirkung von Religion spezialisiert:

"Das Friedenspotenzial, das Friedenspotenzial von Religionen. Die Forschung weiß sehr viel über die konfliktverschärfende Rolle von Religionen, da wird seit vielen Jahren dran gearbeitet. Es wurde sehr wenig daran gearbeitet, welche Beiträge religiöse Akteure zur Nicht-Eskalation von politischen Gewaltkonflikten geleistet haben. Dazu gibt es sehr viele Beispiele, aber diese Beispiele bekannt zu machen und damit auch einem Zerrbild von Religion entgegenzuwirken, das ist mein primäres Anliegen."

Da die friedensstiftende Funktion von Religion bisher wenig erforscht worden ist, sprechen auf der Osnabrücker Tagung mindestens so viele Praktiker der Friedensarbeit wie Wissenschaftler. Sie können eine erstaunliche Menge von Beispielen nennen, bei denen Glaubensüberzeugungen Konflikte entschärft haben. In afrikanischen Staaten etwa, in denen Religiosität viel tiefer verwurzelt ist als im Westen, engagiert sich Dr. Mustafa Ali systematisch für Maßnahmen der Deeskalation.

"In bodenständigen, örtlichen Konflikten haben wir meist religiöse Führer als Mediatoren eingesetzt. Sie vermitteln etwa zwischen zwei Clans, die um Weidegründe oder Brunnen kämpfen, und werden dafür ausgebildet, den Konflikt von der gewalttätigen Ebene wegzubringen."

Ali arbeitet für den African Council of Interreligious Dialogue, den Afrikanischen Rat für Interreligiöse Verständigung. Auf den Dörfern hat der Rat Erfolge mit dieser Methode, selbst in verwüsteten Staaten wie Somalia, denn die Autorität der Imame und Ayatollahs wiegt schwer. Auf landesweiter Ebene die Gewalt einzudämmen, ist schwieriger. In Somalia baut der Rat jetzt eine nationale Organisation der religiösen Führer auf, um ein Gegengewicht zu den korrupten Politikern zu installieren.

Ein zentrales Ziel der Friedensarbeit ist - nicht allein in Somalia - die Jugend zu erreichen. Jugendliche, ja Kinder werden von Warlords skrupellos als Soldaten rekrutiert, oft mit religiösem Vorwand. Um sie davor zu schützen, arbeiten die Friedensaktivisten an einem nationalen Jugend-Netzwerk, das über die Religionen aufklären soll: dass sie nicht die Vernichtung Andersgläubiger fordern, sondern Toleranz Gewaltlosigkeit.

Seinen größten Erfolg erlebte Ali beim Bürgerkrieg in Sierra Leone. Auf dem Höhepunkt des Krieges brach jede Kommunikation zwischen den Parteien ab – und damit jede Chance auf eine Einigung.

"Der Krieg spitzte sich so furchtbar zu, dass die Frauen beschlossen, eine Vereinigung zu gründen. Und dann sprachen sie die religiösen Führer an und sagten: Wir müssen diesen Wahnsinn stoppen. Der Interreligiöse Rat von Sierra Leone ist dann zu den Rebellen gegangen, denn den religiösen Führern wird vertraut. Sie konnten dann zurück zur Regierung gehen und eröffneten so wieder das Gespräch zwischen den Parteien. Und das führte zum 'Lomé Friedens-Treffen', das den Krieg in Sierra Leone tatsächlich beendete."

Religionen haben aber auch eine unfriedliche Seite: Sie missionieren, sie konkurrieren um Gläubige. In Afrika hängen kaum noch Menschen den traditionellen Naturreligionen an, praktisch alle sind Muslime oder Christen geworden. Wer neue Gläubige gewinnen will, muss sie der anderen Konfession abjagen. Und dabei erhebt jede Glaubensrichtung den Anspruch, durch sie allein sei der Weg zur Seligkeit zu finden.

Ein großes Problem, betont Ali. Dagegen hält er, dass zu allen Religionen auch die Forderung nach Friedlichkeit und Toleranz gehört – diese Seite soll endlich gründlicher erforscht und künftig systematischer genutzt werden. Mustafa Ali, selbst Muslim, zitiert aus dem Koran:

"Es gibt eine Aya im Koran, einen Satz, der sagt: Es gibt keinen Zwang in der Religion. Ich werde niemanden zwingen, Muslim zu werden oder den Islam auf die Weise zu praktizieren, die ich für die beste halte. Man kann die Menschen nur überzeugen."

Es geht aber nicht nur um die fernen Länder der Dritten Welt. Religion hat auch in Europa eine wichtige Funktion, so Markus Weingardt: im verbissenen, jahrzehntelangen Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland, aber auch in Deutschland – obwohl das fast schon vergessen scheint:

"Die sogenannte Wende in der DDR wäre ohne die Rolle vor allem der evangelischen Kirche dort nicht zustande gekommen – jedenfalls nicht so gewaltlos verlaufen. Darüber gibt es in der Friedensforschung keinen Zweifel. Hier hat Religion, eine Kirche, der man eigentlich wenig zugetraut hatte, eine ganz zentrale Rolle übernommen."

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