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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturRadikaler Pazifismus ist keine Antwort03.04.2017

Kriege und KonflikteRadikaler Pazifismus ist keine Antwort

Er sei ein Bellizist, diesen Vorwurf musste sich Wilfried Hinsch gefallen lassen, nachdem vor elf Jahren sein Buch "Menschenrechte militärisch schützen" erschienen war. Nun legt der Moralphilosoph noch einmal nach. In "Die Moral des Krieges", das zwar im Untertitel "Für einen aufgeklärten Pazifismus" heißt, erteilt er dem Pazifismus eine klare Absage.

Von Matthias Bertsch

Die Hall of Names in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)
Die Hall of Names in der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem. (dpa/picture-alliance/Michael Kappeler)
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"Hitler, bestätigte Gandhi feierlich, hat fünf Millionen Juden umgebracht. Das ist das größte Verbrechen unserer Zeit. Aber die Juden hätten sich selbst unter das Schlachtermesser legen sollen. Sie hätten sich selber von den Klippen in das Meer stürzen sollen. Sie glauben, sagte ich, die Juden hätten kollektiven Selbstmord begehen sollen? Ja, stimmte Gandhi zu, das wäre Heldentum gewesen. Es hätte die Welt und das deutsche Volk wach werden und das Böse der Hitlerschen Gewalt erkennen lassen, besonders 1938, vor dem Krieg."

Wilfried Hinsch zitiert in seinem Buch "Die Moral des Krieges" den amerikanischen Journalisten Louis Fischer, der Gandhi 1946 auf das Schicksal der europäischen Juden angesprochen hatte. Das Zitat soll den radikalen Pazifismus Gandhis offen legen - und zwar im doppelten Wortsinn. Zum einen will der Kölner Moralphilosoph damit zeigen, dass sich der indische Freiheitskämpfer in seinem Einsatz für eine absolute Gewaltlosigkeit auch in Extremsituationen treu geblieben ist. Zum anderen soll Gandhis Unbedingtheit, seine Prinzipientreue auch im Hinblick auf den Holocaust, bloß gestellt werden: Wer angesichts der moralischen Katastrophe schlechthin kategorisch auf Gewalt verzichtet, kann für seine Haltung keine moralische Überlegenheit beanspruchen.

Den Preis zahlen andere

Diesen Vorwurf erhebt Hinsch auch gegenüber der ehemaligen Bischöfin Margot Käßmann und dem Liedermacher Konstantin Wecker. Käßmanns Forderung nach einer Abschaffung der Bundeswehr erteilt er genau so eine Absage wie Weckers bedingungslosem Eintreten für den Pazifismus, der in der Überzeugung "Ich möchte mich lieber töten lassen, als selbst zu töten." kulminiert.

"Es ist eine Sache, sich als radikaler Pazifist im Falle eines ungerechten Angriffs selbst töten zu lassen - und sich dadurch gewissermaßen für die eigenen moralischen Überzeugungen zu opfern. Es ist aber etwas ganz anderes, in einer Konfliktsituation den Tod Dritter in Kauf zu nehmen, weil man selber nicht bereit ist, einen ungerechten Angriff auf ihr Leben abzuwehren, wenn dies nur dadurch möglich ist, dass man den Angreifer tötet. In beiden Fällen wahrt man als radikaler Pazifist die eigene moralische Integrität. Im ersten Fall zahlt man den Preis dafür jedoch selbst, im zweiten zahlen ihn andere."

Wirklich neu ist dieses Argument nicht, aber es ist ein starkes Argument gegen jene pazifistischen Stimmen, die jegliches Plädoyer für - oder Nachdenken über - ein militärisches Eingreifen als Kriegstreiberei etikettieren. Die Großdemonstrationen der Friedensbewegung gegen den Nato-Doppelbeschluss in den 80er und den Irak-Krieg in den 90er Jahren, das Pfeifkonzert für Joschka Fischer, als dieser auf dem Bielefelder Parteitag der Grünen 1999 für den Kosovo-Krieg warb oder die Kritik an der Rede von Joachim Gauck auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014, in der sich der Bundespräsident für mehr Beteiligung Deutschlands bei internationalen Militäreinsätzen aussprach - das alles ist für Wilfried Hinsch Ausdruck einer Ethik, der es vor allem um die eigene Gesinnung und nicht um ein moralisch verantwortliches Handeln geht, das die Konsequenzen des eigenes Tuns - oder Unterlassens - vor Augen hat.

Frieden schaffen - auch mit Waffen

Hinsch dagegen ist überzeugt, dass es ohne die Bereitschaft, notfalls auch militärisch einzugreifen, kein friedliches Miteinander auf der Welt geben kann. "Die Moral des Krieges" ist insofern auch eine Weiterentwicklung seines Buches "Menschenrechte militärisch schützen", das vor elf Jahren erschienen ist.

"Wenn Menschenrechte wie das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person tatsächlich höchste ethische Werte sind, dann muss es zumindest prinzipiell auch zulässig sein, sie nötigenfalls mit Waffengewalt zu schützen - selbst dann, wenn dies mit Opfern und hohen Kosten verbunden ist."

Wer diesen Schutz in der Realität bieten kann, bleibt in "Die Moral des Krieges" offen. Im Grunde sollte es Aufgabe des UN-Sicherheitsrates sein, doch das Gremium hat durch die interessengeleitete Politik seiner ständigen Mitglieder viel an Glaubwürdigkeit verloren. Einem möglichen Weltstaat mit einem globalen Gewaltmonopol erteilt Hinsch eine Absage, die notwendigen Zwangsmittel zur Durchsetzung des Rechts könnten auch dezentral organisiert sein.

"Wichtig ist lediglich, dass es auf zwischenstaatlichen Vereinbarungen beruhendes Recht gibt und dass dieses Recht durch internationale Gerichte zwangsweise durchgesetzt werden kann."

Dass es bei der Durchsetzung des Rechts auch unschuldige Opfer geben kann, daran lässt der Moralphilosoph keinen Zweifel. Worauf es ankomme, sei, ihre Zahl gering zu halten, das gebiete die Moral der fairen Gegenseitigkeit, die Hinsch der moralischen Unbedingtheit des "du sollst nicht töten!" gegenüberstellt.

Der Schleier des Nichtwissens

Grundlage dieser Moral sind utilitaristische Elemente, die das größte Glück der größten Zahl zum Maßstab erheben, verbunden mit den Gedanken von John Rawls. Der amerikanische Philosoph hat in seiner "Theorie der Gerechtigkeit" die Idee eines "Schleiers des Nichtwissens" entwickelt: Wenn die Menschen nicht wüssten, zu welcher Gruppe sie gehören, würden sie keinen Entscheidungen zustimmen, die den Mitgliedern einer anderen Gruppe einen unverhältnismäßig großen Schaden zufügen - sie könnten schließlich selbst davon betroffen sein. Die Betonung liegt auf unverhältnismäßig, es geht immer darum abzuwägen, und dabei nicht parteiisch zu sein, betont Hinsch. Aber darf man Schaden und Nutzen gegeneinander abwägen, wenn es um Menschenleben geht?

"Ja, die Abwägungsbedingung ist ein allgemeines Kriterium rationalen Handelns. Allerdings: Im Ergebnis müssen die erwartbaren Vorteile eines militärischen Eingreifens die Nachteile deutlich überwiegen, damit das Eingreifen als moralisch erlaubt oder gar geboten gelten kann."

Darf man ein Passagierflugzeug abschießen?

Darf man also auch in Erwägung ziehen, eine Passagiermaschine abzuschießen, die in einem Terrorakt über einem vollbesetzten Stadion zum Absturz gebracht werden soll? Ja, erklären Hinsch und sein Co-Autor Peter Sprong auf Nachfrage schriftlich, der Abschuss müsse sogar erwogen werden.

"Es wäre seltsam, wenn diese (unparteiische) Abwägung auch bei vergleichsweise wenigen Passagieren im Flugzeug und bei sehr vielen Menschen, die im Stadion gerettet werden könnten, stets zu Gunsten der Passagiere im Flugzeug ausginge. In der Tat, es liefe darauf hinaus, den Überlebensinteressen der Flugzeuginsassen ein größeres Gewicht zu geben als denen der Besucher des Stadions, was sich mit Unparteilichkeit kaum vereinbaren lässt."

Ein solches Denken, unschuldige Menschen zu opfern um andere zu retten, verstößt gegen die Menschenwürde, den Grundwert unserer Verfassung, kann man - zu Recht - einwenden. Und doch sind die Gegenargumente von Wilfried Hinsch zu wichtig, um es sich in der eigenen Prinzipientreue bequem zu machen und sich deswegen mit den abweichenden Gedanken von "Die Moral des Krieges" nicht ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wilfried Hinsch: "Die Moral des Krieges. Für einen aufgeklärten Pazifismus"
Piper Verlag, 272 Seiten, 22 Euro.

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