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StartseiteKultur heute"Der Schrank der Schande" ist jetzt öffentlich29.02.2016

Kriegsverbrechen in Italien"Der Schrank der Schande" ist jetzt öffentlich

Die deutsche Wehrmacht hat zwischen 1943 und 1945 rund 15.000 Menschen in Nord- und Mittelitalien ermordet. Das geht aus Dokumenten hervor, die in einem Schrank versteckt waren und erst 1994 gefunden wurden. Noch mal zehn Jahre dauerte es, bis die historische Aufarbeitung der Unterlagen begann. Jetzt liegen sie online vor.

Von Thomas Migge

Am 10. Oktober 1944 folterten und töteten SS-Soldaten in der Kleinstadt Casalecchio in der Region Emilia-Romagna 13 antifaschistische Partisanen. Der Fall Casalecchio ist nur eines von zahlreichen Kriegsverbrechen, die die deutsche Wehrmacht und die SS in Italien begingen. Die genauen Hintergründe und die Namen der meisten Verantwortlichen blieben lange unbekannt. Erst 1994 entdeckte sie der investigative Journalist und Historiker Franco Giustolisi, in einem Schrank im Keller eines römischen Militärgerichts: "Von September 1943 bis April 1945 hatten die Wehrmacht und die SS weite Teile Mittel- und Norditaliens besetzt. Die Verbrechen, die sie dort an der Zivilbevölkerung begangen hatten, waren alle dokumentiert und lagen, gut versteckt, in diesem Schrank. Dort befanden sich die Beweise für die Ermordung von rund 15.000 Menschen."

In diesem "Schrank der Schande", wie ihn Giustolisi taufte, lagen Dokumente zu über 700 deutschen Kriegsverbrechen in Italien. Penibel aufgelistet - mit Tag, Ort, Zahl der Toten sowie den Namen der Täter. Historiker Luca Alessandrini vom Wissenschaftsinstitut Parri in Bologna: "Im Fall von Casalecchio wurden die Informationen von Ermittlern der US-Armee zusammengetragen, und zwar noch bevor die Alliierten die Stadt befreiten. Man wusste also schon früh, welche Einheiten der Wehrmacht, welche SS-Leute die Taten begangen hatten, wie die Kommandohierarchie aussah."

Auch die meisten anderen Unterlagen im "Schrank der Schande" wurden von US-Ermittlern zusammengestellt, meist mithilfe von Augenzeugenberichten aus der Bevölkerung. Nach Kriegsende übergaben die Amerikaner ihre Dokumentation den nun demokratischen italienischen Behörden. Die waren daran aber nicht besonders interessiert. Und das hatte in erster Linie politische Gründe.

Historiker konnten mittlerweile nachweisen, dass es 1950 zu einem geheimen Abkommen zwischen Italien und der Bundesrepublik Deutschland gekommen war, damit deutsche Kriegsverbrechen an Italienern unter den Teppich gekehrt werden - um die endlich wieder guten Beziehungen zwischen den beiden Staaten nicht zu belasten.

Doch auch als der "Schrank der Schande" 1994 wiederentdeckt wurde, brachte das die Aufklärung nicht sofort voran. Historiker warfen dem damals von der Berlusconi-Partei Forza Italia dominierten Parlament mangelndes Interesse am Thema Kriegsverbrechen vor. Erst 2004 wurde eine parlamentarische Kommission eingerichtet, die sämtliche Unterlagen auswertete. Der Historiker und Politiker Carlo Carli war Mitglied dieser Parlamentskommission: "Das Resultat unserer Auswertung zeigt vor allem, wer neben den bekannten Namen wie etwa Herbert Kappler und Erich Priebke sonst noch für die Ausführung von Kriegsverbrechen verantwortlich war, und gegen wen somit bis heute nicht prozessiert wurde. Und zwar, wie man ja heute weiß, aus Gründen der Staatsräson." Außerdem erhalten die jetzt veröffentlichten Dokumente grausame Details der Kriegsverbrechen, sie geben etwa Auskunft über die brutalen Foltermethoden der SS.

Aber auch wenn die endlich publizierten Dokumente des "Schranks der Schande" wichtige Informationen zu deutschen Kriegsverbrechen liefern, die, was nicht ausgeschlossen ist, zu neuen Prozessen in Italien führen könnten, sei die Aufarbeitung damit noch lange nicht abgeschlossen, meint Davide Conti, Historiker im Archiv des italienischen Parlaments: "Wir müssen uns jetzt fragen, wer denn nun die Dokumente in dem Schrank versteckt hat: War es das Militär? Oder die politisch Verantwortlichen? Oder alle beide? Es geht hier um unsere Verantwortung gegenüber unserer eigenen italienischen Geschichte."

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