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StartseiteBüchermarktKrimi mit Terrorverdacht30.09.2010

Krimi mit Terrorverdacht

Hilal Sezgin: "Mihriban pfeift auf Gott". Dumont

Mihriban wird ihr bisher so vertrauter, so vernünftig scheinender Bruder unheimlich. Ist Mesut zum Terrorist geworden? Die Autorin beherrscht die Kunst, diese Frage über einige hundert Seiten unbeantwortet zu lassen, ohne dass die Spannung nachlässt. Das Buch ist auch eine Warnung vor allzu großer Macht des Staates.

Von Kersten Knipp

Hilal Sezgin: "Mihriban pfeift auf Gott", Dumont. (Dumont)
Hilal Sezgin: "Mihriban pfeift auf Gott", Dumont. (Dumont)

Am Ende des Romans pfeift Mihriban auf Gott, aber das hat sie an dessen Anfang auch schon getan. Womit klar ist, dass es sich hier um keinen Emanzipationsroman über eine junge Türkin handelt, die anfangs sehr viel über Gott hat hören müssen und sich am Ende aus dem Dickicht allzu frommer Mythen und Legenden befreit hat. Nein, Mihriban ist keine muslimische Betschwester und ist nie eine gewesen. Deshalb führt der Titel in die Irre, denn allzu leicht lässt er an innere Lehr- und Wanderjahre denken, an deren Ende die bessere Erkenntnis steht. Zwar geht es um Erkenntnis in diesem Roman, aber um eine ganz anderer Art.

Die Frage ist nämlich, ob Mihribans Bruder Mesut, bislang ein ordentlicher Informatik-Student, mit immerhin Anfang 30 eine Erfahrung der Art gemacht hat, die gläubige Menschen als religiöse Erleuchtung bezeichnen - eine sehr starke Erleuchtung allerdings, an deren Ende die entschiedene Hinwendung zu Gott steht. Und das heißt auch: eine nicht minder entschiedene Abkehr von der Welt, jedenfalls der westlichen Welt und der Entschluss, sie zu bekämpfen ob all ihrer Sündhaftigkeit.

Ist Mesut also zum Terrorist geworden? Hilal Sezgin beherrscht die Kunst, diese Frage über einige hundert Seiten unbeantwortet zu lassen, ohne dass die Spannung nachlässt. Dass der Roman zum Krimi wird, möchte man anfangs gar nicht vermuten. Denn zunächst präsentiert er sich ausgesprochen harmlos: Mihbiran macht Urlaub, zur Weihnachtszeit in Ägypten, zusammen mit ihrem Bruder Mesut, den vor einigen Monaten die Freundin verlassen hat, und dessen Tochter Suna.

Ägypten, das Rote Meer: ein Urlaubsparadies, jedenfalls für all jene Gäste, die von Sonne, Strand, Halbpension und Animationsprogrammen träumen. Die sich morgens am Büffet gleich zwei Eier und zwei Gläser Orangensaft nehmen, es könnte ja später nichts mehr da sein. Die das hoteleigene Handtuch für die Dusche erst mit an den Strand und schließlich mit nach Deutschland nehmen, nicht ohne zugleich auch noch sämtliche Shampoos, Badelösungen, Kämme und Badekappen eingesackt zu haben - schließlich hat man dafür bezahlt!

Hilal Sezgin hat einen wunderbar bösen und dabei nicht humorlosen Blick für die Banalitäten des Haben-Wollens, die Gier nach Günstigem oder besser noch Geschenken, und wenn nicht Geschenken, dann Geklautem. Aber dann, mitten in die Silvesternacht, mitten ins laue Animationsprogramm platzt die Nachricht, in Deutschland seien Sektflaschen vergiftet worden, einige Menschen seien bereits gestorben. Die Anzeichen für einen Anschlag verdichten sich, und am Ende steht fest: Es waren tatsächlich Terroristen, und bald weiß man auch: Es waren muslimische Extremisten.

Einige konkrete Anzeichen sprechen nun dafür, dass Mesut Mitglied der Terroristenbande ist: So hat er offenbar Beziehungen zu islamistischen Extremisten, für deren Schutz er offenbar sogar seine Stelle als Netzwerkadministrator an der Universität aufs Spiel setzt. Und manches spricht dafür, dass er jene Sektkellerei ausspioniert hat, deren Flaschen dann das tödliche Gift beigefügt wurde. Und dass er kurz nach dem Attentat zur Hadsch, der Pilgerreise nach Mekka, aufbricht, lässt vermuten, dass er sein Heil nun mehr und mehr im Glauben sucht. Dies umso mehr, als seine Lebensgefährtin, die ihm die gemeinsame Tochter Suna geboren hat, ihn kurz zuvor verlassen hat.

Rasterfahnder hätten ihre Freude an dem Deutschtürken: Er ist in allem der ideale Kandidat für einen Anschlag. Auch Mihriban wird der bis dahin so vertraute, so vernünftig scheinende Bruder unheimlich. Sie spioniert ihm hinterher, mag seinen Erklärungen nicht glauben, vermutet hinter seinem eigentlichen ein noch viel eigentlicheres, dunklen Terrorgelüsten gewidmetes Leben.

Ob ihr Verdacht darum aber die typische Reaktion "islamophober Mainstreamdeutscher" spiegelt, wie es in einer Rezension der TAZ heißt, ist allerdings zweifelhaft. Denn die Anhaltspunkte gegen Mesut verdichten sich, und zumindest aus Mihribans Perspektive spricht manches dafür, dass er tatsächlich eine Doppelexistenz führt. Aber Mihriban mag ihren Bruder und ist die letzte, die ihm nicht trauen wollte. Genau das ist ihr aber nun nicht mehr möglich, denn die Indizien wiegen schwer. Dass sie diesen Indizien nun aber nachgibt: Ist das wirklich Zeichen einer deutschen Mainstream-Islamophobie - oder nicht eher einer ganz natürlichen Skepsis?

Der Roman selbst enthält sich aller expliziten Erörterung. Stattdessen nimmt er eine abenteuerliche Wende, die die deutschen Geheimdienste vorantreiben. Das liest sich zwar spannend, wirkt zunächst aber auch recht kühn konstruiert. Denn dass eine bislang unbescholtene Familie in die Fänge des Staatsschutzes gerät, das erscheint auf den ersten Blick etwas konstruiert. Wenn man sich dann aber des Schicksals des Deutsch-Libanesen Khaled Al-Masri erinnert, der von amerikanischen Geheimdiensten entführt wurde, weil sein Name mit dem eines gesuchten Al-Qaida-Kämpfers übereinstimmt, scheint es schon plausibler, dass auch Mesut in die Fänge des Geheimdienstes gerät. Auf jeden Fall ist das Buch eine Warnung vor allzu großer Macht des Staates; eines Staates, in dessen Fangnetzen wie Internet- und Rasterfahndung sich auch unbescholtene Bürger verfangen können - mit unabsehbaren Folgen für ihr Leben.

Und die Wahrheit? So leicht lässt sie sich nicht ermitteln, es kostet Mühe, sie zu erkennen. Diese Erfahrung bildet der Roman auch formal ab: Die Geschichte; die er erzählt, eröffnet ein weites Feld möglicher Zusammenhänge, die, je nachdem, wie man sie kombiniert, über lange Zeit die unterschiedlichsten Schlussfolgerungen zulassen. An diesen Kombinationen drohen die Protagonisten irre zu werden. Dass sie weitgehend einen kühlen Kopf behalten, ist alles andere als selbstverständlich. Andererseits kennen sie über lange Strecken die Wahrheit auch nur ansatzweise und verzweifeln darum nicht an ihr - was einmal mehr beweist, dass Nicht-Wissen auch eine Gnade sein kann.

Hilal Sezgin: Mihriban pfeift auf Gott. Dumont Verlag, 350 S., 16,95

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