• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteBüchermarkt"Gangsterland" - eine Travestie des Bildungsromans26.01.2017

Krimi spezial"Gangsterland" - eine Travestie des Bildungsromans

Tod Goldbergs Roman "Gangsterland" überzeugt durch seine ausdifferenzierten Figuren und die fast parodistische Schilderung von Mafia und jüdischem Milieu. Als Krimi zwar nicht rasend spannend, zwingt er die Leser doch in eine moralische Zwickmühle.

Von Florian Felix Weyh

Blick auf die Skyline des New Yorker Stadtteils Manhattan mit den Zwillingstürmen des World Trade Centers und der Freiheitsstatue bei Nacht. (dpa / Kurt Scholz)
Die New Yorker Skyline bei Nacht, als noch das World Trade Center stand. (dpa / Kurt Scholz)

Nicht so einfach, einen Auftragskiller mit vielen Dutzend Leichen im Keller sympathisch zu finden:

Er war ein Profi, ein Workaholic sogar, mit einer soziopathischen Einstellung zur Ge­walt, was sich aber ausschließlich auf die Arbeit begrenzte; das hieß, er war kein rich­tiger Soziopath.
(Auszug)

So charakterisiert das FBI Sal Cupertine, der in Chicago derart perfekt für die Mafia tötet, dass man ihm nie etwas beweisen kann. Im Job eiskalt, ist er privat jedoch ein liebender Familienvater, zudem ein Eidetiker, der in seinem fotografischen Gedächtnis blitzschnell Informationen abspeichert. Das mag für einen Killer nützlich sein, aber eigentlich ist es eine Verschwen­dung intellektueller Ressourcen, die sich anderswo teurer verkaufen lassen.

Rabbi Kales dachte kurz nach, dann sagte er: "Sie haben Benjamin eine gan­ze Menge gekostet."
"Was soll das heißen?"
"Das, was ich gesagt habe. Er hat viel Geld für Sie gezahlt."
"Er hat mich gekauft?"
"Ich habe gehört, Sie verfügen über besondere Fähigkeiten. Das Ausmaß Ihrer Lektüre, das Ausmaß der Inhalte, die Sie im Gedächtnis behalten, ist erstaunlich. Wissen Sie das?"
(Auszug)

Nach Sals einzigem, aber desaströsen Fehler – der Ermordung von vier FBI-Be­amten – wäre sein Schicksal eigentlich besiegelt. Aber lebend bringt er mehr ein als tot. Dem FBI präsentiert die Mafia eine Stellvertreterleiche, während der echte Sal nach Las Vegas verkauft wird – an Bennie Savone, den dortigen Gang­ster­boss. Savone braucht jemanden, der sehr rasch den Nachwuchsrabbi mimen kann; der letzte in seiner Gemeinde verstarb an einer ungesunden Mitwisserschaft. Dank des eidetischen Gedächtnisses kann Sal auch ohne langjähriges Studium die komplizierten jüdischen Regeln und Rituale im Kopf abspeichern, so dass er nicht als Mafia-Goi auffliegt.

Zwar ist Bennie Savone kein Jude. Aber er hat eine Jüdin geheiratet und als Zugabe den Alt-Rabbi zum Schwiegervater erhalten. Somit fungiert der italienische Pate als Stifter und Gönner der jüdischen Gemeinde. Durchaus zum eigenen Vorteil, denn jede Gemeinde besitzt einen Friedhof. Und wer einen Friedhof hat, kann darin legal verschwinden lassen, wen immer er will.

Gab es einen besseren Platz für die Bestattung von Kriegstoten als einen Fried­­hof? Das FBI würde schon einen göttlichen Beschluss vorlegen müssen, damit ihnen ein Richter erlaubte, Leichen auf einem jüdischen Friedhof aus­zu­buddeln.
(Auszug)

Die "Kriegstoten" sind Mafia-Leichen aus den gesamten USA, ein lukratives Geschäft. Allerdings braucht man dazu einen vertrauenswürdigen Mafia-Rab­bi für die Beerdigungen, namentlich Sal Cupertine. Nach etlichen kosmetischen Operationen wird er äußerlich zu Rabbi David Cohen. Innerlich prägt er sich mühelos Talmudsprüche und Tora-Pas­sagen ein. Aber wie das mit Worten so ist: Man kann sie – als Eidektiker sowieso – scheinbar teilnahmslos lernen, irgendwann beginnen sie doch zu wirken. Selbst bei einem Killer.

Außerdem musste er sich eingestehen, dass er immer wieder so winzigkleine Erschütterungen der Erleuchtung erlebte, vor allem, wenn er von der Heiligkeit des Lebens las. Früher war er nicht unbedingt belesen gewesen, [...] nach­dem er jetzt aber irgendwie diese vielen religiösen Texte zu verdauen hatte, füllte sich sein Gehirn mit ganz neuen Gedanken.
(Auszug)

Der jüdische Autor Tod Goldberg hat mit "Gangsterland" eine Travestie des bürgerlichen Bildungsromans im Gewand des Krimis geschrieben. Sal Cupertines Verwandlung zwingt den Leser allerdings rasch in eine moralische Zwickmühle: Einfacher wäre es, einen guten Menschen zu einem besseren reifen zu sehen, statt einen bösen zu einem raffinierten. Denn natürlich nutzt der intelligente Kriminelle alle Vor­teile der neuen Einsichten wie der neuen Rolle, um gut getarnt die eigene Position in der Mafia auszubauen. Am Ende triumphiert Cupertine als Rabbi Cohen über alle und jeden.

Dass man den Beinahe-dann-doch-nicht-Läu­te­rungsprozess des Profikillers trotz aller Gewaltexzesse bereitwillig mitgeht, ist ein Verdienst Tod Goldbergs. Er zeichnet seinen Protagonisten gerade noch veränderungswillig genug, um dem Leser die gute Hoffnung nicht ganz zu rauben. Zum Schluss dreht er ihm wie den Genregesetzen aber doch eine lange Nase: Das Böse siegt, weil es in jeder Maskierung unverändert bleibt.

Mit den Genregesetzen hat es der Autor ohnehin nicht so: Als FBI-jagt-Killer-Krimi – ein überlebender Agent spürt ihn in Las Vergas auf ­– ist der Roman nicht rasend spannend. Er überzeugt stärker durch seine ausdifferenzierten Figuren und die fast parodistische Schilderung von Mafia und jüdischem Milieu.

Tod Goldberg: "Gangsterland"
C. Bertelsmann, München 2016. 384 Seiten, 14,99 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk