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StartseiteInterview"Flüchtlinge sind nicht diejenigen, die Probleme bereiten"25.04.2017

Kriminalstatistik 2016"Flüchtlinge sind nicht diejenigen, die Probleme bereiten"

Die Zahl der straffällig gewordenen Migranten ist laut Kriminalstatistik gestiegen. Bundeskriminalamt und Innenministerium hätten jedoch besser differenzieren sollen, kritisierte der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes im DLF. Vor allem Flüchtlinge seien weniger kriminell: "Kriegsflüchtlinge wie Syrer sind eher Opfer von Straftaten".

Thomas Feltes im Gespräch mit Sarah Zerback

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Der Polizeiwissenschaftler und Kriminologe Thomas Feltes. (imago / Hoffmann)
Die allgemeine Verunsicherung und die zunehmenden Ängste der Gesellschaft seien nicht aufgrund einer steigenden Kriminalität entstanden, betonte der Polizeiwissenschaftler und Kriminologe Thomas Feltes im Deutschlandfunk. (imago / Hoffmann)
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Sarah Zerback: Viel Licht und viel Schatten. Das ist das Lieblingsbild von Bundesinnenminister Thomas de Maizière, wenn es um die Kriminalität in Deutschland geht. Als er gestern die entsprechende Statistik aus dem Jahr 2016 vorgestellt hat, da gab es die gute Nachricht zuerst: Die Zahl der Straftaten insgesamt ist nicht gestiegen. Die schlechte ist allerdings: Gewalttaten wie Totschlag, Sexualdelikte, Körperverletzungen haben deutlich zugenommen.

Das liegt auch daran, dass die Zahl der straffällig gewordenen Migranten gestiegen ist. Darüber habe ich vor dieser Sendung sprechen können mit dem Kriminologen Thomas Feltes von der Ruhr-Universität Bochum, darüber, welche Schlüsse sich daraus tatsächlich ziehen lassen. Und ihn habe ich zunächst gefragt, ob Nichtdeutsche krimineller sind als Deutsche.

Thomas Feltes: Ja, diese Frage ist so leider nicht zu beantworten, weil selbst wenn es so wäre, würde diese Aussage oder die Antwort keinen Sinn machen. Erstens ist die Frage, wer überhaupt kriminell ist, nicht zu beantworten, weil die Polizei, die Kriminalstatistik nur einen Bruchteil aller tatsächlich begangenen Straftaten erfasst, und auch von den erfassten Straftaten wird nur ein Teil aufgeklärt. Das heißt, wir wissen immer nur ein Bruchstück, und diese Bruchstücke, die wir haben, sind auch noch relativ unterschiedlich.

"Viele kommen aus Südosteuropa hier her, um Straftaten zu begehen"

Zerback: Und doch sagt der Bundesinnenminister jetzt, die Gruppe der Zuwanderer – so nennt er sie – ist häufiger mit Straftaten aufgefallen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Woran liegt das denn?

Feltes: Das liegt ganz schlichtweg daran, dass es sich bei den Zuwanderern primär um junge Männer handelt, und das ist die Gruppe, die am meisten Straftaten begeht. Auch bei den sogenannten Biodeutschen oder bei den Einwohnern in Deutschland ist diese Altersgruppe der jungen Männer am höchsten belastet, vier-, fünf- bis achtmal so viel wie andere Altersgruppen, und auch wie Frauen. Deshalb ist es klar, wenn junge Männer nach Deutschland kommen, wäre alles andere ein Wunder, wenn die hier nicht auch straffällig werden würden.

Zerback: Einfache Mathematik also. – Der Begriff Zuwanderer allerdings, trifft der es denn dann? Wer ist damit gemeint?

Feltes: Da wird es jetzt wirklich problematisch, weil das sind tatsächlich eine sehr gemischte Gruppe. Da hätte das Bundeskriminalamt und wohl auch das Innenministerium gut daran getan, das ein bisschen zu differenzieren. Da haben wir beispielsweise die Kriegsflüchtlinge, Syrer zum Beispiel, die sehr unauffällig sind, die im Grunde genommen wenn, dann eher Opfer von Straftaten, auch von fremdenfeindlichen Straftaten werden.

Und wir haben auf der anderen Seite auch viele aus Südosteuropa, die hier herkommen, auch um Straftaten zu begehen, und wir haben diejenigen, die ohne Chance nach Deutschland kommen, wohl wissend, dass sie hier mittel- bis langfristig nicht bleiben dürfen, und wenn die dann Straftaten begehen, dann ist das auch nachvollziehbar, wenn auch nicht verzeihbar.

"Flüchtlinge werden weniger kriminell"

Zerback: Also ist es viel zu verkürzt zu sagen, Flüchtlinge werden häufiger kriminell?

Feltes: Flüchtlinge, wenn wir den Begriff Flüchtlinge wirklich ernst nehmen, muss man sogar sagen, Flüchtlinge werden weniger kriminell. Weil die Taten, die dann von ihnen registriert werden, das sind Taten, die entweder in Flüchtlingsunterkünften sich ereignen – und das sind ganz besondere Bedingungen, wo im Grunde genommen Flüchtlinge mit Flüchtlingen aneinandergeraten -, oder es sind dann auch fremdenfeindliche Straftaten gegen Flüchtlinge.

Das ist im Grunde genommen eine Gruppe, die eher weniger Probleme macht. Natürlich sind da auch junge Männer dabei, die dann auffällig werden, aber in Wirklichkeit sind es nicht die wirklichen Flüchtlinge, sondern diejenigen, die nach Deutschland kommen, weil sie hier glauben, eine Perspektive zu sehen, aber in Wirklichkeit keine haben.

"Das Bundeskriminalamt hat eigentlich in den letzten beiden Jahren differenziert berichtet"

Zerback: Es ist wie so oft: Begriffe sind ganz wichtig in diesem Zusammenhang. Wie bewerten Sie denn dann die Kommunikation der Behörden? Verleitet das nicht dann zu undifferenzierten Verallgemeinerungen?

Feltes: Das Bundeskriminalamt hat eigentlich in den letzten beiden Jahren sehr differenziert berichtet und auch sich nicht daran beteiligt, in diesem Bereich Panik zu machen. Die Politik, die dann diese mehrere hundert Seiten Kriminalstatistik quasi verkauft, die ist dann schon mal ein bisschen oberflächlicher.

Aber ich glaube, dass inzwischen auch im Grunde genommen alle Hörerinnen und Hörer und auch alle Leser verstanden haben, dass das im Grunde genommen jetzt nichts damit zu tun hat, dass wir von einem Heer von kriminellen Flüchtlingen umgeben sind, sondern dass es ganz bestimmte Gruppen sind, zum Beispiel Nordafrikaner oder zum Beispiel bestimmte Gruppen, die aus Südosteuropa kommen, die uns hier Probleme machen, und dass die Flüchtlinge, die wir so mit offenen Armen empfangen haben, nicht diejenigen sind, die Probleme bereiten.

Zerback: Gibt es denn Kriminalität, die von bestimmten Ausländergruppen eher begangen wird?

Feltes: Ja. Wir wissen natürlich, dass bestimmte Straftaten vor allen Dingen im Bereich der Kleinkriminalität, kleinere Diebstähle, Taschendiebstähle, auch ein Teil der Einbrüche geht wohl zurück auf diese Gruppen. Es ist alles das, womit man sich relativ schnell Geld beschaffen kann. Gewaltkriminalität ist ein schweres Wort. Das sind oftmals sicherlich auch Körperverletzungen, aber viele Auseinandersetzungen innerhalb dieser Gruppen selbst. Letztendlich ist es die Bandbreite, die wir auch ansonsten haben in der allgemeinen Bevölkerung.

"Absolute Zahlen nutzen hier überhaupt nichts"

Zerback: Jetzt haben Sie gerade gesagt, man kann das den Menschen zutrauen, oder wir merken, dass viele Hörerinnen und Hörer einfach unterscheiden können zwischen Populismus und Realität. Und doch kommt ja von rechts immer wieder mal der Vorwurf, zum Beispiel, dass der Migrationshintergrund in der Polizeistatistik bislang keine Rolle spielt. Das sei eine bewusste Entscheidung, um die Wahrheit vor der Bevölkerung geheim zu halten. Was entgegnen Sie denn da?

Feltes: Ja es ist schwierig, diesen Migrationshintergrund darzustellen, weil wir in vielen Fällen gar nicht wissen, was der wirkliche Hintergrund ist, wenn wir es mit Tatverdächtigen zu tun haben, weil in bestimmten Fällen die Nationalität und die Herkunft nicht geklärt werden kann, und dann muss man auch vorsichtig sein mit solchen Bezeichnungen.

Und vor allen Dingen: Absolute Zahlen nutzen hier überhaupt nichts. Was nutzt es uns, wenn wir wissen, es sind 10.000 Marokkaner straffällig geworden. Die Zahl ist erst dann sinnvoll zu interpretieren, wenn wir wissen, wie viel insgesamt in Deutschland leben und wie viel Prozent davon straffällig werden, und diese Zahlen haben wir nicht, weil wir keine Gesamtzahlen von bestimmten Migrantengruppen haben.

"Der Druck von extrem rechts ist natürlich da"

Zerback: Trotzdem ist ja die Politik immer schnell mit Forderungen dabei. Die CSU hat zum Beispiel gestern noch mal nachgelegt und gefordert, dass die Einstufung der Maghreb-Staaten als sichere Herkunftsstaaten vorangetrieben werden soll.

Feltes: Ja, das ist nun das Geschäft der Politik. Und vor allen Dingen in Zeiten wie diesen, wo wir Wahlkämpfe bevorstehen haben, muss man natürlich versuchen, sich zu profilieren. Der Druck von extrem rechts – das sehen wir jetzt auch in Frankreich und auch in Deutschland mit der AfD – ist natürlich da und von daher versuchen die Parteien, die sich rechts des Spektrums sehen, auch in diese Bresche zu schlagen und sich das zunutze zu machen.

Zerback: Auch die Sorgen und die Ängste der Menschen, weil da wissen wir ja, das Unsicherheitsempfinden vieler Menschen, das ist durchaus gestiegen, auch wenn wir gestern eine gute Nachricht gehört haben, denn die Gesamtzahl der Straftaten ist ja gar nicht gestiegen. Sind die Sorgen also unbegründet?

Feltes: Was die Kriminalität anbetrifft, kann man sagen ja. Die allgemeine Verunsicherung in Deutschland und die Ängste, die kommen aus anderen Bereichen. Wir haben tatsächlich in verschiedenen Studien festgestellt, dass die Menschen insgesamt aufgrund der Politik auch, aufgrund der Unsicherheit in der EU, aufgrund der Globalisierung, der Flüchtlingsbewegung insgesamt, aber auch ihrer eigenen Zukunftssituation, sprich Renten und Gesundheit zutiefst verunsichert sind.

Sie trauen der Politik einfach nicht mehr zu, diese Probleme, die sie selbst betreffen, zu lösen, und diese Verunsicherung macht sich dann auch im Bereich Kriminalität fest und macht sich an den Straftätern fest, wobei die wirklichen Probleme ganz woanders liegen.

"Videoüberwachung ist eine vordergründige Sicherheit"

Zerback: Die Sicherheit, das Sicherheitsempfinden, ließe sich das erhöhen, zum Beispiel durch mehr Polizei, durch mehr Videoüberwachung?

Feltes: Ja, das glauben viele. Aber nach dem, was wir empirisch als Kriminologen wissen, ist das auch nur bedingt der Fall. Videoüberwachung ist eine vordergründige Sicherheit, die geht relativ schnell weg, wenn man dann weiß, dass tatsächlich die Polizei doch nicht eingreifen kann. Und mehr Polizei – nun ja, das ist schwerpunktmäßig in bestimmten Bereichen und zeitlich befristet möglich. Aber letztendlich ist Polizei ein sehr teures Gut und das muss gezielt eingesetzt werden, da wo es notwendig ist.

Und Sie können nicht mal selbst prüfen, wenn Sie plötzlich an Stellen mehr Polizei sehen, wo Sie bisher keine Polizei gesehen haben, dann führt das nicht unbedingt zu mehr Sicherheit, sondern eher zu mehr Unsicherheit, weil Sie dann die Frage stellen, dann muss ja hier etwas Problematisches geschehen sein oder es muss ein gefährlicher Bereich sein, wenn hier plötzlich so viel Polizei auftaucht.

"Wir haben weniger Empathie insgesamt in der Gesellschaft"

Zerback: Könnte zumindest das subjektive Sicherheitsempfinden dadurch erhöht werden?

Feltes: Das kann man dadurch erhöhen, dass einfach die Menschen besser miteinander kommunizieren, die Nachbarn sich besser abstimmen, dass man wieder mehr Vertrauen zueinander entwickelt, sich mehr umeinander kümmert. Die Polizei ist hier nur im Grunde genommen das letzte Glied in der Kette.

Die Verunsicherung in der Gesellschaft hat ganz viel damit zu tun, dass wir eine vereinzelte Gesellschaft sind, dass niemand mehr sich um den anderen kümmert und dadurch auch ein Gefühl von Alleinsein, Vergessensein und an Unsicherheit entsteht, und da kann die Polizei nichts dran ändern.

Zerback: Und auch eine Verrohung in unserer Gesellschaft? Die hat Thomas de Maizière ja jetzt beklagt. Teilen Sie diese Analyse?

Feltes: Ja, wir haben tatsächlich eine Entwicklung, die dahin geht, dass weniger Rücksicht genommen wird aufeinander. Wir haben weniger Empathie insgesamt in der Gesellschaft. Das ist eine Entwicklung, die leider seit vielen Jahren zu beobachten ist. Moralische Empfinden werden zunehmend an den Rand gedrängt. Man kümmert sich nicht mehr umeinander.

Aber das lernt man auch und man macht die Erfahrung selbst und entsprechend verhält man sich. Ich glaube, hier muss tatsächlich ein Wandel in der Auffassung der Gesellschaft einsetzen, und die Erziehung spielt hier eine ganz große Rolle. Da wird man, glaube ich, nacharbeiten müssen in den nächsten Jahren.

Zerback: … sagt der Bochumer Kriminologe Thomas Feltes. Vielen Dank für das Gespräch.

Feltes: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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