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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie gefühlte Unsicherheit08.05.2018

Kriminalstatistik 2017Die gefühlte Unsicherheit

Deutschland ist vermutlich so sicher wie seit dreißig Jahren nicht mehr - doch diese Botschaft komme nicht an, kommentiert Gudula Geuther die Polizeiliche Kriminalstatistik. Die Bevölkerung fühle sich weiterhin unsicher. Verantwortlich dafür seien auch die Medien - und einzelne Strömungen in der Politik.

Von Gudula Geuther

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Ein Flatterband mit der Aufschrift «Polizeiabsperrung» ist am 05.11.2014 in Freiburg (Baden-Württemberg) an einem Einsatzort vor einem Feuerwehrfahrzeug mit Blaulicht zu sehen. Ein Fußgänger ist am 16.06.2017 bei einem illegalen Autorennen in Mönchengladbach (Nordhrein-Westfalen) getötet worden.  (Patrick Seeger/dpa)
Die Kriminalität in Deutschland geht laut Statistik zurück - die Polizei erfasste 2017 die niedrigste Zahl an Straftaten seit 1992 (Patrick Seeger/dpa)
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Skepsis gegenüber Statistiken ist angebracht, auch gegenüber der Polizeilichen Kriminalstatistik. Die bildet nicht ab, wie viele Straftaten in Deutschland begangen werden, sondern nur das, was die Polizei wahrnimmt. Schaut sie weg, sinken die Zahlen, strengt sie sich in einem Bereich besonders an und hat Erfolge, steigen sie. Aber selbst wenn man diese Grundregel hier anwendet, sind die Zahlen erfreulich.

Die Zahlen bestehen den Test

Beispiel Alltagskriminalität: Wenn die Polizei weniger Autodiebstähle und Wohnungseinbrüche registriert, haben wohl wirklich weniger stattgefunden. Denn solche Delikte zeigt das Opfer üblicherweise an. Dasselbe gilt für schwere Gewalttaten. Und auch die sind im vergangenen Jahr gesunken. Wenn Rauschgiftdelikte deutlich gestiegen sind, kann das alarmierend sein - oder ein Zeichen dafür, dass Sicherheitsbehörden hier einen Schwerpunkt gesetzt und ihre Sache gut gemacht haben. Denn Drogen findet nur, wer sie sucht. Und dann gibt es noch das Anzeigeverhalten. Auch diesen Test bestehen einige der Zahlen. So gehen Kriminologen etwa davon aus, dass Taten von Ausländern außerhalb geschlossener Milieus besonders oft der Polizei gemeldet werden. Wenn also auch hier die Zahlen sinken, könnte das real sein. Also: Deutschland ist wohl sicherer, vielleicht sogar so sicher wie seit dreißig Jahren nicht mehr.

Nur - die Botschaft wollte bisher nicht recht ankommen. Das kann daran liegen, dass wir eben doch vieles nicht wissen - eben zum Beispiel, wie es bei Drogendelikten wirklich aussieht in Deutschland. Hier spricht vieles dafür, den periodischen Sicherheitsbericht wieder aufzulegen, wie es die Grünen fordern. Ein solcher Bericht kann - wieder Beispiel Drogen - auch die Erkenntnisse von Krankenhäusern oder die Zahl der Drogentoten mit einrechnen. Und er kann dann eine Grundlage für sachbasierte Sicherheitspolitik bilden.

Einzelfälle werden aufgebauscht

Er kann außerdem - und das haben die früheren Berichte vor mittlerweile über einem Jahrzehnt auch getan - genauer untersuchen, warum die Botschaft nicht ankommt. Warum also die mutmaßliche Sicherheit und das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung so sehr auseinanderlaufen. Denn das tun sie. Auch wenn sich die meisten Menschen recht sicher fühlen - fast die Hälfte fühlt sich unsicherer als noch vor einigen Jahren. Wichtig wäre zu wissen, warum das so ist. Und da spricht - neben dem Internet und weniger Geborgenheit in einer globalisierten Welt vieles für eine Verantwortung der Medien, die in der Summe immer mehr dazu neigen, Einzelfälle aufzubauschen oder Realitäten mit Blick auf die Herkunft von Tätern zu verzerren.

Politisches Spiel mit der Angst

Und es spricht vieles für eine Verantwortung einzelner Strömungen in der Politik. Seit Langem haben Teile von CDU und CSU Sicherheitspolitik mit dem Spiel mit der Angst betrieben, wie es jetzt vor allem die AfD gern tut. Seit einigen Jahren tut sich unter anderem die CSU besonders hervor damit, das Vertrauen in den Rechtsstaat zu beschädigen. Von der "Herrschaft des Unrechts" eines Horst Seehofer bis zur ganz aktuellen Diskreditierung rechtsstaatlicher Verfahren im Ausländerrecht durch Alexander Dobrindt. Es gibt also viel Raum zur Kritik. Aber mit Blick auf die Zahlen - und das ist doch auch mal ganz angenehm - auch zur Beruhigung

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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