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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWarum die Deutschen besonders viel Angst haben01.09.2016

KriminologieWarum die Deutschen besonders viel Angst haben

Eine Studie der Uni Bochum legt nahe, dass Deutsche "Sicherheitsphobiker" sind: Sie haben Angst vor Gewalt, die selten vorkommt. Und fühlen sich sicher, wo es am unsichersten ist: in den eigenen vier Wänden. Von dieser "German Angst" profitiert die Politik – aber auch die Hundezüchter, sagt der Kriminologe Thomas Feltes im DLF und erläutert die Gründe für die "German Angst".

Thomas Feltes im Gespräch mit Ulrike Burgwinkel

Der Schatten eines Mannes mit einem großen Küchenmesser in der Hand wird an eine weiße Wand geworfen. (picture alliance / ZB - Thomas Eisenhuth)
"Die eigenen vier Wände sind der unsicherste Ort in der Gesellschaft." (picture alliance / ZB - Thomas Eisenhuth)
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Buch von Sabine Bode Die Wurzeln der "German Angst"

"Obwohl wir in Deutschland in einer der sichersten Gesellschaften leben, haben wir eine zunehmende Verbrechensangst", sagte Thomas Feltes, Inhaber des Lehrstuhls für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Kriminologen kennen dieses Phänomen als Verbrechen-Furcht-Paradox oder Kriminalität-Furcht-Paradox. Menschen in Deutschland werden heute nachweislich weniger Opfer von Straftaten, fühlen sie sich aber trotzdem unsicherer.

Tatsächlich würden sich die Deutschen von anderen Ländern und Völkern damit abheben. Die sogenannte German Angst gibt es nicht nur sprichwörtlich. Das sei kein neues Phänomen, führte Feltes im DLF weiter aus: "Wir wissen seit vielen Jahren, dass die German Angst wohl etwas damit zu tun hat, dass wir Deutschen Kontrollfreaks sind." Würde man zum Beispiel die Terroranschläge von Frankreich nach Deutschland übertragen, so spekulierte der Kriminologe, wäre hier eine viel größere Hysterie ausgebrochen.

"Wer viel zu verlieren hat, hat auch mehr Angst"

Derzeit hätten nun viele Bürger das Gefühl, an vielen Stellen brächen die Dinge zusammen, seien nicht mehr so, wie sie früher einmal gewesen seien. Verwerfungen in der EU, Bankenkrise, Sorgen um die Renten, Furcht vor der Globalisierung, die mit den Flüchtlingen vor der Haustür der Menschen angekommen ist - all das führe zu einer allgemeinen Verunsicherung, erläuterte Feltes. Und dies werden dann an der Verbrechensfurcht festgemacht.

Für die Verbrechenssorgen der Deutschen gibt es weitere Erklärungsansätze. Wer viel zu verlieren habe, so der Wissenschaftler, habe auch eine größere Angst: "Und tatsächlich geht es ja vielen in unserer Gesellschaft heute besser als früher."

Unsicherster Ort in der Gesellschaft

Für ein Beispiel verwies Feltes auf Bochum. Dort wurde die Studie "Kriminalitätsphänomene im Langzeitvergleich am Beispiel einer deutschen Großstadt" durchgeführt. Überaus viele Bürger sind demnach der Meinung, sie würden demnächst Opfer eines Raubes. Der Studie zufolge wurden vergangenes Jahr aber tatsächlich nur ein Bruchteil Opfer eines Raubes. Wirklichkeit und subjektive Wahrnehmung klafften heir weit auseinander, sagte Feltes.

Feltes verwies auf ein weiteres Paradox: "Über 90 Prozent der Befragten haben angeben, dass sie sich zuhause sehr sicher fühlen. Wir Kriminologen wissen aber, dass die eigenen vier Wände der unsicherste Ort in der Gesellschaft sind." Dort passierten tödliche Haushaltsunfälle. Es gebe fast hier zehnmal so viele Tote wie durch Gewaltstraftaten. Feltes fügte hinzu: Und drei von vier Gewalttaten ereigneten sich innerhalb der eigenen vier Wände.

Nicht die AfD profitiert

Die Angst ist ein gutes Geschäft für die Sicherheitsbranche. Der Absatz von Pfeffersprays und Elektroschockern ist gestiegen. Viele haben sich bewaffnet. Auch Hundezüchter sind besondere Profiteure der Angst. Laut Feltes haben sich Menschen wegen der gestiegenen Angst zuletzt vermehrt einen Hund angeschafft.

Zudem verwies Feltes auf die Politik. Politiker – "nicht nur der AfD" - nutzten diese Situation aus. Politiker könnten sich nämlich hinstellen und sagen: "Wir kümmern uns um eure Ängste." Also: Wählt uns! (tgs/vse)

Das gesamte Gespräch können Sie mindestens sechs Monate in unserer Mediathek nachhören.

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